Die Bilderberg-Konferenz bringt die Elite der Politverwirrten nach Dresden

"Werden die Bilderberger in Dresden, einer Bomben-Holocaust-Stadt, den Welt-Holocaust beschließen?"

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08 Juni 2016, 4:00am

Titelfoto: Eine Demo gegen die Bilderberg-Konferenz 2015 in Telfs in Österreich | Foto: imago | Eibner Europa

Gemessen an der Protest- und Demonstrationskultur hat sich Dresden in der Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Lange Zeit fungierte die sächsische Landeshauptstadt als symbolträchtiger Austragungsort für den größten Neonaziaufmarsch Europas, bei dem Rechtsradikale alljährlich die Luftschläge gegen Nazi-Deutschland als "alliierten Bombenholocaust" umzudeuten versuchten. Seit Ende 2014 läuft Pegida durch Dresden, zu Spitzenzeiten mit mehr als 20.000 Menschen.

Man könnte also fast auf die Idee kommen, dass es seit einigen Jahren eine Konstante gibt: Wenn sich Menschen auf den Straßen von Dresden versammeln, kommt in aller Regel nichts Gutes dabei heraus. Nun scheint sich dieser Trend am kommenden Wochenende tatsächlich fortzusetzen. Nachdem Mitte April bekanntgeworden war, dass die so genannte Bilderberg-Konferenz in diesem Jahr vom 09. bis zum 12. Juni in der Elbstadt stattfinden soll, kritisierten rechte wie linke Akteure öffentlich die geplante Veranstaltung—und beim Dresdner Ordnungsamt trudelten mehr als ein Dutzend Anmeldungen für Versammlungen ein.

Bei den Bilderberg-Konferenzen kommen alljährlich hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft zusammen, um den Austausch über die internationalen Beziehungen zwischen Europa und Nordamerika zu fördern. Der Name geht auf das niederländische "Hotel de Bilderberg" zurück, in dem im Jahre 1954 das erste dieser Treffen stattfand. Es handelt sich bei den privat veranstalteten Konferenzen um eine informelle Zusammenkunft ohne politische Entscheidungsbefugnisse, vergleichbar mit der Sicherheitskonferenz in München. Soweit, so unspannend.

Nun versammeln sich bei nahezu allen Treffen von wichtigen Politikern immer wieder Menschen, die gegen diese politischen Repräsentanten auf die Straße gehen, und oftmals gibt es viele gute Gründe dafür. Um die Bilderberg-Konferenzen ranken sich jedoch seit geraumer Zeit diverse Verschwörungstheorien. In der ZeitschriftCompact heißt es exemplarisch, bei den "Bilderbergern" träfen sich "die Global Players aus Big Business und Dirty Politics hinter verschlossenen Türen, um den Globus neu zu justieren". An anderer Stelle weiß die Compact zu berichten, dass der Zweck der Konferenzen in einer Art "Politiker-Casting" bestünde: "Gefallen die Hoffnungsträger den alten Herren, so werden sie in der Folge mit der ganzen medialen und finanziellen Macht des Netzwerkes in Spitzenpositionen geschoben, um dann im Sinne der Bilderberger zu wirken."

Verschwörungstheorien dieser Art sind nicht einfach nur "verrückt", sie bieten auch eine offene Flanke für antisemitische Ressentiments. Die Erzählungen über die Bilderberg-Konferenzen und das Gerede von "Strippenziehern" greifen auf jenes tradierte Klischee zurück, das damals wie heute eine "jüdische Weltverschwörung" halluziniert.

"Die Bilderberger sind die Ausgeburt der Hölle", schreibt ein User in die Facebook-Veranstaltung zur "Anti-Bilderberg-Demo". Versehen ist sein Kommentar mit einer Grafik, in der mehrere Männer um einen mit einem Davidstern versehenen Tisch versammelt sind, auf dem ein unbekleidetes Baby liegt. Einer der Männer ist gerade dabei, mit einem langen Messer auf das Neugeborene einzustechen—ein offener Rückgriff auf die antisemitische Ritualmordlegende.

Allein dass Dresden ausgewählt wurde, sorgt in einschlägigen Foren für reichlich Diskussionsstoff. Turnusmäßig sei eigentlich die USA als Austragungsort an der Reihe gewesen, wissen "Bilderberg"-Experten zu berichten. Schließlich sei es bislang immer so gewesen, dass die Treffen im Jahr einer Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten stattfanden.Teile der Friedensbewegung sind sich sicher, dass der Termin ausgewählt wurde, weil am selben Wochenende eine Demo gegen die US Air Base in Ramstein geplant ist—"geschickt gemacht", befindet ein Aktivist, schließlich könne man die Demonstranten so "teilen und beherrschen".

