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Antiquierte Unterhaltung: Niederlande verbieten die Wildtierhaltung im Zirkus

Warum dürfen in Deutschland immer noch dressierte Elefanten, Tiger und Affen zur Belustigung des Publikums durch die Manege gejagt werden?

von Christine Kewitz
15 Dezember 2014, 9:07pm

​Tierzähmerin mit dressiertem Leopard. Bild: ​Wikipedia | ​Gemeinfrei

Die niederländische Regierung hat an diesem Wochenende bekannt gegeben, dass ab dem 15. September 2015 keine Wildtiere mehr in ihren Zirkussen gehalten werden dürfen. Nach diesem Verbot dürfen keine Tiger, Löwen, Elefanten, Affen oder Giraffen mehr in der Zirkusmanege auftreten. "Die Gesundheit der Tiere ist wichtiger als ihre Verwendung für Vergnügungen oder das Festhalten an überkommenen Traditionen", wird die Staatssekretärin Sharon Dijksma im Spiegel zitiert.

Auch der allseits beliebte Schlangenbeschwörer muss sich also spätestens ab dem kommenden September eine neue Aufgabe suchen—oder er nimmt einfach ein Engagement in Deutschland an.

Denn trotz zahlreicher Initiativen traf ein solches Verbot hierzulande bisher auf taube Ohren. Selbst die Änderung des Tierschutzgesetztes im Jahr 2013 brachte keine Verbesserung für die Situation von Zirkustieren. Zwar wurde eine Ermächtigung zur Einschränkung der Wildtierhaltung im Zirkus neu eingefügt, doch eingegriffen werden kann künftig erst dann, wenn es Belege dafür gibt, dass Haltung und Transport „nur unter erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden" durchgeführt werden.

Laut Marius Tünte, der sich mit dem Deutschen Tierschutzbund für die Rechte von Zirkustieren einsetzt, bedeutet die aufgeweichte Regelung nicht nur einen Rückschritt im Vergleich zur vorherigen Gesetzeslage, sondern stellt auch eine Regelung dar, die kaum mit dem verfassungsrechtlich in Art. 20a GG festgehaltenen Gebot des Tierschutzes in Einklang zu bringen ist.

Laut Tünte gäbe es es in den Reihen konservativer deutscher Parteipolitiker durchaus einige erklärte Zirkusfans, die einem konsequenten Verbot im Wege stünden. Außerdem erklärte er mir:

„Von Seiten der Politik wurde jahrelang kommuniziert, dass ein Wildtierverbot zu stark in die Rechte der Dompteure eingreifen und ein Berufsverbot darstellen würde. Diese starre Haltung wurde aber mittlerweile ein Stück weit aufgegeben, auch weil im Grunde alle Dompteure, die mit Wildtieren arbeiten, ebenso mit domestizierten Tieren arbeiten könnten oder dies in der Vergangenheit bereits getan haben. Ein Wildtierverbot wäre insofern zwar eine Einschränkung, jedoch kein Berufsverbot und damit zulässig."

Ein Wildtierverbot bedeutet auch nicht gleichzeitig eine Spaßbeschränkung oder gar den Protest gegen das Zirkusvergnügen generell. Liebhaber von Roncalli, Krone oder Knie soll mit solch einer Regelung nicht ihre Liebe zur nostalgischen Unterhaltungsshow genommen werden, denn Clowns, Zauberer, Seiltänzerinnen und Hundedressur sorgen weiterhin für Spaß in der Manege. Nur der Beruf des Dresseurs müsste lediglich einer zeitgemäßen Generalüberholung unterzogen.

Andere europäische Länder gehen mit dem Tierschutz im Zirkus unterdessen erheblich fortschrittlicher um. So gibt es beispielsweise in Österreich, Belgien und Finnland bereits heute ein Wildtierverbot, während eine ähnliche Regelung in Großbritannien zum 1. Dezember 2015 in Kraft tritt. Nur in Deutschland kann man sich scheinbar nicht dazu durchringen, sich konsequent um ein lebenswürdiges Dasein von Wildtieren zu kümmern, die zu Unterhaltungszwecken durch eine Manege stolzieren müssen.

Bereits 2011 und 2013 hatte der Bundesrat eine Forderung nach einem solchen Verbot formuliert, doch das zuständige Bundesministerium reagierte lediglich mit der schwammigen Antwort, dass man „weiterhin ein mögliches Verbot bestimmter Wildtiere prüfe." Eine Antwort, die leider nur allzu sehr an das schmierig lächelnde „Wir kümmern uns drum" erinnert, mit dem Hausverwaltungen gerne mal auf Mieterbeschwerden reagieren, und damit letztlich nichts anderes als Verzweiflung hervorrufen.

Es gibt zahlreiche Gründe, warum ein Wildtierverbot im Zirkus eigentlich gar keiner Diskussion bedürfte: Zu kleine Käfige, ständige Transporte, kaum Bewegung, viel zu häufiges tierärztliches Unwissen der Zirkusbetreiber und eine damit verbundene frühe Sterblichkeit der Tiere sind nur einige davon.

Auch wissenschaftliche Studien, die auf ethnologischen, biologischen und veterinärmedizinischen Erkenntnissen beruhen, dokumentieren die Missstände der Wildtierhaltung im Zirkus. Gleichzeitig nehmen auch die Proteste seriöser wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen deutlich zu: Das Jane Goodall Institute beispielsweise spricht sich öffentlich gegen die Zurschaustellung von Affen zu Unterhaltungszwecken aus. Außerdem bestätigen vierzehn der namhaftesten Freilandforscher, die sich seit Jahrzehnten mit Elefanten in freier Wildbahn beschäftigen, dass die grauen Riesen grundsätzlich niemals verhaltensgerecht im Zirkus untergebracht werden könnten.

Nostalgie ist zwar ein kuscheliges, warmes Kissen, aber manchmal auch ein wenig staubig. Wir müssen keinen Elefanten im Kopfstand sehen, um bei einem Zirkusbesuch Spaß zu haben. Eine Ziegenparade mit lustigen Hütchen kann genauso nett sein. Und ansonsten bleibt immer noch der garantiert ethische Spaß des digitalen Goat Simulators.

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