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„Wer nicht will, dass Kobane an den IS fällt, der muss auch was tun“

Die Kämpfe zwischen dem „Islamischen Staat" und der kurdischen YPG gehen in voller Härte weiter. In Wien sammeln nun junge Leute Geld—sie wollen „Waffen für Rojava".
18.11.14

Seit Monaten ist die syrisch-kurdische Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei ein Symbol für den Kampf gegen die Terrormiliz „ ​Islamischer Staat" (IS). Auf der einen Seite kämpfen die FundamentalistInnen. Sie wurden von den reaktionären Öl-Diktaturen auf der arabischen Halbinsel finanziert und aufgebaut, die übrigens allesamt mit den USA verbündet sind. ​Vor allem dem Emirat Katar wird vorgeworfen, hunderte Millionen Dollar in den Aufbau des IS gesteckt zu haben.

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Auf der anderen Seite kämpfen die kurdischen Selbstverteidigungskräfte der YPG/YPJ. Sie sind die Milizen der PYD, der „Partei der Demokratischen Union", die sich als sozialistisch versteht und für eine demokratische Gesellschaftsordnung in der Region kämpft. Die PYD, die mit der kurdisch-türkischen PKK verbündet ist, ist allerdings extrem schlecht ausgerüstet. Es gibt kaum schwere Waffen auf Seiten der YPG, den Panzern des IS sind die YPG-Einheiten hoffnungslos unterlegen.

Das wollen einige junge Leute in Wien jetzt ändern. Sie haben in Österreich die Kampagne „Waffen für Rojava" gegründet. Ich habe mit Mo Sedlak, einem der Gründer der Kampagne, darüber gesprochen.

Porträt von Mo Sedlak mit Flyer für „Waffen für Fojava", Foto von Michael Bonvalot

VICE: Mo, wie kommen junge Leute aus Wien auf die Idee, Geld für Waffen in Rojava zu sammeln?
​Mo Sedlak: Wir alle haben die Bilder im Fernsehen gesehen. Die Menschen, die vor dem IS flüchten mussten. Das Regime in den eroberten Gebieten, die geköpften Menschen, die versklavten Frauen. Die Unterdrückung von religiösen und ethnischen Minderheiten. In Rojava findet ein enorm wichtiger Kampf statt. Die Kämpfer der YPG und der Fraueneinheiten der YPJ wehren sich gegen den Aufmarsch der KlerikalfaschistInnen, das hat uns sehr beeindruckt. Hier treffen wirklich zwei Gesellschaftsmodelle aufeinander.
​Jeder neue Sieg des IS bedeutet einen neuen möglichen Massenmord, bis hin zu Genoziden. Das haben wir ja schon bei der furchtbaren Vertreibung der Jesiden aus dem Irak gesehen. Der IS wollte die Leute im Gebirge einfach verhungern lassen. Der militärische ​Einsatz der YPG und der PKK hat dafür gesorgt, dass ein großer Teil gerettet werden konnte. Wir sehen in der gesamten Region, was passiert, wenn der IS sich durchsetzt. Wir wollten nicht nur im Fernsehen beobachten. Für uns war die Sache klar: Wer nicht will, dass Kobane an den IS fällt, der muss auch was tun.

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Es kommen ja jetzt bereits Waffen von den USA. Ist eure Kampagne dann weiterhin sinnvoll?
​Absolut. Die USA werfen zwar jetzt einzelne Waffen ab, doch das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Unsere kurdischen Freunde sagen uns, dass die USA den IS nicht bombardieren, um Rojava zu befreien, sondern um IS zu schwächen. Die YPG kann und sollte das ausnützen, aber sie weiß, dass sie den USA nicht vertrauen kann.
​Auch die Waffen der USA gehen ja zum absolut größten Teil nicht an die YPG, sondern in das kurdische Autonomie-Gebiet im Nord-Irak. Dort regiert die sehr konservative kurdische KDP, die mit der Türkei verbündet ist und in der Vergangenheit auch gegen die PKK gekämpft hat. Die USA unterstützen also konservative Parteien wie die KDP, aber nicht so gern ein linkes selbermächtiges Projekt wie Rojava.
​Jetzt schickt die KDP zwar Truppen nach Rojava, doch das ist sehr zweischneidig. Das sind natürlich eigene Elitetruppen, die auch eine bestimmte politische Ausrichtung haben. Es ist wohl auch kein Zufall, dass die Türkei der PKK verbietet, Truppen über die Grenze nach Rojava zu schicken, die Peshmergas der KDP aber die Türkei durchqueren dürfen. Der Nebeneffekt ist also eine bewusste Veränderung der politischen Landschaft in Rojava und eine Schwächung der fortschrittlichen Kräfte. Wenn die YPG keine eigenen Waffen hat, steht sie also weiterhin nackt da. Wenn du Waffen hast, kannst du dich wehren. Wenn nicht, bist du von der Gnade anderer abhängig.