Alles muss eine tiefere Bedeutung haben, einen versteckten Sinn, einen geheimen Kern. "Soll Merkel in Dresden nun politisch 'hingerichtet' werden?", titelt etwa der rechtsesoterische Kopp-Verlag. Compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer fragt sich auf seinem Blog, weshalb die "Bilderberger", die "Europa zur Aufnahme von immer mehr Muslimen animieren wollen, ausgerechnet dort Flagge zeigen, wo die Proteste gegen die Islamisierung Europas ihren Ausgangspunkt nahmen (...) ". Ein Kommentator will daraufhin gar wissen: "Werden die Bilderberger in Dresden, einer Bomben-Holocaust-Stadt, den Welt-Holocaust beschließen?"

Fragen über Fragen also. Das Problem ist: Die pseudo-investigative Fragerei der Verschwörungstheoretiker dient nicht der Aufklärung, sondern der Bestätigung und Festigung ihres eigenen hermetischen Weltbildes. Verschwörungstheorien ist mit Kritik kaum beizukommen, weil sie sich in ihrer eigenen Logik bewegen und sich gegen sachbezogene Argumente immunisiert haben. Elsässer schreibt etwa über die Bilderberg-Konferenzen: "In der Vergangenheit waren die Jahrestreffen ein regelrechtes Casting für künftige Bundestagskanzlerkandidaten: Merkel war 2005 da, vier Monate vor ihrem Wahlsieg. Steinbrück lief 2012 auf, machte dann aber nur den zweiten Platz ..."

Das soll irgendwie mysteriös klingen, heißt aber im Klartext eigentlich nur, dass Kanzlerkandidaten von CDU und SPD bei den Bilderberg-Konferenzen anwesend waren und danach entweder die Wahl gewonnen haben oder eben nicht. Eigentlich ist es völlig egal, was passiert—hinter allem steckt das "Netzwerk". In einer komplexen Welt entstehen Bedürfnisse nach einfachen Erklärungen. Verschwörungstheorien schaffen hier Abhilfe. "Zur Durchsetzung der obsessiven Botschaft werden Phantasie und Wirklichkeit so lange vermischt, bis die Gesetze der Plausibilität keine Bedeutung mehr haben", schreibt der Antisemitismus-Experte Wolfgang Benz in seinem Buch Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung.

Proteste gegen das Treffen werden aus unterschiedlichen Ecken angekündigt. Die Kundgebungen und Demonstrationen tragen Titel wie "Wer bestimmt wirklich?", "Bilder gegen Bilderberger" oder "Volksherrschaft durchsetzen – Bilderberger-Macht brechen – Heimlichtuerei beenden!".

Letztere Veranstaltung wurde vom örtlichen Kreisverband der NPD angemeldet. Daneben haben diverse Privatpersonen und die Dresdner "Mahnwachen für den Frieden" Versammlungen angemeldet, die "sozialistische" Online-Zeitschrift Die Rote Fahne möchte die Konferenz am liebsten sogar blockieren.

Die AfD ruft am Samstagvormittag ebenfalls zu einer Kundgebung auf. Die Konferenz solle verboten werden, meint die Partei, schließlich habe die Polizei Besseres zu tun, als "ein paar selbsternannte Weltenlenker" zu beschützen.

Auch die Fraktion der Linkspartei im Sächsischen Landtag lehnt eine durch die "sächsische Polizei organisierte Abschottung der Konferenz und der Dresdner Innenstadt ab". Schließlich würden bei dem Treffen "Entwicklungen und Entscheidungen mit erheblichen Auswirkungen auf die Bürger, die Staaten und Gesellschaften der europäischen und nordamerikanischen Länder und weit darüber hinaus diskutiert und abgestimmt". Eigene Proteste der Partei seien aber nicht geplant, wie ein Sprecher gegenüber VICE berichtet—wegen der vielen anderen Veranstaltungen, "mit denen wir definitiv nicht in Verbindung gebracht werden wollen".

Die Veranstalter einer Demonstration am Samstagnachmittag, bei der mit 1.000 Menschen gerechnet wird, geben sich indes betont unpolitisch: Ihre Versammlung werde "weder von Linken, Rechten, Gewerkschaften, Mahnwachen, oder anderweitig politisch motivierten Organisationen organisiert", heißt es etwas ungelenk auf Facebook. Angekündigt wird unter anderem das in der verschwörungstheoretischen Szene beliebte und außerhalb von ihr vielfach kritisierte Musikduo Die Bandbreite.

Es könnte eine interessante Mischung werden, die sich da in den kommenden Tagen in Dresden versammeln will. Das bedeutet keineswegs, dass "Rechts" und "Links" im Grunde doch irgendwie das Gleiche wären. Es weist eher darauf hin, dass es sich bei Ideologien, die sich einer unterkomplexen Einteilung der Welt in "Gut" und "Böse" bedienen (und dazu zählt der Antisemitismus zweifelsohne), um gesamtgesellschaftliche Phänomene handelt. Antisemitische Verschwörungstheorien sind kein Patent der extremen Rechten.