HipHop, Hummus und Politik: Zu Besuch in „Klein Palästina“
Photos by Sofi Langis.
naher osten

HipHop, Hummus und Politik: Zu Besuch in „Klein Palästina“

Yassin „Narcy“ Alsalman ist ein wahres Multitalent: Der Rapper, Professor, Autor und Aktivist entdeckt mit uns die vielfältige arabische Küche in Montreal und erklärt uns, wie Essen genauso wie Musik Menschen verbinden kann.
25 Februar 2016, 4:00pm

„Ich trinke zwar keinen Alkohol, aber heute wäre es vielleicht nicht so verkehrt, einen durchzuziehen, denn wir haben eine gewaltige Fressorgie vor uns."

Wenn das keine Vorwarnung ist. Yassin „Narcy" Alsalman ist Professor, Rapper, Autor, Aktivist und Vegetarier. Der vielbegabte MCnimmt mich heute mit zu seinen Lieblingsrestaurants in Montreal und wir sprechen über HipHop, Politik und wie Essen einfach alles und jeden verbindet, egal wie düster die Lage im Nahen Osten auch ist.

„Ich habe schon als Kind gelernt, offen zu sein. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich eigene Entscheidungen treffe. Sie waren mir mit unserer Religion ein Vorbild. Ich bete und glaube an eine höhere Macht namens Allah." Muslime können aufgrund ihrer Religion nicht alles essen—aber deshalb ist Narcy nicht Vegetarier geworden. Es hat eher irdische Gründe, nämlich die Verdauung.

„Narcy" steht für Neo-Arab Rebel Called Yassin. Fotos von Sofi Langis

„Mein Arzt hat mir geraten, rotes Fleisch komplett zu streichen, weil ich Verdauungsprobleme hatte. Ich bin ein bisschen wie der arabische Larry David: neurotisch und mit nervösem Magen. Vegetarisch zu leben ist mir auch einfach lieber: Ich will nicht dick werden und auch nicht, dass Fleisch in meinem Darm verrottet. Aber na ja, die meisten Muslime lieben Fleisch. Ich meine, sie opfern Lämmer, weil es Glück bringt."

Das heißt nicht, dass Narcy gelegentlich auch mal Fleisch isst, aber nur, weil er keine richtige Wahl hat: „Ich sage meiner Mutter immer: ,Ich bin mittlerweile 30. Ich esse einfach kein Fleisch.' Sie kocht gerne typisch irakische Gerichte wie timanjinzar, Reis mit Hackfleisch und Zimt. Sie zwingt mir das regelrecht auf. Und ich bin eben ein guter Junge: Ich kann nicht einfach Nein zu meiner Mutter sagen."

In Montreal findet man das irakische Essen, von dem Narcy erzählt, fast nirgends, aber langsam tut sich was. Genauso wie Asia-Restaurants oder pan-asiatische Küche gibt es mittlerweile mehr „arabische" Restaurants—ein Überbegriff für die vielfältige Bevölkerung in der Stadt, in die Tausende vor dem Libanesischen Bürgerkrieg und jetzt eben auch vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind.

Garage Beirut gehört zu diesen Restaurants und unser erster Stopp. „Wenn ich hierher komme, fühle ich mich wie in Beirut. Es sieht genauso aus und schmeckt auch so."

Der Name bezieht sich auf Taxistationen, mit denen man im Libanon von einer Stadt in die andere kommt. Wenn man zum Beispiel von Beirut nach Tripoli will, geht man einfach zur Taxistation „Tripoli". Und wer in Montreal schnell mal nach Beirut möchte, für den ist Garage Beirut eben auch die erste Station.

„Ich erinnere mich noch an die Zeit in Beirut während des Bürgerkrieges. Wenn eine Bombe explodierte, hat man zuerst Freunde angerufen, die in der Nähe wohnten, und gefragt: ,Geht's dir gut? Ah, gut. Was machst du heute Abend?' Das ging so weit, dass uns alles irgendwann egal war. Es gab keinen Strom, zu viel Verkehr, aber alle gehen trotzdem aus und feiern. Ihnen ging es lange schlecht, khalas, aber irgendwann reicht es auch."

Naji, der Besitzer von Garage Beirut, hat während des 15 Jahre andauernden Bürgerkriegs im Libanon gelebt. Bei den Kämpfen2006 zwischen Isreal und der Hisbollah hat es ihm dann gereicht: „Ich sagte mir selbst einfach nur: ,Scheiß drauf!' Ich bin zwei Mal fast draufgegangen und das wird nur wieder passieren. Also bin ich gegangen. Ich war im Juli kurz in Montreal, überall gab es Pflanzen und Bäume, die Leute tanzten auf dem Mont Royal—das war für mich das Paradies. Als ich dann im Januar wiederkam, habe ich mich nur gefragt, wie zur Hölle Menschen hier leben können. [Lacht]"

Irgendwann hat er sich dann an die eisige Kälte in Quebec gewöhnt und Garage Beirut eröffnet, obwohl er vorher nie in einem Restaurant gearbeitet hat. Jetzt serviert er seinen Gästen traditionelle libanesische mezze wie in den belebten Restaurants seiner Heimatstadt, die auch Narcy immer wieder inspiriert.

Narcy mit dem Besitzer von Garage Beirut, Naji Elzein

„Beirut ist unglaublich inspirierend, aber eben auch irgendwie zerrüttet", meint Narcy. „Das letzte Mal war ich zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs dort. Ich gab eine Show und ein paar syrische Rapper haben es auch irgendwie in den Libanon geschafft. Ich stand also auf dieser Bühne, mit meinem Schmuck, meinen Klamotten und rappte auf Englisch und ein Typ im Publikum grölte: ,Sing auf Arabisch!' Also hat der DJ eine andere Platte aufgelegt und ich habe den Typen dann auf Arabisch gedisst. Wegen ihm habe ich danach einige Songs auf Arabisch aufgenommen."

