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Festivals

Was das „Eat Sleep Rape Repeat“-Shirt über unsere Festivalkultur aussagt

Es gibt einen Grund dafür, warum der Typ so selbstgefällig mit diesem widerlichen Shirt über ein Festivalgelände laufen konnte. Lasst uns das ändern.
14.4.15

Am Wochenende postete mein THUMP-Kollege Jemayel Khawaja das Foto eines Typen vom Coachella auf Twitter, der ein Shirt mit dem Spruch „Eat Sleep Rape Repeat" anhatte. Der Kerl posiert und grinst bereitwillig für die Kamera—und scheint dabei mit sich selbst rundum zufrieden zu sein. Dieses widerliche Abfeiern von sexueller Misshandlung, kombiniert mit der zur Schau gestellten Selbstgefälligkeit, löste einen Twitter-Sturm ungeheuren Ausmaßes aus, der dann schnell zu einem viralen Tornado anwuchs, sobald das Bild bei Buzzfeed, Jezebel und den ganzen anderen gelandet war.

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This guy wins the award for worst fashion/lifestyle choices at @coachella. I'm not easy to offend, but this is shitty pic.twitter.com/fyjod24nAx
— Jemayel Khawaja (@JemayelK) April 12, 2015

In manchen Artikeln wurde darüber spekuliert, ob das T-Shirt nicht vielleicht doch nachträglich mit Photoshop bearbeitet worden war—leider nicht.

Ich rief Jemayel an. Er war gerade auf dem Rückweg nach L.A. und erklärte mir, wie es zu dem Foto gekommen war: „Ich war gerade auf dem Weg zum Sahara Tent, um mir dort einen Drink zu holen, als ich diesen Typen sah. Nachdem ich zwei Mal ungläubig hingeschaut hatte, beschloss ich, das irgendwie fotografisch festzuhalten. Als ich ihn fragte, ob ich ein Bild machen kann, war er total begeistert—deswegen auch das Peace-Zeichen und das schleimige Grinsen."

„Ob du es glaubst oder nicht, er war dort mit einem Mädchen unterwegs. Sie schien von der ganzen Sache ziemlich genervt zu sein. Als ich ihn nach einem Foto fragte, warf er ihr einen Blick zu, der zeigte, dass er sich in seiner Outfit-Wahl bestätigt fühlte", so Jemayel weiter.

Eine Menge Menschen haben sich über dieses Shirt extrem aufgeregt und wie ein Artikel in LA Weekly von 2013 beweist, handelt es sich dabei nicht um einen Einzelfall. Da es aber weder online noch von irgendeiner größeren Kette verkauft zu werden scheint, gehe ich mal davon aus, dass der Typ das T-Shirt selbst hergestellt hat. Der Slogan ist eine Abwandlung des allseits bekannten „Eat Sleep Rave Repeat"—einer Referenz an den gleichnamigen Track von Fatboy Slim und Riva Starr. Den Originalspruch siehst du bei jedem Elektro-Festival und auch in vielen Clubs. Der Spruch ist so etwas wie der Nike Swoosh der Elektroszene, allseits bekannt und in diversen Abwandlungen verbreitet. Der „Witz" soll in diesem Fall offensichtlich darin bestehen, dass die Veränderung eines einzigen Buchstabens eine unangenehme Sache aus dem bekannten Refrain macht—total „edgy" halt.

Die Sache mit Vergewaltigungswitzen ist aber schlicht die, dass die meisten davon alles andere als lustig sind. Natürlich sage ich jetzt nicht, dass solche Witze generell verboten gehören—alle Idioten, die sich gerade in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt gefühlt haben, können also bitte wieder vom Schreibtisch herabsteigen und ihre vor Empörung bebenden Fingerchen von der Tastatur nehmen—denn es ist tatsächlich auch die Aufgabe von Humor, sich mit den beschissenen Seiten des Lebens auseinanderzusetzen, und dazu gehören zweifellos Vergewaltigungen. Aber dafür braucht es auch genug Zeit und Raum für eine nuancierte Auseinandersetzung, und die ist bei einem Musikfestival mit tausenden zugeballerten Leuten nicht gegeben.

Nehmen wir dieses Shirt einfach zum Anlass, uns mit einem wesentlich tiefgreifenderen Problem auseinanderzusetzen—einem, das allzu oft von „wichtigeren" Meldungen überschattet wird, die so eine Festival-Saison dominieren; Meldungen über Drogen oder mit wem Madonna gerade wieder rumgeknutscht hat.

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Wir müssen über sexuelle Belästigung auf Musikfestivals reden.

