FYI.

This story is over 5 years old.

Reisen

Aus seinem Auto zu leben, ist der neue Amerikanische Traum

Du kannst die Hälfte deines Lebens entweder mit einem verhassten Job und dem Bezahlen von Rechnungen verbringen, oder du könntest einfach „Scheiß drauf!" sagen und losfahren.
9.2.16

Der Minivan, in dem Chris Trenschel und Tamara Murray leben | Foto: bereitgestellt von Chris Trenschel und Tamara Murray

Chris Trenschel und Tamara Murray dachten, das perfekte Leben zu leben. Beide waren beruflich sehr erfolgreich—er arbeitete als Budget-Analytiker für die Stadt San Francisco, sie als Vizepräsidentin eines PR-Unternehmens. Sie heirateten und legten sich eine Eigentumswohnung zu. Sie gaben ihr Geld an coolen und hippen Orten aus. Es gab nur ein Problem: „Unterm Strich waren wir innerlich tot", erzählt mir Murray.

Um ihren Lifestyle weiter finanzieren zu können, mussten sie ihre Jobs immer an allererste Stelle setzen. An einem weiteren Abend, der mit Tiefkühlpizza und Netflix auf der Couch verbracht wurde, stellten sie sich schließlich folgende Frage: Was machen wir hier eigentlich?

Anzeige

„Wir hatten einfach das Gefühl, unsere besten Jahre zu verschwenden", erklärt mir Murray. „Reisen, neue Kulturen und neue Leute kennenlernen, bedeutsame Erfahrungen machen—das war uns eigentlich wichtig." Also sparten die beiden etwas Geld an, schmissen ihre Jobs hin und wagten den Schritt in Richtung Freiheit. Nachdem sie ein Jahr lang durch Südamerika gereist waren, kauften sie sich einen Minivan und bauten das Auto in eine Art Wohnmobil um. Jetzt arbeiten beide von unterwegs aus—Murray hat sich im Kommunikationsbereich selbstständig gemacht, Trenschel betreibt und bewirbt E-Commerce-Websites—und fahren dabei durch die USA. Endlich kann sich das Ehepaar auf die Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig sind.

Zwar war das sogenannte „Vandwelling"—also der Lifestyle, dauerhaft aus seinem Van, Auto oder Wohnmobil zu leben—vor allem bei den freigeistlichen Hippies der 60er Jahren beliebt, aber der Trend findet jetzt auch bei vielen Millenials wieder großen Anklang. Manche Menschen wie etwa Rachel Bujalski, die mit ihrem Toyota Corolla durch Kalifornien gereist ist und das Ganze für ihren Blog festgehalten hat, bezeichnen diesen Lifestyle sogar als den „neuen amerikanischen Traum".

Motherboard: Landstreicher 2.0

„Ich glaube, dass Vandwelling jetzt wieder so beliebt geworden ist, weil es einfach viele praktische Seiten hat und die in uns wohnende Abenteuerlust befriedigt", meint Zach Frost, ein 27-jähriger Ex-Vandweller. „Viele Leute in meinem Alter können sich vor Studiumsschulden kaum retten, finden keinen Job und wollen trotzdem nicht mehr wirklich bei ihren Eltern wohnen. Aus einem Van zu leben, ist ziemlich aufregend, man ist dabei mobil und das Ganze kostet auch nicht die Welt. Außerdem ist es heutzutage doch möglich, quasi von überall aus zu arbeiten. All diese Faktoren machen Vandwelling so attraktiv."

Chris Trenschel und Tamara Murray arbeiten von dort aus, wo es sie auf ihren Reisen hin verschlägt | Foto: bereitgestellt von Chris Trenschel und Tamara Murray

Die Aussicht auf mehr Mobilität und mehr Freizeit überzeugte auch den 27 Jahre alten Spieleentwickler Tom Sennett davon, seinen Job zu kündigen und fortan in einem Van zu leben. Zwar verdiente er als Produktmanager bei einer Digitalagentur für Handy-Apps gutes Geld, aber er war einfach nicht glücklich.

„Ich hatte es satt, meine direkte Zufriedenheit hinter irgendwelche langfristigen Ziele stellen zu müssen, von denen ich nicht überzeugt war oder die mir von vornherein unrealistisch vorkamen", erklärt er mir. „Ich hasste es, zur Arbeit zu gehen. Deswegen schmiss ich alles hin."

Anzeige

Sennett reichte seine Kündigung ein, kaufte sich bei Craigslist einen umgebauten Dodge-Van und ließ seine Wohnung in Jersey City hinter sich. Jetzt programmiert er seine eigenen Smartphone-Spiele—darunter auch ein Vertreter, der auf seinen eigenen Erfahrungen basiert und dementsprechend den Titel Hate Your Job trägt. „Das steckt zwar alles noch in den Kinderschuhen, aber bis jetzt bereue ich es nicht, diesen Schritt gemacht zu haben. Endlich kann ich mich ausgiebig mit dem Programmieren meiner Spiele beschäftigen."

