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Torontos Bürgermeister hat versucht, das Crackvideo zu löschen

Bevor Rob Ford zugegeben hat, dass er tatsächlich Crack geraucht hat, hat er einen Hacker engagiert, das vermeintliche Video zu löschen. Der Hacker kam zu uns und hat ausgepackt.

von Patrick McGuire
06 November 2013, 4:58pm


Amin Massoudi und Rob Ford. Foto via Sun News

Mit zusätzlicher Berichterstattung durch Rocco Castoro

Ende Juli wandte sich eine anonyme Quelle an uns, die behauptete, dass Amin Massoudi, der Kommunikationsleiter vom Bürgermeister von Toronto, Rob Ford, ihn für das Hacken einer Website angestellt hätte.

Die anonyme Quelle—im Folgenden als „der Hacker“ bezeichnet—erzählte uns, dass Amin ihn beauftragt habe, das Passwort für eine private Internetdatenbank zu knacken, in der sich angeblich eine digitale Kopie des berüchtigten Videos von Bürgermeister Ford befindet.

Wir besitzen ein E-Mailprotokoll, das nach Angaben des Hackers die Korrespondenz zwischen ihm und Amin vom 18. bis zum 31. Mai dieses Jahres detailliert aufführt. Der Hacker merkte an, dass die Angelegenheit komplizierter sei, als es scheint. Unter der Voraussetzung, anonym zu bleiben, willigte er ein, mit uns zu sprechen.

Falls du hinsichtlich Rob Fords berauschten Verhängnisses noch nicht auf dem letzten Stand sein solltest: Dienstag gab er offen zu, „im Vollrausch“ Crack geraucht zu haben. Diese irrsinnige Bombe ließ er fallen, nachdem der Polizeichef der Stadt letzte Woche bestätigt hatte, dass das Crackvideo existiert und tatsächlich Aufnahmen beinhaltet, die Rob Ford beim Crackrauchen zeigen. Letzten Sonntag hatte sich Ford in seiner wöchentlichen Radioshow bei der Stadt Toronto entschuldigt und gefordert, dass die Verantwortlichen die Crackaufnahme „umgehend“ herausgeben.

Angesichts der jüngsten Entwicklungen glauben wir, dass es nun von öffentlichem Interesse ist, Teile der Vereinbarung zwischen Amin und dem Hacker zu veröffentlichen, die uns im Juli zugänglich gemacht wurde.

Die Korrespondenz, die er uns geschickt hat, erläutert seinen eigenen Versuch, unter Anleitung von Amin in einen Account beim Online-Speicher Bugs3 einzubrechen—einem freien Hosting-Service mit „unbegrenztem Speicherplatz“. Wir konnten die Existenz dieses Benutzerkontos verifizieren, das unter http://goonies.bugs3.com registriert war. Als wir von der Korrespondenz erfuhren, war die Seite noch zugänglich, doch inzwischen ist sie offline.

Die „goonies“-Subdomain könnte auf Dixon St. Goonies verweisen: eine Straßengang, auf die die Polizei es bei einer massiven Drogen- und Gang-Razzia im August besonders abgesehen hatte—im Zuge eben dieser Razzia wurde auch das Haus durchsucht, in dem das Crackvideo gefilmt wurde.

Die Korrespondenz zwischen dem Hacker und Amin beginnt mit einer E-Mail, die von Amins offizieller Mailadresse abgeschickt wurde. Diese erste Nachricht, die Amin am 18. Mai 2013, also zwei Tage nach ersten Berichten über das Video, um 17.05 Uhr an den Hacker schickte, lautet:

„Ich habe etwas, das du dir anschauen sollst. Du weißt wahrscheinlich, was in den Nachrichten kam. Auf welchem Weg können wir uns am besten unterhalten ... T meinte, dass du uns vielleicht noch einmal helfen kannst.“

Obwohl diese E-Mail von einer offiziellen Adresse der Stadt Toronto verschickt wurde, konnte sie nicht vom Rathaus bestätigt werden. Das liegt anscheinend an Amins Beförderung zum Sprecher und Kommunikationsleiter am 27. Mai. Am 18. Mai, als die E-Mail gesendet wurde, arbeitete er noch für Stadtrat Doug Ford (den Bruder von Rob Ford).

