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Dieses Gerät verschiebt die Grenze von Leben und Tod

Herzen können außerhalb eines toten Körpers mit diesem Gerät weiterschlagen und weit entfernten Patienten transplantiert werden—ein Durchbruch in der Transplantationschirurgie.

von Theresa Locker
03 September 2015, 8:56am

Bild: TransMedics

In dieser kleinen Kiste schlägt das Herz eines Toten.

Wie die MIT Technology Review berichtet, ist das Heart-in-a-Box ein Gerät, das Herztransplantationspatienten Hoffnung auf ein neues Leben schenkt, weil es Organe wiederbeleben und konservieren kann, die dem Körper eines bereits klinisch Verstorbenen entnommen wurden.

Das Organ Care System der US-Firma TransMedics hält das Herz warm und versorgt es stetig mit Blut und Sauerstoff. Mindestens fünfzehn Transplantationen wurden bereits mit dem „Herz in der Kiste" in Australien und Großbritannien erfolgreich durchgeführt. Ärzte vermuten, dass bei einer erfolgreichen Zulassung in den USA bis zu 30 Prozent mehr Patienten gerettet werden könnten, die anderweitig an Herzversagen sterben würden, weil es über weitere Strecken transportiert werden kann als ein Herz auf Eis.

Doch das Gerät entfacht auch ethische Debatten; denn es verschiebt letztlich die gar nicht so einfach zu ziehende Grenze zwischen Leben und Tod. Sind Patienten, deren Herzen in einer Kiste oder im Körper eines anderen wieder reanimiert werden können, wirklich tot?

Wann genau wird ein toter Patient zum Organspender erklärt?

Konkret geht es auch um die Frage, wie lange Chirurgen warten sollte, bis sie ein Herz entnehmen, das aufgehört hat, zu schlagen—oder zugespitzt formuliert; wann ein toter Patient zum Spender eines schlagenden Herzens wird. Die Faustregel liegt in den USA bei einer Wartezeit von fünf Minuten zwischen Feststellung des Hirntods und Organentnahme; doch an manchen Krankenhäusern wurden bei schwer hirngeschädigten Patienten Herzen bereits nach 75 Sekunden aus dem Körper geschnitten.

Seit südafrikanische Ärzte 1967 zum ersten Mal erfolgreich ein Herz transplantierten, ist viel passiert: 5.000 Herztransplantationen werden pro Jahr weltweit durchgeführt. Zu einem Routineeingriff ist die komplizierte Prozedur trotz gesteigerter Effizienz trotzdem nicht geworden. Komplikationen entstehen vor allem beim Transport der Organe auf Eis—dort hält sich das Gewebe nämlich gerade einmal sechs Stunden frisch, was bedeutet, das acht von zehn Herzen nie ihren Empfänger erreichen. In Deutschland transplantierten die Ärzte 2013 mit 301 Herzen so wenig Organe wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr; der Grund ist der Rückgang von Spendenherzen.

Die Transplantationsmedizin unterschiedet zwei Todesarten: den Hirntod und den Herztod durch Stillstand. Bleibt ein Herz stehen, verfällt es rapide, weil die Muskelzellen durch die mangelnde Sauerstoffzufuhr bereits absterben. Daher kommen Spenderherzen eigentlich nur von hirntoten Spendern mit noch gesunden Körpern. Sie werden entnommen und sofort heruntergekühlt, um den Stoffwechsel des Organs zu verlangsamen.

„Kalt war gestern, warm ist das neue Ding."

Die sogenannte warme Perfusion, bei der das Organ stetig mit Nährstoffen versorgt wird, ist ein revolutionärer Richtungswechsel in der Transplantationsmedizin, der hilft, das Organ besser und länger zu erhalten. „Kalt war früher, warm ist das neue Ding", wird der Transplantationschirurg Korkat Uygun gegenüber der MIT Technology Review zitiert.

Würde man die Spenderbasis um Herzen von Patienten erweitern, die einen Herztod gestorben, sind, gäbe es viel mehr verfügbare Organe. In Deutschland ist der Herztod allerdings keine erlaubte Voraussetzung für eine Transplantation, sagte mir Nadine Körner von der deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) am Telefon, sondern „der festgestellte Hirntod und eine Zustimmung der Angehörigen, während der Patient künstlich beatmet wird—das kann auch Stunden dauern."

„Ein menschliches Organ konnte noch nie außerhalb eines menschlichen Körpers lebendig gehalten werden, bis diese Maschine Wirklichkeit geworden ist", sagte Dr. Abbas Ardehali, Leiter des Herz- und Lungenprogramms der UCLA der amerikanischen Al-Jazeera.

Doch dagegen gibt es auch Bedenken: „Wie kann man etwas irreversibel nennen, wenn die Kreislauffunktion in einem anderen Körper wiederhergestellt werden kann?", fragt der Harvard-Ethikprofessor Robert Truog gegenüber MIT Technology Review. „Das übersehen wir gerne, weil wir unbedingt das Organ transplantieren wollen".

Bis die ethischen Fragen ausdiskutiert sind, gibt es noch eine ganz andere Hürde für den breiten Einsatz des OCS in Krankenhäusern: Den Preis von 250.000 US-Dollar für den kleinen Rollkoffer.