Foto von Waffen für Rojava

Du hast die Türkei erwähnt. Wie siehst Du denn ihre Rolle in diesem Konflikt?
​Das NATO-Mitglied Türkei steht heute mit modernsten Panzern an der Grenze und sieht in aller Ruhe zu, wie der IS gegen die YPG vorgeht. Das sollte eigentlich bereits alles sagen.
​Das hat natürlich wichtige politische Hintergründe. Die KurdInnen sind eine der größten Nationalitäten ohne eigenen Staat. Der größte Teil von ihnen lebt im Südosten der Türkei, dort werden sie seit Jahrzehnten von der türkischen Regierung unterdrückt. Seit vielen Jahren kämpft dort die kurdische PKK, die ja mit der YPG verbündet ist, gegen das türkische Militär. Die Türkei hat keinerlei Interesse daran, dass jetzt direkt an ihrer Grenze eine autonome linke kurdische Region entsteht. Das zeigt sich ja auch klar an den Vorschlägen der Türkei. Sie sagen, sie wollen eine Pufferzone auf syrischer Seite einrichten. Ganz zufällig wären das genau die Gebiete, die heute von der YPG kontrolliert werden. Sie warten schlicht, bis der IS Rojava überrollt hat, dann werden sie einmarschieren.
​Die Türkei steht auch mit Panzern an der Grenze, weil sie genau wissen, dass der IS am Boden geschlagen wird, nicht aus der Luft. Sie haben sich das ja auch lange genug wohlwollend angeschaut. Es wurde zugelassen, dass Waffentransporte durch die Türkei gehen, das Land ist eine wichtige Nachschublinie für Personal und Infrastruktur, es gibt medizinische Versorgung für verwundete IS-Kämpfer. Wenn Flüchtlinge aus Rojava kommen, werden sie an der Grenze oft verhaftet. Kämpfer des IS hingegen können die Grenze meist problemlos passieren.

Ihr hättet ja auch Geld für Nahrungsmittel sammeln können. Gibt es nicht bereits zu viele Waffen in der Region?
​Es kommt nicht darauf an, wie viele Waffen es gibt, sondern wer sie hat. Es gibt viele Waffen in der Region, aber zu wenige bei der YPG. Hier stößt der Pazifismus an seine Grenzen. Entweder will ich nicht, dass Kobane vom IS überrollt wird. Oder ich will nicht, dass Gewalt angewendet wird. Beides geht nicht. Wenn ich aber sage, dass ich nicht will, dass die YPG kämpft und sich wehrt, dann wird der IS Gewalt anwenden und noch mehr Menschen unterdrücken und versklaven. Wir wollen, dass die YPG kämpft, also unterstützen wir das auch mit unseren Möglichkeiten.
​Natürlich ist es im Bürgerkrieg vor allem eine politische Frage, wer gewinnt. Aber es ist eben auch eine militärische Frage. Die Einheiten der YPG/YPJ sind technisch massiv unterlegen. Der IS greift mit schwerer Artillerie an, mit Panzern, mit modernen Geräten. Das beste, was die YPG hat, sind zumeist Maschinengewehre. Das kann nicht gut gehen.
​Der Westen und seine Verbündeten in der Region haben den IS überhaupt erst ermöglicht und finanziert. Ich fände es absurd, wenn jetzt fortschrittliche Kräfte dafür kritisiert werden, dass sie Leute unterstützen, die ihr Leben riskieren im Kampf gegen den Klerikalfaschismus. Wir wollen nicht nur reden, wir wollen praktisch Abhilfe schaffen.

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Wie darf ich mir das denn konkret vorstellen? Ich spende euch Geld und ihr kauft dann ein Maschinengewehr und schickt es nach Kobane?
​Nein, natürlich nicht. Das wäre nicht nur unpraktisch, sondern auch illegal. Und für uns ist wichtig, dass das alles korrekt abläuft. Wir sammeln das Geld und übergeben es dann an die PYD Auslandsorganisation in Berlin. Diese schickt es dann in die Region und zur YPG. Das Geld kommt garantiert an, wir haben auch bereits ein erstes Dankesschreiben der YPG erhalten.

Apropos legal—die PKK steht doch auch auf der EU-Terrorliste …
​Das stimmt. Doch die Spenden gehen an die PYD, die nicht verboten ist. Daneben ist es natürlich absurd, dass die PKK verboten ist. Wer bestimmt denn, wer Terrorist ist? Für mich ist das türkische Militär terroristisch und nicht die Leute, die sich gegen ethnische Unterdrückung wehren.
​Ich bin auch gespannt, wie das weitergeht. In Deutschland haben sich ja jetzt Parlaments-Abgeordnete im Bundestag mit der Fahne der PKK photographieren lassen. Das Zeigen dieser Fahne ist in Deutschland verboten. Das wird ein sehr interessantes Verfahren, wenn der deutsche Staat Abgeordnete wegen der PKK-Fahne anklagt, während die PKK und die PYD in Syrien gegen die KlerikalfaschistInnen kämpfen.

