Wie meine Chinareise zur Tour de Frosch wurde

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Wie meine Chinareise zur Tour de Frosch wurde

Uns ist schon klar, dass Frosch kein klassischer Appetitanreger ist. Unsere Autorin ist trotzdem auf den Schenkel gekommen!
4.12.14

Das Memory war schon die dritte Etappe auf meiner

Tour de Frosch

. Und dieses Mal erwarteten mich keine Schenkel, sondern fettige Bauch-Happen. Darum musste ich jetzt auch an Brustkörben statt an Zehen saugen.

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Meine kulinarische Expeditionsreise rund um scharf gewürzte Ochsenfrösche—ein Gericht, das ursprünglich aus der zentral gelegenen chinesischen Provinz Sichuan kommt, aber mittlerweile im ganzen Land beliebt ist—hat mich ins Memory geführt. Ein Restaurant in der vierten Etage eines westlich angehauchten Einkaufszentrums samt Bruno-Mars-Gedudel im Hintergrund, ganz in der Nähe von Shanghais belebter

Nanjing Lu

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. Den zahlenden Kunden erwartet hier eine Speisekarte, die noch länger ist als die imposante Schlange vor der jungen Verkäuferin. Kein Wunder, haben doch mehrere Gastro-Rezensenten den hiesigen Ochsenfrosch in den höchsten Tönen gelobt.

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Als eine chinesische Freundin von mir zum ersten Mal, irgendwo auf einer Straße in Hangzhou, auf einen Stand zeigte und etwas mit „Frosch" murmelte, war ich mir eigentlich ziemlich sicher, mich verhört zu haben. Schließlich denkt man bei Frosch und Gastronomie eher an sündhaft teure Franzosen mit delikaten Froschschenkeln à la carte als an einfache Essensstände, die die gleichen fetten Frösche verkaufen, vor denen ich als kleines Kind noch eine Heidenangst hatte.

Ich hatte mich übrigens nicht verhört. Als wir näher traten, sah ich Menschen, die sich für eine Portion Frosch die Beine in den Boden standen, um im Anschluss eine Spur von Miniknochen zu hinterlassen. Wie schon gesagt wurden die ersten Frösche von hungrigen Menschen in Sichuan verputzt, der Region, die auch für ihr extrem scharfes Essen bekannt ist.

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Und scharfes Essen macht in Sichuan durchaus Sinn. Denn hier herrscht die meiste Zeit des Jahres eine derartige Luftfeuchtigkeit, dass schon eine ordentliche Portion Pfeffer nötig ist, um richtig wach zu bleiben. Und auch bei Ochsenfröschen wird da keine Ausnahme gemacht.

Die Gastro-Chronik von Sichuan geht übrigens bis in die „Südliche" Song-Dynastie (1126-1279) zurück, als in der damaligen Hauptstadt das erste Restaurant seine Pforten öffnete.

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Und genau in dieser Stadt, im Jahr 2014 n. Chr., sollte ich meine Ochsenfrosch-Jungfräulichkeit verlieren.

Das Lokal war ein größeres Loch. Der Besitzer war so freundlich, mir ein „How-To Froschessen" an die Hand zu geben. Dabei habe ich gelernt, dass man solange am Knochen saugen muss, bis man nur noch winzige Knochen im Mund hat. Die werden dann ganz ungeniert in eine eigens bereitgestellte Schüssel gespuckt.

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Die Kunst des Froschessens lässt sich wie folgt zusammenfassen: Du sitzt an einem großen Tisch mit einer Herdplatte vor der Nase, auf die (nicht die Nase!) ein Topf mit kochend heißer, scharfer Brühe gesetzt wird. Dann wählst du dein Fleisch und Gemüse aus, das in den Topf soll, sowie den gewünschten Schärfegrad. Jetzt musst du dich gedulden, bis das Fleisch und das Gemüse durch sind. Um auf Nummer sicher zu gehen, kannst du mit dem Essstäbchen den Frosch an seinen Schenkeln hochziehen und das Fleisch inspizieren. (Aber erst zubeißen, wenn es wirklich gar ist, verstanden?)

Das Warten lohnt sich. Denn am Ende erwartet dich zartes weißes Fleisch, das erst durch die Schärfe seinen milden Geschmack verliert. Erinnert übrigens an Hühnchenfleisch.

Dennoch ist es nichts für Zartbesaitete. Denn auch außerhalb von Sichuan weiß man zu würzen und bleibt dem traditionellen, sprich: scharfen, Rezept treu.

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Im Memory wurden die Speisen, was den Schärfegrad betrifft, (Gott sei dank!!) an den westlichen Gaumen angepasst. Was durchaus verständlich ist, waren wir doch im Herzen von Shanghai, wo es vor Touristen nur so wimmelt. So war meine Ochsenfrosch-Erfahrung insgesamt sehr anfängertauglich. Was auch an der netten Atmosphäre lag, die man neudeutsch mit

Vintage

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beschreiben könnte. (Ich weiß,

Vintage

kann alles und nichts bedeuten, aber hey, meine direkten Nachbaren waren ein Grammofon und eine Nintendo-Konsole, von daher…)

Als ich übrigens in Peking war, sah die Lage nicht viel anders aus. Auf der dortigen Geisterstraße saßen die Menschen auf Plastikstühlen und warteten vor Ständen mit niedlichen Frosch-Figuren auf ihr Essen.

Der Frosch-Hype in China ist durchaus real. Und, wie ich finde, durchaus verständlich. Schon klar, im Westen denken die wenigsten von uns: „Hmm, ein saftiger Frosch, mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ab zum nächsten Teich."

Aber warum eigentlich nicht? Ochsenfrösche mögen vielleicht nicht, na ja, niedlich sein, dafür sind sie aber voller Proteine. Außerdem kommen sie in vielen Ecken Chinas und der USA vor, falls du mal wieder Fernweh bekommen solltest. Und sie können zum Teil echt coole Sachen machen (wie kleinere Schlangen vertilgen).

Vor allem aber schmecken sie köstlich. Kein Qua(r)k!