In Rumänien zu leben, bedeutet ganz oben zu sein: ganz oben auf den Listen der Europäischen Union für nationale Armut, Unfallstatistiken, Alkoholkonsum, psychische Krankheiten, Mineralölsteuer und einige andere Sachen, für die ich aber gerade zu bescheiden bin, um sie hier zu wiederholen.
Rumänien ist 2007 der EU beigetreten, was uns aber anscheinend weder dabei geholfen hat, zumindest einige dieser Probleme zu lösen, noch uns etwas näher in Richtung des vermeintlich fortschrittlicheren europäischen Lebensstils zu bewegen, den wir seit dem Fall des Kommunismus herbeisehnen. Dieses Jahr kam allerdings die Nationale Liberale Partei mit einem Lösungsvorschlag um die Ecke, dem ich tatsächlich das Potential zuschreiben würde, dass er die Dinge für uns ändert: einen Wechsel von der Osteuropäischen Zeitzone (EET) in die Mitteleuropäische Zeitzone (CET)!
Dieser geniale Vorschlag ist das Herzstück der Wahlkampagne der Partei für die anstehende Europawahl am 25. Mai. „Mit dieser Änderung möchten wir zeigen, dass wir die gleichen Werte vertreten wie Westeuropa. Außerdem möchten wir dadurch unsere wirtschaftliche und soziale Effizienz steigern“, so die Begründung. „Wir wollen, dass bei uns die gleiche Uhrzeit ist wie in den anderen europäischen Metropolen, damit wir die Unterschiede zwischen uns begradigen können—Unterschiede, die unberechtigt sind“, fügte die Partei weiter in einer Presseerklärung aus.
Die ganze Kampagne wird mit einem Werbevideo abgerundet, in dem sie die Vorteile ihres Vorhabens erklären: Wir Rumänen werden die Möglichkeit haben, uns zur gleichen Zeit ein Frohes Neues Jahr zu wünschen, werden zu den gleichen Zeiten arbeiten wie der Rest Europas—und nie wieder wird einer unserer Anrufe, unsere arme, ausgewanderte Tante aufwecken, die irgendwo in Spanien Erdbeeren pflückt—höchstwahrscheinlich unter den wachsamen Augen eines modernen Sklavenhalters. (Mehr als sieben Prozent der arbeitenden Bevölkerung Rumäniens hat das Land für das ‚echte Europa’ verlassen.)
„England ist das einzige Land, das der CET eine Stunde hinterherhängt“, erklärt die Stimme aus dem Off. „Allerdings fahren sie auch auf der falschen Straßenseite, haben eine andere Währung und essen Würstchen mit Bohnen zum Frühstück.“
Screenshot aus dem Youtube-VideoDie mit Abstand absurdeste Behauptung in diesem Clip ist jedoch die, dass, wenn die Rumänen nicht für die Liberalen und ihre Zeitzonenänderung wählen, sie sich automatisch dafür entscheiden, Verbündete von Putin und Russland zu sein—genau wie unser ehemaliger Diktator Nicolae Ceașecu, der sich 1979 dafür entschied, die Zeitzone zu wechseln.
„Wussten Sie schon, dass die Krim vor einem Monat in die russische Zeitzone gewechselt ist? Das bedeutet, dass die Zeit eines Staates nichts mit Breitengraden oder Zeitzonen zu tun hat, sondern mit politischen Entscheidungen. Es handelt sich um die Stunde, die Ceaușescu uns näher an Moskau bringen wollte. 2014 ist es unsere Pflicht, sein Erbe ein für alle Mal loszuwerden. Wir sind keine dummen Menschen mehr.“

