Diesem Tätowierer musst du vertrauen, denn du siehst nicht, was er dir sticht
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der Milk Gallery

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Tattoo

Diesem Tätowierer musst du vertrauen, denn du siehst nicht, was er dir sticht

Scott Campbell hat das Glory Hole des Tätowierens erfunden.
17.11.15

Man konnte die Nervosität in der New Yorker Milk Gallery vergangenen Freitag förmlich spüren. Zwischen 50 und 100 Leute standen auf den Fluren und warteten auf die Eröffnung von Scott Campbells Ausstellung Whole Glory.

Drei Glücksppilze von ihnen würden in den Genuss eines kostenloses Tattoos des berühmten Tattookünstlers kommen—ohne zu wissen, welches Motiv er ihnen sticht. In der Galerie wurden mir die Power und Dynamik avantgardistischer Performancekunst wieder bewusst, von der Vorfreude, dem Erlebnis selbst bis zur Ekstase, die es erzeugt.

Santiago Sierra schockierte im Jahr 2000 die Leute mit der 16cm langen Linie, die er vier Leuten tätowierte. Marina Abramovic schockierte die Menschen 1974 mit ihrer Performance Rhythm O vielleicht sogar noch etwas mehr, indem sie ihnen 72 Gegenstände, darunter eine geladene Pistole, frei zur Verfügung stellte und sich selbst vollständig der Kontrolle des Publikums unterwarf. Diese beiden Künstler und ihre Werke unterscheiden sich selbstverständlich sehr von Campbells Whole Glory, aber sie teilen den zugrundeliegenden Faktor: blindes Vertrauen gegenüber anderen. Wenn das Vertrauen fast vollständig entweder in der Hand des Teilnehmers oder des Künstlers liegt, gibt es keinen Kompromiss, doch das Werk bleibt trotzdem eine Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten.

Campbell ist ein Künstler, der alle Richtungen beherrscht, aber er ist vor allem für seine monochromatischen, komplexen Tattoos bekannt, die eine große Bandbreite an Popstars und Hollywood-Schauspielern zieren. Der Kontext der Milk Gallery gab ihm die Freiheit, mit seiner Praxis zu experimentieren. Campbell gegenüber The Creators Project: „Ich denke, jeder Tätowierer hat sich schon mal die Frage gestellt, wie es wäre, wenn es die andere Person bei der Erfahrung des Tätowierens nicht gäbe. Man ist als Tätowierer nicht so frei und inspiriert bei der Arbeit, weil man sich konstant der Tatsache bewusst ist, dass die Leinwand, die man bearbeitet, auch eine Meinung zum Kunstwerk hat.“

Durch einen Lattenzaun wird der Teilnehmer in der Milk Galery von Scott Campbell getrennt. Seinen Arm muss der Besucher dann durch das stecken, was in anderen Kreisen wohl als Glory Hole bekannt ist.

In einem Interview mit Milk hatte sich Campbell gefragt, ob diese auch für ihn ungewöhnliche Erfahrung befreiend sein würde. Also stellten wir Campbell dieselbe Frage nach der Performance noch mal:

„Die Freiheit, die ich fühlte, nachdem mir die Leute so ein volles Vertrauen entgegenbrachten, war beeindruckend. Ich hatte auch vorher schon Kunden, die mit den Worten kamen "Mach, was immer du willst", aber ich denke, erst durch die Wand konnte ich die Freiheit, die sie mir boten, auch zu behalten.

Ich wusste nichts über diese Leute, aber sobald ich ihre Arme in die Hand nahm, sie rasierte und die Haut vorbereitete, begann ich mir auszumalen, wer sie wohl wären. Diese Vorstellung beeinflusste dann das Tattoo, das ich machte. Es war so ein bisschen, wie in der Hand zu lesen. Oft hatte ich schon vorher ein Design vorbereitet und dachte: 'das mache ich auf den nächsten Arm, der kommt'. Doch jedes Mal, wenn ich dann den nächsten Arm in der Hand hielt, betrachtete ich ihn und änderte das Design. Es funktionierte nicht für diesen Arm. Mein Instinkt sagte mir: 'Nein, dieser Arm braucht etwas anderes.“

Whole Glory war vom 12.-15. November in der Milk Gallery zu sehen. Mehr von Scott Campbells Arbeiten findet ihr auf seiner Website oder in seinem Tattooladen Saved