Zufällig erschien gerade auch im Mixmag ein Artikel über sexuelle Belästigung in Clubs. „Es ist etwas, das sich durch die komplette Clubkultur zieht, von oben bis unten, von kommerziellen Arenen bis hin zu kleinen Undergroundpartys. Es passiert so oft, dass Frauen vermittelt bekommen, es würde zum Ausgehen eben dazu gehören. Es herrscht die Vorstellung, dass es eh nichts bringt, sich darüber zu beschweren, und dass wir einfach kurz zusammenzucken und es aushalten müssen", schrieb Chanetelle Fiddy. Genau das gleiche lässt sich auch über Musikfestivals sagen.

Hier gibt es noch mehr über bescheuerte EDM-Slogans auf T-shirts zu lesen.

Es gibt dort—erschreckende wie auch banale—Beispiele für die Formen sexueller Belästigung, denen sich Frauen regelmäßig ausgesetzt sehen, wenn sie solche Veranstaltungen besuchen. Erinnert ihr euch noch an die zwei Drogentoten des Electric Zoo Festivals 2013, die damals die Berichterstattung dominierten? Auf dem gleichen Festival ereignete sich noch einen anderer Vorfall, über den nicht so viel gesprochen wurde: Der mit dem 16-jährigen Mädchen, das mit heruntergezogener Hose und verletzten Beinen unter einem Van außerhalb des Festivalgeländes aufwachte. Sie wurde in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte feststellten, dass sie sexuell misshandelt worden war.

Zum Glück sind Vorfälle dieser Art die Ausnahme und nicht die Regel, aber nichtsdestotrotz sehen sich Frauen auf Festivals regelmäßig verletzendem oder übergriffigem Verhalten ausgesetzt—sei es irgendein Typ, der dich im Vorbeigehen begrapscht, dumme Kommentare über deinen Körper von sich gibt, oder jemand, der deinen ausgelassenen Tanzstil als Einladung versteht, dich ohne deine Einwilligung anzupacken.

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Dieses Bild vom Gothamist des letztjährigen Mysteryland ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sexuelle Belästigung in der Festivalkultur mittlerweile zur Norm geworden ist: Als eine Frau auf eine Lautsprecherbox kletterte, fingen wildfremde Männer plötzlich an, ihr auf den Hintern zu schlagen und sie zu begrapschen.

(Photo via Tod Seelie / Gothamist)

Der Fotograf, der diese Szene festhielt, erinnert sich:

Ihre Reaktion bestand in einem vorsichtigen Ausdruck von Missfallen und darin, genau auf der Seite der Lautsprecher wieder herunterzuklettern, auf der ihre Grapscher nicht waren. Sie sagte nichts. Falls es irgendeine Reaktion gab, dann war sie zu zaghaft, als dass ich sie mitbekommen hätte. Erwähnenswert ist auch, dass ein anderer Typ ihr schon auf den Hintern geschlagen hatte, bevor der andere dann richtig zugriff. Sie schien das hauen nicht zu stören / reagierte nicht darauf. Der Grabscher war ihr dann aber wohl doch zu viel.

Was mich an dieser Story am meisten bedrückt, ist dieses kleine Detail: „Sie sagte nichts." Dahinter steckt die gleiche Ambivalenz, wie sie auch in der vom Mixmag zitierten Studie zum Vorschein kommt. Die Studie hatte zum Ergebnis, dass „von den 1.198 befragten Frauen zwischen 18 und 24 fast ein Drittel beim Ausgehen begrapscht wurde oder andere ungewollte körperliche Übergriffe erlebt hat. Leider waren insgesamt nur 19 Prozent dieser Frauen über das Geschehene überhaupt verwundert."

Und diese mangelnde Verwunderung ist besorgniserregend. Die Kultur aus Sex und Hedonismus, die Musikfestivals erst zu einem so tollen Zeitvertreib macht, sollte nicht als bequeme Ausrede für sexuelle Übergriffe herhalten. Wie Fiddy schreibt: „Wenn Frauen noch nicht mal auf dem Dancefloor Respekt bekommen, wie soll sich die Clubkultur dann jemals ändern?"

Das Entsetzen und die Wut, die sich im Internet über das „Eat Sleep Rape Repeat"-Shirt breitgemacht haben, ist genau die Reaktion, die man sich auf eine solche Sache wünscht. Es gibt aber offensichtlich auch einen Grund, warum der Kerl anscheinend so entspannt damit über ein Festivalgelände laufen konnte—er wusste, dass die meisten Leute „total locker" damit umgehen würden. Die Wenigsten werden ihm ihre Meinung ins Gesicht gesagt haben. Lass uns jetzt mal damit anfangen.

Folgt Michelle Lhooq bei—@MichelleLhooq

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