Die Stadt Toronto äußerte sich folgendermaßen zu den E-Mails, die vor seiner Beförderung verschickt wurden:

„Bezüglich Amin Massoudis E-Mail-Akten teilen wir Ihnen mit, dass alle Akten vor seiner Tätigkeitsaufnahme im Büro des Bürgermeisters am 27. Mai als persönliche Wahlkreisakten von Stadtrat [Doug] Ford betrachtet werden. Diese Akten befinden sich nicht in der Obhut oder unter der Kontrolle der Stadt. Ein Zugang dazu ist deshalb nicht möglich.“

Auf unsere Bitte um eine Stellungnahme hat Doug Ford nicht reagiert.

Leider ist die Verifizierung dieser E-Mail durch das Rathaus der einzige Weg, um alle Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Kopie auszuräumen.

Wir aber nehmen an, dass die Kopie echt ist. Der Hacker sagt, dass er nicht mehr über die Kopfzeile der E-Mail verfügt, weil er den Account gelöscht hat, bevor er beschloss, VICE zu informieren.

Wir haben die E-Mails, die angeblich von Massoudi stammen, ausführlich mit öffentlichen Mitteilungen und Kommentaren auf seinem Facebook-Profil verglichen: Wir fanden die gleichen grammatikalischen Fehler, falsche Rechtschreibung und übermäßige Verwendungen von Ellipsen. Seit Freitag weigert Massoudi sich, mehrere Sprachnachrichten und E-Mails von uns zu beantworten, in denen wir ihn auffordern, seine Sicht der Dinge darzulegen.

Was den Inhalt der E-Mail betrifft, erzählte der Hacker uns, dass „T“ für Mark Towhey steht—den ehemaligen Stabschef von Ford, der seit seiner Entlassung am 23. Mai mit der Polizei von Toronto zusammenarbeitet.

Freitag wurde bekannt, dass Towhey eine Verbindung zwischen dem Mord an Anthony Smith und der Crackaufnahme angedeutet hat, die nach Aussage von Anthonys Freunden auf dessen Handy gespeichert war, als er starb. Auf dem Video sieht man Ford mit zwei jungen Männern im Arm, wovon einer Anthony Smith war.

Auch Mark Towhey weigerte sich, Stellung zu nehmen und ignorierte unsere Anfragen.

Bei einem unserer Interviews mit dem Hacker im August, erzählte er uns, dass Amin und Ford sich sicher waren, das die Goonies-Datenbank der letzte und einzige Ort war, an dem sich das Video befände. Angeblich teilte Amin dem Hacker per SMS mit, dass das Handy, mit dem die Crackaufnahme gefilmt worden war, „weg“ sei.

Der uns vorliegenden Kopie zufolge verschickte Amin sofort nach der ersten Mail von seiner offiziellen E-Mailadresse eine zweite, in der er dem Hacker mitteilte, dass er sich eine neue E-Mailadresse zulegen würde.

Die nächste E-Mail bekam der Hacker von einem Yahoo-Account, der inzwischen gelöscht ist. „Hey, hier ist Amin“, schrieb er—eine ungeschickte Vorstellung, die den Hacker erschreckte. Er antwortete:

„Mann ... ich will die Sache diskret halten, aber das wird schwierig, wenn du deinen Vornamen in der E-Mail nennst ... smh

Wie auch immer, was geht ab ... was ist da los? Ist die Geschichte wahr? wenn ja ... WTF?!“


Dieser Austausch fand am 19. Mai statt, drei Tage, nachdem bekannt wurde, dass es ein Video gibt, auf dem Rob Ford neben verurteilten Crackdealern etwas raucht, das Crack zu sein scheint.

Amin schrieb umgehend zurück und entschuldigte sich zuerst dafür, die strenge Geheimhaltung gefährdet zu haben:
 

„Oops … dann lösch es einfach.

Ich kann im Moment nicht bestätigen, dass das Video echt ist oder nicht, wir haben    gehört, dass da etwas kursiert..

Der Chef sagte, dass vor ungefähr einem Monat jemand versucht hat, ihn zu    erpressen, aber er hat nur gesagt, dass es dabei um Gras ging.

Es würde mich überraschen, wenn es wirklich stimmt.

Habe heute morgen wieder mit ihm gesprochen und er erwähnte eine Seite oder    so, auf der ein Video sein soll.. er wollte wissen, ob wir irgendwelche diskreten Computerleute kennen, die uns dabei helfen können, es zu finden.

