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GAMES

Die unglaublich absurde Geschichte von Sex in Videospielen—Teil 1

Wer sich zu Games aus der Atari- und Sega-Ära einen Runterholen wollte, musste echt viel Fantasie beweisen.
25.7.14

Illustrationen: Stephen Maurice Graham

Wir schreiben das Jahr 1997 und ich durchforste das Internet nach dem legendären „Lara Croft Nacktpatch". Das war so die Zeit, in der ein Download ungefähr 60 Jahre gedauert und das schrille Geräusch des Modems Ohrenbluten verursacht hat. Nach geschätzten 30 Jahren Download-Zeit und einem blutverschmierten T-Shirt-Kragen kommt mein 12-jähriges Ich endlich zur Vernunft und ich denke mir: „Was zum Teufel machst du da eigentlich? In ein paar Jahren hast auch du einen richtigen Frauenkörper und deine Titten werden ganz bestimmt nicht wie die Pyramiden von Gizeh aussehen. Du kannst dann einfach deine eigenen, echten, gottverdammten Titten anschauen. Das hier ist etwas, dass die Jungs aus der Schule begaffen und sich dann ‚ekelhaft' denken." Das Internet ist ein toller Ort, um sich selbst zu entdecken.

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Das war wahrscheinlich der erste Moment, in dem mir bewusst wurde, dass das Internet sexuelle Inhalte bereit hielt, denn ich habe auf mysteriöse Weise verstanden, dass Lara Croft mit Sex in Verbindung gebracht werden sollte. Was auch immer ich da gedownloadet habe, sollte sich als ein Haufen Pornos herausstellen, die absolut gar nichts mit Tomb Raider zu tun hatten (außer es handelt sich dabei um eine sehr spezielle Umschreibung). Ich wünschte, jemand hätte ein Foto von dem Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht meines 12-jährigen Ichs gemacht. Jetzt sehe ich mir die nackte und kantige 1997er Lara Croft an und kann nicht verstehen, wieso das damals jemanden interessierte. Die Bilder erscheinen mir eher wie das genaue Gegenteil einer Wichsvorlage.

Zum Glück wurden wir im Laufe der Zeit immer besser in dem Scheiß.

1978 – 1981: ZUM MASTURBIEREN IST KREATIVITÄT GEFRAGT

Hast du gewusst, dass die Grafik am Anfang der Computerspiele noch ziemlich schwierig zu programmieren war? Das bedeutete, dass zuerst noch textbasierte Spiele vorherrschend waren. Die erotischen Möglichkeiten von Text wurden in den Anfangstagen von „Videospielen" auf jeden Fall ausgereizt. Damals entstand im Urschleim etwas, das man MUDsex nannte: Cybersex, der in einer Echtzeit-Rollenspiel-Welt stattfindet.

Genauso wie für die ‚Choose-Your-Own-Adventure'-Textspiele findest du im Internet auch immer noch eine kleine Nische für die Multi-User Dungeons (MUDs). Trotzdem hatte Roy Trubshaw 1978 wohl keine Ahnung, dass sein auf MACRO-10 aufgebautes MUD-Rollenspiel einen ganz neuen Weg geschaffen hat, Elfen zu knallen. Durch MUDs wurde es den Spielern möglich gemacht, sich als ein Charakter mit sexuellen Rollenspielen zu vergnügen. Auch wenn das Ganze nicht komplett anonym ablief, war es doch nicht so peinlich, wie beim Spielen von Dungeons & Dragons Bob in die Augen schauen zu müssen, während du das Rein-Raus-Spiel mit seinem Level-10-Hobbitmagier beschreibst.

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Das war Fortschritt! Die Spielentwicklungsikone Brenda Romero sagte einmal auf dem Videospielblog Joystiq: „Sex in einem Spiel unterzubringen, ohne dass die Alarmglocken schrillen, ist ganz einfach: Bau einfach ein Chatfenster ein und lass mehrere Leute gleichzeitig spielen." Die Leute konnten sogar Gefühle und Zuneigung für ihre virtuellen Sexpartner entwickeln, was allerdings bis heute noch als ziemlich komisch angesehen wird (World of Warcraft-Spieler, die im Spiel „heiraten", werden im Internet immer noch ins Lächerliche gezogen). Es ist aber auch wirklich verblüffend und (manchmal) inspirierend, wie verbissen manche Menschen darauf aus sind, sich durch virtuelles Vögeln auszudrücken.

Heutzutage findest du auf der Website Achaea immer noch textfreudige MUDsexer, auch wenn das Online-Troll-Sammelbecken Encyclopedia Dramatica das Ganze wie ein Schwerverbrechen darstellt—und das, obwohl auf beiden Seiten Trolle am Wichsen sind.