Christine Ons Van und Zuhause | Foto: bereitgestellt von Christine On

Das Leben aus dem Auto ist jedoch nicht immer so romantisch und aufregend, wie man es sich vielleicht vorstellt. So ist man zum Beispiel oft auf Wasserflaschen als Urinbehälter angewiesen, muss in Fitnessstudios duschen und hat allgemein oft mit den normalen Hygienestandards zu kämpfen. Dazu kommt dann noch, dass Vandwelling ohne wirklichen Job und Plan auch schnell langweilig werden kann. Außerdem wählt nicht jeder diesen Lifestyle, weil der ein freieres und aufregenderes Dasein verspricht.

2005 kaufte sich Christine On eine Eigentumswohnung im kalifornischen Glendale, wo sie als Animation- und Motion Graphics Director arbeitete. Dieser Job war jetzt zwar nicht ihre absolute Leidenschaft, aber sie musste eben 40 Stunden in der Woche arbeiten, um die Eigentumswohnung abbezahlen zu können—diese Investition bereute sie übrigens schnell wieder. Ein paar Jahre später wurde bei Ons Vater schließlich Demenz festgestellt und sie wusste, dass sie zu ihm in die Nähe nach Nordkalifornien ziehen musste. Es fiel ihr jedoch schwer, das Leben hinter sich zu lassen, an das sie sich inzwischen gewöhnt hatte.

Noisey: Mit Heat auf einem Roadtrip durch die USA

„Ich wollte mir keine Wohnung in der Nähe mieten, ich wollte nicht wieder bei meinen Eltern einziehen und ich wollte auch meine Eigentumswohnung nicht wieder verkaufen, weil die zu diesem Zeitpunkt nur auf ungefähr 60 Prozent vom ursprünglichen Kaufpreis geschätzt wurde", erzählt mir On. Also traf sie die Entscheidung, die Eigentumswohnung zu vermieten und sich dafür einen Van zu kaufen—so konnte sie ihre Hypothek weiter abbezahlen und trotzdem in der Nähe ihrer Eltern wohnen. „Als Bonus musste ich keine Strom- und Gasrechnungen mehr bezahlen und auch keine drei Badezimmer mehr putzen."

On stattete den Van mit einem Bett, einem Wassertank inklusive Filter- und Pumpsystem sowie einem Solarstrom-Set-up aus. Trotz ihrer anfänglichen Bedenken hat sie das Leben in ihrem Fahrzeug inzwischen lieben gelernt. „Dieser Lifestyle hat mich wohl auch angesprochen, weil ich so immer ein Zuhause habe—egal ob ich nun meinen Job verliere, ob es einen Börsencrash gibt oder ob der Immobilienmarkt zusammenbricht", meint On. „Und noch besser: Dieses Zuhause kann überall sein."

Christine Ons Van von innen | Foto: bereitgestellt von Christine On

Bei den meisten Millenial-Vandwellern basiert die Entscheidung, bescheiden und aus einem Fahrzeug heraus zu leben, auf einer Abneigung gegenüber unserer Arbeitskultur. So erklärt mir Adam, ein 27-jähriger Ingenieur, dass sich sein Umzug in einen Van so angefühlt hat, als würde er sein komplettes Erwachsenenleben neu starten. „Ich verwandelte mich von einem Anzug tragenden Ingenieur mit eigenem Büro in einen quasi heimatlosen Menschen, der in seinem Auto wohnt—und das nur auf meinen eigenen Wunsch hin", erzählt er.

Adam duscht und putzt sich die Zähne in Fitnessstudio-Umkleiden, rasiert sich auf öffentlichen Toiletten, parkt quasi ausschließlich vor rund um die Uhr geöffneten Geschäften, falls er nachts mal aufs Klo muss, und hat für sonstige Notfälle trotzdem immer Wegwerfbehälter- und Eimer dabei. In städtischen Gegenden und mit wärmeren Temperaturen lässt sich dieser Lifestyle natürlich leichter leben und normalerweise angelt er sich in touristischen Orten immer irgendwelche Gelegenheitsjobs oder macht in irgendeinem Restaurant den Abwasch. Wenn man sich diesem Leben voll und ganz verschreibt, dann ist es laut Adam gar nicht mal so schwer.

Er sieht die ganze Situation folgendermaßen: Wenn man pro Tag acht Stunden arbeitet und dann noch insgesamt eine Stunde für den Arbeitsweg braucht, dann verbringt man quasi sein halbes Leben mit oder auf dem Weg zu seinem Job. Und sofern man diesen Job nicht liebt, verschwendet man so im Grunde auch sein halbes Leben.

„Warum zum Teufel lassen wir uns irgendwo nieder, um dann nur die Hälfte unserer Zeit glücklich zu sein?", fragt er mich. „Kein Geld der Welt könnte mich mehr davon überzeugen, mein halbes Leben wegzuwerfen."