Wir brauchen absolute Geheimhaltung, aber er ist bereit, sie angemessen zu    bezahlen. Ich erzähle dir mehr, wenn du meinst, dass du helfen kannst“

Als der Hacker nachfragte, worauf genau Amin aus sei, antwortete dieser mit Bezug auf den Bugs3-Server und die Goonies-Subdomain:

„Weißt du, wie man etwas von einem Website-Server löscht? oder kennst du  jemanden, der das weiß?

Ich kann dir die Adresse der Seite geben, wenn du meinst, dass es möglich ist, im Moment prüfen wir nur Optionen.“

Der Hacker war sich nicht völlig sicher, ob er den Job erledigen könnte:

„Verdammt.. ja, technisch gesehen ist das möglich, aber ich muss die Seite wissen & sie sehen.. etc. Wenn ich es nicht selbst hinkriege, habe ich einen Kumpel, der wahrscheinlich helfen kann.“

Eine Woche lang schrieben Amin und der Hacker Mails hin und her. Am 27. Mai, zwei Tage nach Zeitungsberichten über Doug Fords Vergangenheit als Haschdealer mittleren Ranges in Ontario, wendete sich der Hacker mit der neuen Betreffzeile „Holy Shit!!“ an Amin.

Er schrieb, dass er lange kein gutes Gras geraucht habe und fragte Amin, ob er nicht „irgendwelche Verbindungen“ hätte. Außerdem fragte er, wie es jetzt weitergehen solle.

Inzwischen hatte sich der Crackskandal weiter hochgeschaukelt. Es gab Berichte über Drogen- und Gewaltvorkommnisse in der Vergangenheit der Ford-Familie und Gawker hatte 200.000 Dollar gesammelt, um das Video aufzukaufen.

Amins nächste E-Mail vom 27. Mai deutet darauf hin, dass es im Büro des Bürgermeisters langsam unruhiger wurde:

Über die Gawker-Angelegenheit solle der Hacker sich keine Sorgen machen:

„Sollte das Video jemals an die Öffentlichkeit gelangen, dann nicht auf diesem Weg.“


Amin Massoudi, Rob Fords Kommunikationsleiter, verbrüdert sich mit einem Unbekannten. Bild via Armins Facebook-Profil, das inzwischen gelöscht wurde.

Amin informierte den Hacker, dass die Website der einzige Ort sei, an dem sich das Video befinden könnte, und richtete aus, dass der Hacker mit der Summe von Gawker „plus 10%“ rechnen könne.

Mit dem Bonus von 20.000 Dollar schienen Ford und Massoudi der Gefahr vorbeugen zu wollen, dass der Hacker die Fords übers Ohr hauen und das Video an Gawker geben würde.

Der Hacker erzählte uns, dass ihm ein Freund dabei half, die Seite zu hacken, indem er mit der Brute-Force-Methode jedes mögliche Login und Passwort der Welt ausprobierte. In einem Interview deutete er jedoch an, dass dieser Freund nichts von dem vermeintlichen Inhalt der Seite wusste.

„Er hat einfach nur ein paar Scripts programmiert“, sagte der Hacker. „Und ich habe sie einfach auf meinem PC laufen gelassen. Es hat ungefähr eine Woche gedauert. Ich ließ es einfach immer wieder durchlaufen und eines Tages bin ich aufgewacht und [der Login und das Passwort] waren da.“

Wir konnten überprüfen, dass der kompromittierte Account online war, als sich der Hacker an uns wandte. Aus rechtlichen Gründen haben wir jedoch nicht versucht, uns einzuloggen. Der Hacker lieferte uns jedoch Screenshots der passwortgeschützten Inhalte und sagte, er hätte zwei in einem GreenForce-Player-Format verschlüsselte Videodateien heruntergeladen. (Falls du kein Verschlüsselungsexperte sein solltest: Das GFP-Format ist so sicher, dass die Urheber jedem, der es schafft, es zu entschlüsseln, eine Prämie verspricht. Bisher wurde diese Prämie nicht eingefordert.)

Der Hacker schaffte es nicht, die Videos von der Seite zu löschen, und konnte die von Amin angebotene Belohnung nicht einfordern. Der Inhalt des zweiten Videos ist unbekannt, wobei Polizeichef Bill Blair bestätigte, dass eine zweite, „relevante“ Datei vorliegt. Im Internet wird spekuliert, dass es sich beim zweiten Video um ein Sexvideo mit Rob Ford handelt.