Normalerweise wird das Textspiel Softporn Adventure aus dem Jahre 1981 genannt, wenn es um die ersten Spiele geht, in denen sich wirklich alles um Sex dreht. Ein Blick auf das Cover genügt allerdings, um Sex wie die langweiligste Sache der Welt aussehen zu lassen. Die Frauen wirken etwas schläfrig und der Kellner fragt sich, wie lange er noch Drinks im (?) Whirlpool servieren kann, bevor seine Eier auf die Größe von Rosinen geschrumpft sind.

Softporn Adventure ist auch bekannt als die Vorlage des inzwischen berüchtigten Grafik-Adventure-Spiels Leisure Suit Larry In The Land Of The Lounge Lizards aus dem Jahre 1987. Softporn Adventure ist ein Parserspiel, in dem du aus zwei Worten bestehende Befehle eintippst, um dem Computer deine nächste Schritte mitzuteilen. Dabei wechselt das Spiel zwischen Skatologie (es ist möglich, in Abwasser zu ertrinken, wenn du die Spülung einer Toilette betätigst) und sehr schlechten Vergewaltigungsscherzen hin und her.

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Sowohl in Softporn Adventure als auch in Leisure Suit Larry erlebst du eine völlig durchgedrehte Nacht, in der du eine Frau heiratest, die dich fesselt und dein Geld klaut, mit einer Nutte schläfst und dich dann in eine Frau „verliebst", die Gefühle für dich entwickelt, nachdem du ihr ein bisschen Obst schenkst (Männer reden oft über meine Vorliebe für Obst!). Das soll natürlich nicht die Realität darstellen (auch wenn das Spiel laut Entwickler Charles Benton auf seinen persönlichen Erfahrungen beruht), und das wird auch ausgekostet. Trotzdem sind beide Spiele doch nicht so sehr von sexuellem Inhalt geprägt und alles läuft eher auf flache Kalauer hinaus.

Wenn man die beiden Spiele allerdings vergleicht, dann ist die Story von Softporn Adventure durch die Ich-Perspektive, die eine direkte Beteiligung des Spielers suggeriert, etwas reizvoller. Dadurch, dass durch den bloßen Text die Fantasie angeregt wird, hat das Ganze auch noch etwas Verruchtes.

Bei Leisure Suit Larry ist die Grafik der Knackpunkt. Die meisten Spiele mit sexuellem Inhalt werden durch die Grafik total unsexy. Jedes Mal, wenn in einem Videospiel sexualisierte Bilder von Körpern gezeigt werden, sind diese entweder zu unbeholfen oder weichen von der Vorstellung des Spielers ab, wie ein sexy Körper oder eine sexuelle Situation auszusehen hat. Wenn du rein textlich beschreibst, wie ein Treffen abläuft, dann kann sich der Spieler dabei selbst ein attraktives Szenario oder eine schöne Person vorstellen, was selbst die beschissenste Sexszene irgendwo erregend macht. Irgendwie so kann man bestimmt auch erklären, wie sich MUDsex so lange halten konnte. Deshalb rufen Leute bei Sexhotlines an, wegen der Kraft der Worte. Deshalb beschreibt man sich oft gegenseitig, was man da im Bett gerade so macht. Sex basiert häufig auf der Vorstellungskraft und nicht auf Bildern.

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Abgesehen davon gibt sich Leisure Suit Larry gar keine wirkliche Mühe: Der eigentliche Geschlechtsverkehr ist „zensiert" und die Witze stehen im Vordergrund. Oft wird gesagt, dass es in Leisure Suit Larry gar nicht um Sex geht, und das stimmt: Das Drumherum, das Image, die Idee dahinter und die beschissenen Witze waren die Verkaufsgründe. Und letztendlich war auch nur der kommerzielle Erfolg wichtig. Es sollten noch viele weitere Larrys folgen.

1982 – 1998: VIELE NACKTE UND BEWEGUNGSLOSE FRAUEN (NUR DIE JAPANER HATTEN ES BESSER)

In nur wenigen Sexspielen (oder solche, die Sex beinhalten) geht es dann wirklich um dieses Thema, auch wenn Koeis Spiel Night Life aus dem Jahre 1982 in Japan als Hilfe für Ehepaare verkauft wurde, die ihr Sexleben auf die Reihe bekommen wollten, und den treffend betitelten Abschnitt „Let's Fuck!!" beinhaltete. In Night Life waren einige Schattenbilder von unserem beliebten Bettsport zu finden. Aber anstatt ein Turn-On zu sein, kommen die gesichtslosen Figuren der Zeichnungen dabei eher wie eine Art Anleitung daher, wie heterosexuelle Leute daran scheitern, sich zu beglücken. Ich bin mir allerdings auch nicht sicher, ob man damals nicht auch schon einen Orgasmus bekam, wenn ein Computer nach stundenlangem Programmieren die Melodie von „Alle meine Entchen" spielte.

