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Ein Start-Up investiert 120 Millionen in eine 400 Dollar teure Saftpresse – und blamiert sich unendlich

Das Ding hat auch WLAN.
21 April 2017, 8:53am
Foto: pixabay | CC0 1.0

Die erste Frage in den FAQs auf der Website des Entsafters Juicero lautet: „Wie mache ich Saft?" Als Antwort folgen fünf Schritte, der erste davon: „Nehmen Sie einen Beutel aus dem Juicero-Karton in Ihrem Kühlschrank." In den nächsten drei Schritten soll man diese Packung dann richtig in das 400 Dollar teure Gerät einsetzen, sie an einem kleinen Haken aufhängen und den LED-beleuchteten Startknopf drücken. Aber wie Bloomberg vor Kurzem herausgefunden hat, müsste die Antwort auf die ursprüngliche Frage eigentlich lauten: „Schritt 1: Nehmen Sie einen der Beutel aus dem Kühlschrank und drücken Sie ihn mit Ihren bloßen Händen aus." Ohne superteuren Entsafter.

Seit einem Jahr ist Juicero das neue Lieblingskind des Silicon Valley, Investoren steckten begeistert mehr als 120 Millionen Dollar [umgerechnet circa 112 Millionen Euro] in das Start-up und sein Saftgerät. Der Gründer der Firma, Doug Evans, schon seit Langem ein Fan frisch und kalt gepresster Bio-Säfte, gründete die Saftbar-Kette Organic Avenue. Dann konzentrierte er sich auf Saftpressen für die eigenen vier Wände und entwickelte den Juicero. Das Gerät sollte die Nespresso (oder Senseo oder welche Kaffeemaschine auch immer) für gesunden Saft werden – allerdings zu einem wesentlich höheren Preis: Der Juicero ist derzeit für 400 Dollar [370 Euro] zu haben, kostete aber ursprünglich satte 699 Dollar [650 Euro]. Eine Safttüte kostet noch mal fünf Dollar extra pro Stück – zu haben in einem wöchentlichen Abo.

In einem Porträt der New York Times über das Start-up im März 2017 heißt es, dass „Evans zuerst Softwareentwickler, Maschinenbauer, Lebensmittelwissenschaftler und App-Entwickler einstellte", um das Gerät zu perfektionieren. „Es dauerte nicht lange, bis Evans feststellen musste, dass er noch mehr Geld brauchte. Das Innere des Geräts war zwar komplex, aber machbar. Die Software, die Fertigungsanlage, die elektrischen Tests und tausende anderer Dinge erforderten noch mehr Personal." Anders gesagt: Die Herstellung des Geräts war ziemlich teuer und ziemlich kompliziert.

„Ich habe 33 Monate im Geheimen daran gearbeitet", erzählte Evans im September 2016 im „Too Embarrassed to Ask"-Podcast bei Recode. „Hundert Leute haben daran gearbeitet. Für mich hat dieses Gerät das größte Potenzial, die menschliche Gesundheit weltweit zu verbessern."

Eine ziemlich gewagte Behauptung, selbst wenn der Entsafter so funktionieren würde, wie sich Evans das erhofft hatte. Tut er aber nicht. Bloomberg hat mit mehreren Investoren gesprochen, die enttäuscht waren, dass sie ihr Geld in einen 400 Dollar teuren Briefbeschwerer mit WLAN-Funktion gesteckt haben.

„Bloomberg hat einen eigenen Test durchgeführt: der Juicero gegen die bloßen Hände eines Journalisten", schrieben Ellen Huet und Olivia Zaeski. „Bei diesem Experiment stellte sich heraus, dass man mit der Hand in der gleichen Zeit – manchmal sogar schneller – fast genauso viel Saft aus den Tüten herauspressen kann wie mit der Maschine."

Ja. Das Gerät ist absolut überflüssig – und Evans prahlte noch damit, dass es vier Tonnen Druck erzeugen könnte, „genug um zwei Tesla-Autos hochzuheben". Man kann die Tüten auch mit den bloßen Händen auspressen und bekommt fast das gleiche Ergebnis.

Juicero verzieht keine Mine und steht weiterhin hinter seinem Produkt, man benötige das Gerät trotzdem – an die Safttüten kommt man Übrigen nur, wenn man auch einen Juicero besitzt. Auf das Gerät könne man nicht verzichten, weil „es einen QR-Code scannt, der auf der Rückseite jeder Tüte aufgedruckt ist und diesen mit einer Online-Datenbank abgleicht, um sicherzustellen, dass die Safttüte nicht abgelaufen ist oder Teil einer Rückrufaktion ist." Aber na ja, das Mindesthaltbarkeitsdatum ist ja auch auf der Verpackung abgedruckt.

Das Internet lacht sich derweil schlapp.

Ein modernes Märchen, von dem alle Kapitalanleger aus dem Silicon Valley noch was lernen können.