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In der Spielhölle

Prater, Pinballs und Pachinko: Spiel-Sucht-Mechanik bei uns und anderswo

Unser Gastautor hat wahrscheinlich die größte Arcade-Automaten-Sammlung Österreichs. Hier erzählt er uns, was seine Lieblinge mit bösen Slot-Machines gemeinsam haben und was das alles mit Nordkorea zu tun hat.
8.11.13

Foto: Zoomar

Es muss wohl so 1990 gewesen sein, als ich an einem verregneten Sommersamstagvormittag beschloss, den Wiener Wurstelprater aufzusuchen, um dort nach den neusten Arcade-Games Ausschau zu halten. Ankündigungen aus Videospielzeitschriften (ja, das war Information auf Papier) zufolge sollte Aliens von Konami in den Spielhallen aufgestellt sein.

Voller Vorfreude stapfte ich zur damals wichtigsten Spielhalle Wiens, der legendären „Fortunahalle“. Die Freude wurde mir aber schnell ausgetrieben, als ich vor verschlossenen Türen stand. Der Tempel der arcadischen Freuden öffnete seine Pforten nämlich erst um 10:00 Uhr. Gut, welcher Wahnsinnige geht denn auch schon um 9:00 Uhr in den Wurstelprater. Da bemerkte ich, dass in einer benachbarten Spielhalle Licht brannte und gerade jemand die Tür öffnete, um herauszutreten. Einer Riesenwasserpfütze ausweichend sprang ich schnell auf die andere Straßenseite und betrat die fremde Spielhalle.

Foto: TobyM

Statt der neuesten Sega-, Capcom- oder Konami-Titel blinkte mir hier aber nur eine Hundertschaft an Glückspielautomaten entgegen. Außer den vor sich hin blinkenden und dudelnden Slot-Machines war kaum eine Menschenseele zu sehen. Im Gegensatz zu den normalen Arcades standen hier voluminöse, gut gepolsterte und mit edlem Leder überzogene Barhocker vor den Maschinen.

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Bei den Videospiel-Geräten musste man in der Regel wie ein Aussätziger stehen. Das Spielgeschehen war auch ziemlich ernüchternd: Wie Zombies lehnten die paar versprengten Spieler an den Geräten und warfen eine (Achtung, Nostalgie!) Zehnschilling-Münze nach der anderen in den Münzschlitz. Auf den Cabs stellten sie einen billigen Kaffeeplastikbecher ab, der anfänglich bis zum Rand mit Münzen gefüllt war.

Foto: Mike Thomas

Als wären sie selbst Teil einer großen Maschine, warfen sie kontinuierlich die Münzen in den Automaten und aktivierten danach den Spielmechanismus. Irritiert von diesem grotesken Schauspiel dachte ich mir nur: Es wäre wahrscheinlich zielführender und schneller, wenn ich die Hunderter einfach direkt bei der Kassa deponiere und wieder nach Hause gehe. Von einer Faszination, die von diesen Automaten ausgehen soll, konnte ich nichts spüren.

Und das, obwohl ich als Spiele-Freak mit einer der größten Arcade-Sammlungen Österreichs doch eigentlich die Zielgruppe sein sollte. Trotzdem war mir völlig schleierhaft, wie jemand diese Art des Spielens vorziehen konnte. Auch ästhetisch fand ich die Geräte nicht ansprechend. Um 10:00 Uhr wechselte ich erleichtert in die Fortunahalle. Seither mache ich mir laufend Gedanken über diese Outer Limits-Version des Gamings.

McCarren Flughafen Las Vegas. Foto: Mike Raleigh

Slot-Machines und Videogames sind für mich seit jeher zwei Seiten einer Medaille. Wobei eine Seite wie vom Grünspann befallen faulig vor sich hin muffelt und die andere silbrig funkelnd den Raum erstrahlen lässt. Das eine ist dubios und ranzig, das andere verspielt und glanzvoll.

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Dabei geht es nicht nur mir so. Auch sonst würde wohl niemand den Spaßgeräten in Spielhallen niemals dieselben diabolischen Eigenschaften unterstellen, wie den reinen Slot-Machines und einarmigen Banditen. Keiner bezeichnet zum Beispiel Pinballs – bei uns auch bekannt als Flipper – als „Ausgeburten der Hölle“, niemand will ihre Aufstellung streng reglementieren lassen oder sie mit einem Totalverbot gänzlich aus dem Verkehr ziehen. Und das, obwohl gerade Pinballs einer sehr ähnlichen Logik wie die bösen Geldfresser folgen.