Foto von Waffen für Rojava

Was macht ihr konkret, um Spenden zu sammeln?
​Aktuell machen wir in Wien vor allem Info-Veranstaltungen, wo wir Spenden sammeln. Es gibt Plakate, Flugblätter, wir werben auf Social-Media-Kanälen, vor allem ​auf unserer eigenen Seite. Auch eine Soli-Party ist in Planung. Aber der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. In Kiel in Norddeutschland hat eine Gruppe etwa vegane Waffeln verkauft unter dem Motto „Waffe(l)n für Kobane". Dabei sind an einem Tag 250 Euro reingekommen.
​Es gibt aber natürlich auch Hindernisse. So wurde unser erstes Konto gesperrt, wir mussten extrem viel Material einstampfen. Doch nun gibt es ​ein neues Konto und alles läuft sehr gut, es kommen wirklich viele Spenden rein. Mittlerweile stehen wir bereits bei über 60.000 Euro, die wir zusammenhaben. Bis Jahresende haben wir ein Spendenziel von 100.000 Euro. Damit können unter anderem Panzerabwehr-Lenkraketen gekauft werden. Die Panzer des IS sind eines der größten militärischen Probleme, es wäre zentral, sie auszuschalten.

Von wem geht die Kampagne aus, wer unterstützt euch?
​Die Idee kommt aus Berlin. Dort hat die NAO, die ​„Neue antikapitalistische Organisation" die Kampagne begonnen. Die NAO ist ein Deutschland-weiter Zusammenschluss von verschiedenen linken Organisationen. Dann kam die ​ARAB aus Berlin dazu, eine sehr bekannte Gruppe aus dem autonomen Spektrum, die mittlerweile auch der NAO beigetreten ist. Die dritte Partnerin ist die ​„Perspektive Kurdistan", ein wichtiges Info-Portal über die Situation in der Region. Viele andere Organisationen unterstützen die Kampagne bereits.
​In Österreich stehen wir noch am Anfang. Begonnen hat der ​„ArbeiterInnenstandpunkt", das ist eine trotzkistische Organisation, bei der ich ebenfalls aktiv bin. Dann kam als erstes die ​Jugendorganisation „Revolution" dazu, mit der wir eng zusammenarbeiten. Von anderen Organisationen gibt es starke Signale, dass sie ebenfalls unterstützen werden. Es fließen auch schon Spenden, wir hoffen natürlich, dass wir bald ein größeres Bündnis aufbauen können.

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Was ist deine Perspektive für die Region, was sollte dort deiner Meinung nach passieren?
​Für mich ist vor allem wichtig, dass es hier nicht nur um kurdische Gebiete geht, sondern um eine regionale sozialistische Lösung für alle Menschen in der Region, gemeinsam mit TürkInnen und AraberInnen.
​Wir haben zur PKK und zur PYD ein solidarisches, aber auch kritisches Verhältnis. Wir unterstützen ihren Kampf, das heißt aber nicht, dass wir alles richtig finden. Ich finde es etwa sehr gut und wichtig, dass die PKK und PYD sehr viel für die Befreiung von Frauen tun. Es sind ja auch in den ​militärischen Einheiten bis zu 40% Frauen. Das Konzept der Selbstverwaltung für Rojava und die Solidarität unter den Menschen ist ​ebenfalls positiv. Es ist auch beachtenswert, dass auch AraberInnen in den Reihen der YPG kämpfen.
​Gleichzeitig wäre mir wichtig, zu betonen, dass es ja auch in den kurdischen Gebieten ein „Unten" und ein „Oben" gibt, also die soziale Frage gelöst werden muss. Auch die Guerilla-Tradition der PKK in den Bergen finde ich als alleinige Strategie hinterfragenswert. Die kurdischen ArbeiterInnen in den türkischen und syrischen Städten wurden und werden da oft allein gelassen.
​Aber bei aller freundschaftlichen Kritik steht die Solidarität im Vordergrund. Die Kämpfer und Kämpferinnen in der Stadt Kobane ​stellen sich in eine lange Tradition des Kampfes gegen Unterdrückung, das finden wir wichtig und gut.

Nun kommen ja auch Flüchtlinge aus Syrien nach Österreich. Wie siehst Du die Debatte hierzulande?
​Die Rolle der EU ist erbärmlich. In den Ländern rund um Syrien werden derzeit Millionen von Flüchtlingen aufgenommen. In Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, ​schreien die Parteien wegen ein paar tausend​ Menschen. ​Menschen sterben an den Grenzen der Festung Europa, weil die EU sich abschottet. Für mich ist klar, dass die EU-Grenzen für Flüchtlinge geöffnet werden müssen.
​In Österreich zu leben, heißt für mich, den Rassismus gegen Muslime zu bekämpfen. Nimm den ​Aufmarsch in Wien-Simmering letzte Woche. Hier war nicht nur die FPÖ vertreten, sondern auch Neonazis und rechte Hooligans. Ich war natürlich auf der Demo gegen diesen Aufmarsch.Von dort bin ich dann in die Druckerei und habe die Plakate für unsere Kampagne abgeholt. Das bedeutet für mich internationale Solidarität.

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Titelbild von ​Flickr | ​DVIDSHUB | ​CC BY 2.0