Am 31. Mai berichtete Amin dem Hacker per E-Mail, dass sein Chef den Link und die Login-Daten für den Online-Speicher-Account von einer Person bekommen hat, die gerade verhaftet wurde. Er sei besorgt gewesen, dass das einen „Einfluss auf die Seite“ haben könnte. Einen Tag zuvor war ein Mann namens Hanad Mohamed in Fort McMurray, Alberta, verhaftet worden, nachdem er aus Toronto geflüchtet war.

Hanad war bereits des vorsätzlichen Mordes an Anthony Smith beschuldigt, doch die kanadischen Behörden minderten die Anklagepunkte zu schwerer Körperverletzung und der Beihilfe zu einem nicht tödlich verlaufenden Angriff auf einen Mann namens Muhammad Khattak—der wiederum vor dem Haus, in dem das Crackvideo gefilmt wurde, mit Rob Ford fotografiert worden war.  

Hanad wurde außerdem die Beihilfe zum Todschlag angelastet—die Polizei geht davon aus, dass er Nisar Hashimi—einen 23-jährigen Mann, der sich der Polizei gestellt hat und momentan seine neunjährige Haftstrafe für den Totschlag an Anthony Smith verbüßt—vom Tatort weggefahren hat. Drei Wochen nach Hanads Festnahme wurde ein anderer Mann, Hanad Hussein, im sechsten Stock vom Balkon desselben Apartments geworfen, in dem Anthony tot aufgefunden worden war.

Der Hacker berichtete, dass Amin zu dieser Zeit extrem ängstlich war und den Hacker drängte, die Arbeit zu Ende zu bringen. Er habe angegeben, weitere Leute auf das Problem anzusetzen: „Wer es schafft, die Dateien zu löschen, bekommt den Preis“, schrieb er in einer weiteren E-Mail.

Mit der Aussicht auf einen Wettbewerb, bei dem womöglich ein anderer die Früchte seiner Arbeit ernten würde, war der Hacker alles andere als zufrieden. Auf seinen Einwand, dass andere Leute die Geheimhaltung gefährden würden, schrieb Armin zurück, er würde die Personen schon lange kennen und ihnen vertrauen.

Der Hacker machte deutlich, dass er nach all der Arbeit in jedem Fall für seine Mühen entlohnt werden wolle. Als klar war, dass es ihm nicht gelingen würde, das Video von der Seite zu löschen, scheint der Kontakt abgebrochen zu sein—wenngleich Amin dem Hacker angeblich versicherte, sich in Zukunft bei ähnlichen Problemen an ihn zu wenden.

Amin, der Kommunikationsleiter des Bürgermeisters, hielt es nicht für nötig, auf mehrfache Sprachnachrichten und E-Mails zu reagieren, in denen wir ihn zu einer Stellungnahme aufgefordert haben. Auch sein Facebook-Profil ist inzwischen gelöscht.

Rob und Doug Ford haben die Anfragen von VICE ebenfalls ignoriert. Dass Mark Towhey, Rob Fords ehemaliger Stabschef, es ebenso wenig geschafft hat, auf mehrere unserer Anfragen zu antworten, ist vielleicht ein wenig verständlicher.

Falls irgendeine der hier dargelegten Information nicht korrekt sein sollte, fordert VICE alle Erwähnten dazu auf, die Sache richtigzustellen. Wir werden den Bericht entsprechend aktualisieren.

UPDATE: Ein paar Stunden nachdem dieser Artikel auf unserer englischsprachigen Seite erschien, meldete sich Amin Massoudi per E-Mail bei uns. Er verneinte, in irgendeiner Art etwas über die Ereignisse, die in der Geschichte beschrieben werden, zu wissen, und behauptete, dass die „gesamte Geschichte falsch“ sei.

Aus unbekannten Gründen schickte Amin die exakt gleiche E-Mail an Canada's Global News Network und Maclean's, die sie in voller länge veröffentlicht haben. Seine Nachricht beinhaltet in keiner Weise eine Erklärung dafür, weshalb er unsere vielzähligen und detaillierten Antworten in den letzten Tagen nicht beantwortet hat.

Mark Towhey, der frühere Stabschef von Bürgermeister Ford, streitet ebenfalls jegliche Verbindungen zu den hier beschriebenen Vorfällen via Twitter ab. Er hatte sich in den vergangenen Tagen ebenfalls nicht zu unseren Anfragen geäußert.

Nachdem wir ihre Statements sorgfältig gelesen und überprüft haben, versuchten wir erneut, an die beiden mit unseren unzähligen Fragen heranzutreten.

Weder Bürgermeister Rob Ford noch sein Bruder Doug haben den Sachverhalt kommentiert.

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