Dank Koei und anderen Unternehmen wie Enix, Square und Nihon Falcom kam schon früh die Nachfrage danach auf, was als „Erogē"-Spiele (oder japanische Erotik-Spiele) bekannt wurde. Viele dieser Spiele haben eine verblüffend komplexe Story und halfen dabei, dass das Genre der Visual Novels immer beliebter wurde. Sie bedienen inzwischen quasi jede sexuelle Vorliebe, auch wenn die Stimmung eines Spiels dabei manchmal düster und brutal sein kann. Dōkyūsei aus dem Jahre 1992 war ein Meilenstein und das erste Dating-Simulationsspiel: Man ist bei den Erlebnissen eines Jungen dabei, der ein Mädchen für sich gewinnen will, dabei aber irgendwie … von anderen Mädchen abgelenkt wird. Dieses Spiel diente als Vorlage für viele andere Erogē-Spiele, die noch folgen sollten.

1985 wurde das portugiesische Spiel Paradise Cafe für den ZX Spectrum veröffentlicht: Es ist auf abscheulichste Art und Weise rassistisch und sexistisch und darin bezahlst du Frauen dafür, deinen Schwanz zu lutschen. Man muss aber auch anmerken, dass das Spiel viel mehr sexuelle Inhalte bot, als alle anderen Spiele zu der Zeit und unzensierte, pixelige Schamlippen und gelbe, erigierte Penisse zu sehen waren. Unbestritten ist auch der Tiefpunkt des Spiels: Ein schwarzer Zuhälter vergewaltigt dich, weil du für die Blowjobs nicht zahlen kannst. Nein, danke!

Die meisten Spiele mit „erotischem Inhalt" beinhalten einfach nur Bilder von Frauen, die wenig oder gar keine Kleidung tragen. Das ist anscheinend aber auch ausreichend, um bei den meisten Menschen (vornehmlich Männer) die Hose platzen zu lassen. Zu diesen Spielen gehören unter anderem Bubble Bath Babes für den Super Nintendo, Strip Fighter 2 für den TurboGrafx-16, The Yakyuken Special für den Sega Saturn, Miss World '96 (Nude) und weitere, die Seanbaby in der Ausgabe Nummer 162 des Magazins Electronic Gaming Monthly nennt.

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Da wir inzwischen mit Youtube gesegnet wurden, kann jeder Spieler Videos der eben genannten Titel ansehen und sicher gehen, dass er oder sie die „erotischen Inhalte" genauso sehr genießt wie die „Erotik" von Custer's Revenge für den Atari 2600. Darin wird die Schande eines Genozids zweckentfremdet, um einen Videospiel-Ständer zu verursachen, der das genaue Gegenteil von sexy ist. WER DACHTE SICH DENN BITTE SCHÖN, DASS VÖLKERMORD UND VERGEWALTIGUNG EINE GUTE GRUNDLAGE FÜR EIN COMPUTERSPIEL BILDEN? Und Custer hat sich seinen Schniedel dabei wahrscheinlich auch noch an einem Kaktus verletzt. Wieso?

1998 entwickelte Richard Eter das Adventure-Spiel Fuck Quest, eine Parodie auf das originale Leisure Suit Larry. In diesem Spiel springst du von Bild zu Bild und sammelst Dinge ein, um dann eine Frau zu ficken. Allerdings erreicht Fuck Quest dann seinen Höhepunkt (Hui!), wenn du einen riesigen, abgetrennten Penis so lange in die Löcher einer Frau steckst, bis auf dem Bildschirm ein „Feuerwerk" zu sehen ist und dein wahrscheinlich überhitzter Computer wie verrückt Pieptöne von sich gibt (so hört es sich bestimmt an, wenn ein BBC Micro PC versuchen würde, sein eigenes Diskettenlaufwerk zu vögeln).

Fuck Quest ist so befremdlich, dass ich es irgendwie schon wieder liebenswürdig finde: Die Grafik wurde stümperhaft mit MS Paint gemalt, der Sexshop „House 'O Porn" hat die Form von ungleichmäßigen Titten und der Spieler muss eine Brad Pitt-Maske tragen, um seine Beute ins Bett zu kriegen. Meine Erfahrung mit dem Spiel kannst du hier bei Rock Paper Shotgun nachlesen. Es gibt auch einen Nachfolger zu dem Spiel, nämlich Fuck Quest 2: Romancing The Bone. Das habe ich jetzt noch nicht ausprobiert, aber der Titel allein macht schon Lust auf mehr.

Mehr zu Pixel-Penissen und animierten Vaginas könnt ihr im zweiten Teil lesen.