Diese liberale Einstellung gegenüber Flippern gibt es allerdings erst seit den späten 70er-Jahren. Davor wurden sie in die gleiche Schublade gesteckt wie ihre Glückspielautomatenkollegen und äußerst kritisch beäugt. In den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts erfasste der Prohibitionsgedanke des amerikanischen Gesetzgebers auch die Spielhallen. Man sagte also nicht nur den alkoholischen Getränken den Kampf an, sondern auch den Pinball-Machines, die man als Glückspielautomaten betrachtete („game of luck“). Da krachte im Namen des Gesetzes schon der eine oder andere schwungvoll geführte Vorschlaghammer auf die liebevoll gezimmerten Holzkisten nieder.

Foto: Zoomar

Wobei man der Ehrlichkeit halber auch anmerken muss, dass die allerersten Flipper wirklich nur rudimentär etwas mit Geschicklichkeitsspiel zu tun hatten, da man den Kugelverlauf kaum beeinflussen konnte. Im Laufe der Zeit gewannen die Flipperfinger immer mehr an spielerischer Bedeutung und so wandelte sich das „game of luck“ zu einem „game of skill“. In Niederösterreich gibt es sogar seit einigen Monaten einen staatlich eingetragenen Flipper-Sportverein. So ändern sich eben die Zeiten.

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Denkt man an Arcade-Spiele, fallen einem nicht nur die zahlreichen US-amerikanischen Atari-Klassiker wie Pong, Asteroids oder Breakout ein, sondern auch die Genre-Pioniere japanischer Hersteller wie Space Invaders von Taito, Pacman von Namco oder Donkey Kong von Nintendo. Die Spielhallenkultur boomte in Japan wie kaum in einem anderen Land. Nirgends war die Dichte an Spielhallen größer als in Tokio.

Foto: Andrew Mitchell

Casinos oder Glückspielautomaten wird man in Japan aber nicht offiziell finden, da hier eines der strengsten Glückspielverbote der Welt gilt. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (Pferdewetten und Lotterie) gilt in Japan ein Totalverbot, was Glückspiele angeht. Es fand sich jedoch recht schnell eine strafgesetzkorrekte Umgehung des strengen Gebots. Die Lösung des japanischen Problems nennt sich Pachinko. Im Prinzip handelt es sich um eine Weiterentwicklung des aus dem 18. Jahrhundert stammenden Bagatellspiels, das nebenbei erwähnt auch als der Vorläufer der Flipper gilt (und heute gibt es davon natürlich auch eine Star Wars-Version).

Im Gegensatz zu den Pinballs schenken Pachinko-Maschinen Gewinne aus und zwar in Form der Pachinko-Kugeln, mit denen das Spiel auch gespielt wird. Die gewonnen Kugeln können in eigens dafür vorgesehen Kaufhäusern (die sich geographisch praktischerweise in unmittelbarer Nähe zu den Pachinko-Hallen befinden) gegen allerlei Waren eingetauscht werden. Geschätzte 70 % aller Pachinko-Hallen (und davon gibt es in Japan insgesamt 16.000) werden von gebürtigen Koreanern geführt.

Foto: Wally Gobetz

Und nicht nur die japanische Mafia nascht kräftig am Gewinn mit, sondern zusätzlich dürften pro Jahr auch geschätzte 700 Millionen Euro an Devisen nach Nordkorea fließen. Wir wollen hier nicht Japan mit China in einen Spieltopf werfen, aber wer sich schon immer fragt, wie Nordkorea ohne Verbündete und ohne Zahlungen eigentlich überleben kann, dem sei hiermit die Illusion genommen.

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Insgesamt gibt die japanische Bevölkerung an die 200 Milliarden Euro pro Jahr fürs Pachinko-Spielen aus. Ein Paradebeispiel für das Auseinanderdriften von gesetzlicher Norm und dem Wollen des Gesetzgebers auf der einen Seite, und der Kraft des Faktischen bzw. der praktischen Umsetzung des Normengerüsts auf der anderen Seite. Zwei Seiten derselben Medaille, eben.

Andranik Ghalustians sammelt seit 15 Jahren wie ein Wahnsinniger Video-, Computer-, und Arcadespiele, was ihm eine der stattlichsten Sammlungen Österreichs und wahrscheinlich auch Europas eingebracht hat. Er ist Mitveranstalter der Retrobörse und der Zockotron-Events im Wiener MuseumsQuartier, schreibt gelegentlich für das Gaming-Magazin Lotek 64 und diskutiert leidenschaftlich gerne stundenlang beim Bildsprünge-Podcast mit. Außerdem stattet er mit seinen Automaten auch Veranstaltungen wie das Slash Filmfestival aus (ja genau, die Dinger im Foyer kommen von ihm).

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