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Wie eine 6 Zeichen lange SMS die CIA zum 9/11-Drahtzieher führte

Eine kleine Anekdote im über 500 Seiten dicken CIA-Folterreport beweist die Sinnlosigkeit von Waterboarding für eine erfolgreiche Geheimdienstarbeit.
10.12.14
Khalid Sheikh Mohammed. Bild: US Armed Forces

Versteckt in dem gestern veröffentlichten über 500 Seiten langen CIA-Folterbericht findet sich eine knappe Anekdote, die eindrücklich die Effektivität der zahllosen aufgelisteten grausamen Verhörmethoden des Kampfes gegen den Terror in Frage stellt: Es waren sechs mickrige Zeichen, von einem bezahlten Informanten als Textnachricht gesendet, dank derer die CIA schließlich den zentralen Organisator von 9/11 festnehmen konnte. (Wenn man Leerzeichen und Punkte mit einrechnet, ist die Nachricht immerhin geschlagene 10 Zeichen lang.)

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Die erfolgreiche Verhaftung von Khalid Sheikh Mohammed—den die 9/11-Kommission als Mastermind hinter den Anschlägen bezeichnete—kann laut dem Folterbericht hauptsächlich auf Geheimdienstarbeit der alten Schule zurückgeführt werden. Entgegen anders lautender Beteuerungen von Präsident Bush und anderen Verantwortlichen haben die umstrittenen „erweiterten Verhörmethoden" aka Waterboarding und Co keinen Beitrag zur Festnahme von Khalid Sheikh Mohammed geleistet.

Im aktuellen Folterbericht steht dabei wörtlich, dass „keinerlei CIA-Dokumente die Annahme stützen, dass [die beiden gefolterten Verdächtigten] Abu Zubaydah, Ramzi bin al-Shibh, oder ein anderer vom CIA Festgesetzter, eine Rolle in der Planung und Ausführung der Operation zur Erfassung von Khalid Sheikh Mohammed spielten."

I M W KSM.

Bis zur gestrigen ​Veröffentlichung des Folterreports durch das Geheimdienstkomittee des US-Senats wurden der Öffentlichkeit jedoch ausführliche Geheimdienst-Interna vorenthalten, die eine Ineffektivität der berüchtigten CIA-Foltermethoden hätten belegen können. Die offizielle politische Linie besagte das Gegenteil. Erst gestern ​kommentierte der damalige Vize-Präsident Dick Cheney den Bericht mit der Aussage, dass die Folter geholfen hätte, „weitere Massenangriffe" gegen die USA zu verhindern.

Präsident George W. Bush nutzte in einer Rede vom 6. Dezember 2006 die Festnahme von Khalid Sheikh Mohammed (oder KSM wie er für Bush und die CIA heißt) zur Rechtfertigung der CIA-Folter, die offiziell als „erweitere Verhörmethode" bezeichnet wird:

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„Zubaydah wurde mit Hilfe dieser Methoden [der „erweiterten Verhörmethoden" der CIA] befragt und gab bald darauf Details über die wichtigsten Al-Qaida-Agenten preis. Darunter waren auch Informationen, die uns zu weiteren Verantwortlichen der Anschläge vom 11. September führten. Zum Beispiel identifizierte Zubayah einen der Komplizen von KSM, einen Terroristen namens Ramzi bin al-Shibh. Diese Informationen ermöglichten uns schließlich die Ergreifung bin al-Shibs. Beide Terroristen lieferten uns Informationen, die uns halfen, die Operation zur Ergreifung von Khalid Sheikh Mohammed zu planen und durchzuführen."

Stattdessen schreibt der Folterreport die erfolgreiche Verhaftung von Khalid Sheikh Mohammed (KSM) einem Kontakt namens „Asset X" zu. Dabei handelt es sich um einen CIA-Informanten, dem angeblich 25 Millionen Dollar für seine Schützenhilfe bei der Ergreifung gezahlt wurden.

In den Worten des CIA-Agenten, der Asset X „führte" und der ebenfalls direkt an der Verhaftung von KSM beteiligt war, „war die Operation von Anfang bis Ende eine HUMINT [human intelligence]-Op."

Offenbar hatte die CIA ihren Asset X lange vor den Anschlägen des 11. Septembers als potentiellen Informanten ausgemacht. Direkt nach den Terroranschlägen kontaktierte der Geheimdienst dann Asset X, um sie oder ihn für eine Kooperation zu gewinnen.

Im Laufe der folgenden zwei Jahre hatten Asset X und die CIA unregelmäßigen Kontakt, wobei die genaue zeitliche Abfolge der Ereignisse aufgrund der viele Schwärzungen im Folterreport heute schwer nachvollzogen werden kann.

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Fest steht in jedem Falle, dass sich Asset X im Frühjahr 2003 mit KSM traf und die CIA anschließend darüber in Kenntnis setzte. Die CIA bat den Informant daraufhin, ein weiteres Treffen zu arrangieren. Direkt am nächsten Tag traf Asset X dann angeblich zufällig auf KSM.

Die Abkürzungen in der kleinen SMS stehen sehr wahrscheinlich für die Botschaft „Ich bin bei KSM

Bild: Senate Intelligence Committee

Die Abkürzungen in der kleinen SMS stehen sehr wahrscheinlich für die Botschaft „Ich bin bei KSM" („I am with KSM"). Die pakistanischen Behörden, die nach der SMS vom CIA kontaktiert wurden, nahmen Khalid Sheikh Mohammed daraufhin bei einer Razzia fest.

Im gleichen Zeitraum unterzog die CIA Verdächtige, die offenbar nichts über den Aufenthaltsort von KSM wussten, den umstrittenen „erweiterten Verhörmethoden." Bei Asset X waren jedoch keinerlei Androhungen von Folter notwendig, um ihn dazu zu bewegen, sich gegen KSM zu stellten, oder auch nur mit dem amerikanischen Geheimdienst zu kooperieren.

Laut dem aktuellen Folterreport lief die Überzeugungsarbeit des entscheidenden Kontakts bei der Festnahme des 9/11-Masterminds wesentlich einfacher ab:

Laut dem aktuellen Folterreport lief die Überzeugungsarbeit des entscheidenden Kontakts bei der Festnahme des 9/11-Masterminds wesentlich einfacher ab.

Wir haben den Artikel entsprechend aktualisiert, um auf die unterschiedliche Zählweise der Länge der Informanten-SMS hinzuweisen.