Als Nächstes fahren wir zu Al-Baghdadi Pastry, um für seine Frau und sein Kind ein paar knafeh abzuholen und uns am Steinofen zu wärmen. Auf dem Weg dorthin fahren wir auch über den Campus der Concordia University, wo Narcy ein Seminar zur HipHop-Geschichte unterrichtet.

„Die Gegend hier nenne ich auch gern ,Klein Palästina'. Viele junge Menschen kommen aus dem Nahen Osten nach Montreal, um hier zu studieren, weil es billig ist. Rund um die Concordia gibt es viele Studentenrestaurants wie das Al-Taib, Château Kebab und eben das Baghdadi. Ich liebe mein Land und essentechnisch ist der Irak hier eher unterrepräsentiert. Das Baghdadi hat mich damals echt neugierig gemacht, ich liebe die Tees und die süßen Sachen."

In diesem ,Klein Palästina' hing Narcy als Student und Aktivist viel herum. „Ich habe 2000 an der Concordia Politikwissenschaften studiert. Nach dem 11. September gab es immer mehr Rassismus, es gab viele Spannungen. Gegen den Staatsbesuch von Benjamin Netanyahu 2003 haben wir demonstriert und wurden mit Tränengras zurückgedrängt. Überall lag zersplittertes Glas auf den Straßen und auf den Dächern hatten sich Scharfschützen positioniert. Das war verrückt."

Dieses berühmte Kapitel der Universitätsgeschichte hat Narcy vor allem intellektuell beeinflusst. „Im Vergleich zur McGill University, die eher akademisch fokussiert ist, hat die Concordia radikalere und politischere Ansichten. Das hat meine Musik und meinen Blick auf die Welt beeinflusst. Meine ersten Sachen waren super politisch und im Seminar, das ich jetzt leite, geht es um HipHop als Kunstform und als Motor für soziale Veränderungen."

„Dieses ,teile und herrsche' hat die Araber extrem beeinflusst", meint Narcy und bezieht sich dabei auch auf die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten, die durch die Kolonialzeit und die Einmischung des Westens im Nahen Osten nur noch schlimmer geworden sind. „Das Beste, was man tun kann, ist wörtlich das Brot zu brechen.Die besten Unterhaltungen und Entscheidungen gibt es doch beim Essen. Für die meisten hier, glaube ich, ist ,arabisches Essen' ein Sammelbegriff, aber es gibt große regionale Unterschiede."

Manchmal kommen bei nahöstlichen Gerichten auch kleine Regionskonflikte hoch: Schnell diskutiert man darüber, ob Aleppo wirklich das kulinarische Mekka des Nahen Ostens ist, wie man das Pita richtig wischt oder über die jahrhundertealte Frage, wer denn nun Hummus erfunden hat. Über all diese Themen habe ich auch mit Narcy gesprochen und wir sind uns nie einig geworden.

Narcy und der Besitzer des Kaza Maza, Fadi Sakr

Als wir ins Kaza Maza kommen, gibt es aber wichtigere Dinge. Zum Beispiel, wie wir die Armada an Essen, das aus der Küche zu uns kommt, bewältigen könnten: gebratener Käse, Tabouleh, Labneh, tonnenweise Hummus natürlich und kebab bil karaz, ein Klassiker aus Aleppo aus Lammhackfleisch, Pinienkernen und Sauerkirschen. „Dieses Essen gehört einfach zu mir", meint Narcy. „So wie Münzen und Spielautomaten zusammenpassen."

Kebab bil karaz

Der Besitzer des Kaza Maza, Fadi Sakr, ist ausgebildeter Schauspieler. 2003 ist er aus dem Libanon nach Montreal gekommen, und hat, obwohl er keine Branchenerfahrung hat, ein Restaurant eröffnet. Wie auch bei Naji von Garage Beirut war Fadis Leidenschaft fürs Essen aber groß genug, dass er die fehlende Erfahrung wettmachen konnte.

„Damals in Beirut gab es ein Bistro, in dem nur Schauspieler, Schriftsteller und Professoren rumhingen", erzählt Fadi. „So sollte mein Restaurant auch sein." Und wie es das Schicksal so wollte, ist Narcy, der in all diese Kategorien fällt, ein Stammgast bei Fadi.

Fadi ist aber skeptisch, ob die regionalen Küchen wirklich so unterschiedlich sind: „Ich denke, dass die einzelnen Richtungen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben."

Narcy pflichtet ihm bei. Ähnliches stellt er auch oft bei seiner Musik fest: „HipHop kann Brücken bauen. So habe ich zwischen meinen zwei Welten—dem Orient und dem Westen—eine Brücke schlagen können", meint er. Und genauso wie Musik ist auch Essen ein Brückenbauer. Nicht nur zwischen Welten, sondern vor allem zwischen Menschen. Essen ist nicht rational, hier wird nicht in Schubladen gedacht und den Menschen kein Stempel aufgedrückt.

„Das ist fast das Einzige, was uns noch bleibt", sinniert Narcy. „Was ist denn noch von unserem Land übrig? Von Irak, Syrien und Palästina? Wir haben nur noch die Kultur, die wir mit uns mitnehmen und das hier ist ein wichtiger Teil davon", sagt er und zeigt auf die Berge aus Essen, die sich vor uns erheben. „Mit Essen kannst du jeden erreichen."