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Die Yakuza mögen es nicht, fotografiert zu werden

Was würdest du machen, wenn du einem Killer und Yakuza-Mitglied gegenüberstehst? Fotograf Jesse Lizotte hat selbstredend zur Kamera gegriffen.

von Jesse Lizotte
12 November 2015, 9:13am

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Es dürfte nicht groß überraschen, dass die Yakuza Fremden gegenüber nicht besonders offen sind. Vor allem dann, wenn der Fremde ein Ausländer ist und eine Kamera im Schlepptau hat. Trotzdem hat es der australische Fotograf Jesse Lizotte geschafft, die berüchtigte „japanische Mafia" vor seine Linse zu kriegen. Entstanden ist dabei eines seiner neuesten Werke, Born Too Late.

Jesse hat bereits Erfahrung darin, Leute von Sachen zu überzeugen, die sie im Normalfall nicht tun würden. So hat er in der Vergangenheit schon mit Mitgliedern einer Lowrider-Gang aus Chicago und Los Angeles zusammengearbeitet. Aber selbst für ihn war die Herausforderung, Schwerkriminelle zu fotografieren, denen mehrere Finger fehlen und die Tattoos von ihren Mordopfern tragen, ein ziemlich einschüchterndes Projekt.

Kurz vor Beginn seiner Ausstellung in Melbourne hat VICE mit Lizotte darüber gesprochen, wie sich beide Gangs auch aus der Ferne gegenseitig beeinflussen und wie sich die Yakuza-Kultur mit der neuen Generation verändert hat.

VICE: Hallo Jesse, im Rahmen deiner Fotoserie Born Too Late hast du mit ein paar ziemlich harten Burschen zusammengearbeitet. Wie war es so, mit der japanischen Unterwelt abzuhängen?
Jesse Lizotte: Ehrlich gesagt habe ich als Ausländer schon mit weitaus einfacheren Personen zusammengearbeitet. Sie mögen es einfach nicht, fotografiert zu werden. Es ist eine komplett andere Mentalität. Sie haben Schwierigkeiten zu verstehen, dass es anderswo als cool gilt, seine Tattoos und sein Gangstertum zur Schau zu stellen. Aber die Yakuza sind dafür total aufrichtig. Und weitestgehend gleichgültig. Sie haben schon vieles durchlebt und wurden von der Gesellschaft ausgestoßen. Ihr Verhalten entspricht nicht dem, was du dir von japanischen Personen erwarten würdest.

Hast du dich an einem bestimmten Moment auch mal unsicher gefühlt?
Absolut. Einmal hatte mein Dolmetscher für mich ein Shooting eingefädelt. Nur dass der Typ vor Ort offensichtlich null Bock darauf hatte, fotografiert zu werden. Ich musste mich eine Stunde lang wortlos gedulden, bis er schließlich meinte, dass er jetzt bereit sei. Er hat sich komplett ausgezogen und war von oben bis unten tätowiert. Ihm fehlten vier Finger. Leider hatte er ein Problem damit, wenn man sein Gesicht fotografieren wollte. Ich habe natürlich mit ihm diskutiert. Auf seiner Brust war ein Zeichen seines Clans, was ich nicht ablichten durfte. Und auf seinem Bauch waren die Namen von einigen Personen, die er bereits umgebracht hatte. Wir mussten jedes einzelne Foto gemeinsam durchgehen. Am Ende durfte ich nur zwei behalten, eins von hinten und eins von vorne.

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Wie kamst du von deinem letzten Projekt Lowrider zu Born Too Late?
Ich hatte das Ganze nie geplant. Ich bin ja eigentlich nicht der Typ, der Schwerkriminelle fotografiert, es hat sich einfach so ergeben. Die Idee für Born Too Late entstand, als ich einen der Lowrider in L.A. zu Hause besucht habe und an der Wand eine Reihe von Knastfotos gesehen habe. In der Mitte hing ein Bild eines Japaners, das wirklich herausstach. Ich habe mir seine E-Mail-Adresse besorgt und ihn kontaktiert. Nach einiger Zeit hat er mir mit folgendem Einzeiler geantwortet: „Hier ist meine Nummer. Ruf mich an, wenn du in Tokio bist." Das war alles.

Hast du westliche Einflüsse in der japanischen Unterwelt feststellen können?
Definitiv. Auf den Straßen Tokios hat man viele jüngere Mitglieder mit Nikes gesehen, die Lamborghini fahren und laut rausposaunen: „Schaut mich an, ich bin ein Yakuza." Die älteren Herrschaften sind da schon deutlich subtiler.

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Gibt es also Generationsunterschiede bei den Yakuza?
Die neue Generation sieht sehr anders aus, da kann man deutlich den westlichen Einfluss sehen. Sie hören westliche Musik und fahren westliche Autos. Ich glaube, sie identifizieren sich mehr mit dem Bild des kühnen Gangsters. Die älteren Mitglieder sind viel traditioneller. Früher hat man sich bei Fehltritten noch einen Finger abgehackt, das gibt es heute fast gar nicht mehr. Wenn man etwas verkackt hat, zahlt man einfach eine hohe Geldstrafe.

Es spielt aber auch viel Hierarchie mit rein, die Jüngeren respektieren die Älteren sehr. Jüngere Mitglieder tragen das Essen rein und beginnen erst mit dem Essen, wenn die Älteren ihr OK gegeben haben. Sie öffnen auch die Türen und schenken Sake nach.

Wenn du Personen dieser Art fotografierst, die glorifiziert werden, aber gleichzeitig auch für so viel Gewalt stehen, versuchst du, bei deinen Fotos noch irgendeine Message mit einzubauen? Oder siehst du dich nur als Dokumentarist?
Ich fand es wichtig, diese Personen zu fotografieren, weil sie einer aussterbenden Gattung angehören. Ich wollte sie aber in keinster Form sensationalisieren. Ich wollte nicht einmal das Wort Yakuza verwenden, die Leute wissen eh schon eine Menge darüber. Ich wollte das Ganze auf eine neue Ebene heben.

Das Interview führte Sam Nichols.