Vom koksenden Hunter S. Thompson und anderen Geschichten–Anekdoten einer mexikanischen Tequila-Legende
Illustration von Yuliya Tsoy.

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Alkohol

Vom koksenden Hunter S. Thompson und anderen Geschichten–Anekdoten einer mexikanischen Tequila-Legende

Tomas Estes, einer von zwei Tequila-Botschaftern der mexikanischen Regierung, erzählt uns von seiner Jugend im L.A. der 60er, seinen Ausflügen nach Mexiko und wie er Tequila nach Europa brachte.
19.8.15

Als einer von zwei offiziellen Tequila-Botschafter der mexikanischen Regierung wird dem 69-jährigen Tomas Estes die Einführung von Agavenspirituosen in Europa zugeschrieben. Geprägt von seiner Jugend, die er damit verbrachte, oben ohne Motorrad zu fahren und mit den Beatniks im Kalifornien der 60er-Jahre zu saufen, öffnete er seine erste Bar in Amsterdam. Heute hat er seine eigene Tequilamarke, schrieb ein preisgekörntes Buch über die Spirituose und betreibt weitere Bars in Paris und London. Wenn man diesen Typen schneiden würde, würde er wahrscheinlich Tequila bluten.

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Es fing alles als Jugendlicher in Los Angeles an: Meine Freunde und ich fuhren immer rüber nach Tijuana in Mexiko und zogen durch die Bars. Der Vibe dort gefiel mir. Und ich konnte Dinge tun, die Zuhause nicht möglich gewesen wären.

Dort fand meine Leidenschaft für Tequila ihren Ursprung. Wir tranken damals sehr viel von dem Zeug. Ich kann mich an diese eine Bar in Ensenada erinnern, Hussong's hieß sie, und es gab sie schon seit dem 19. Jahrhundert. Sie war voll von eigensinnigen Charakteren—Seglern, Gaunern, Abenteurern. Das war kurz nach der Beat Generation in den 1960ern und kurz bevor die Hippie-Bewegung in Schwung kam. Es waren aufregende Zeiten und Hussong's war ein großartiger Ort, um zu trinken—die Leute kamen auf Eseln angeritten.

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Ich erkundete, was es zu erkunden gab, unten in Mexiko und in ganz Kalifornien. Es war der Beginn der sexuellen Befreiung und Liberalisierung. Tijuana war die Stadt der Sünden. Wir waren high, tranken Tequila und gingen in Stripschuppen. Ich trug immer ein Springmesser mit mir herum. In diesen Jahren lernte ich viel übers Leben. Ich fuhr immer oben ohne nur mit meinen Levis-Jeans auf dem Motorrad durch die Sonne.

Aber, ich muss auch einräumen, dass mein Leben ein bisschen aus den Fugen geriet und ich Zuhause Probleme hatte. Ich landete fünf Mal in Gefängnis—meistens für Autodiebstahl, aber auch für andere Dinge. Ich behielt die Autos nicht einmal, ich fuhr nur ein bisschen herum und ließ sie dann irgendwo stehen.

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Tijuana war die Stadt der Sünden. Wir waren high, tranken Tequila und gingen in Stripschuppen. Ich trug immer ein Springmesser mit mir herum. All diese Erfahrungen halfen mir dabei, eine Karriere im Bargewerbe aufzubauen.

Durch das Unterrichten kam ich wieder auf die richtige Bahn. Ich war ein guter Wrestler und bekam ein Stipendium für eine Universität in Südkalifornien. Ein paar Jahre unterrichtete ich und ich glaube, ich war auch ziemlich gut darin. Es erfüllte mich.

Nach einer Weile wurde ich aber ein bisschen unruhig und vermisste die Szene. Ich hatte Sehnsucht nach mehr—wie sagte Yates? „Erziehung ist nicht das Anfüllen eines Eimers, sondern das Entfachen eines Feuers." Am Anfang wusste ich, dass ich ein Feuer entfachte. Aber nach ein paar Jahren war dieses Feuer verschwunden, also nahm ich eine Auszeit und ging nach Europa.

Als ich nach Amsterdam kam, wusste ich, dass ich dort leben will. Es war so frei, die Kultur war so lebendig und ich fing an, Geld zu sparen, um 1976 meine erste Bar zu eröffnen, das Cafe Pacifico. Damals gab es noch kein mexikanisches Restaurant in der Stadt und keinen Tequila. Ich brachte die beiden Dinge mit und entfachte ein neues Feuer.

Es war ein riesiger Erfolg. Das Café war voller Künstler und Musiker und Drogendealer. Amsterdam eben.

Das Cafe Pacifico war ein sehr cooler Ort. Ich erinnere mich noch, wie Debbie Harry von Blondie einmal vorbeikam. Jeder wusste Bescheid. Einmal holte Queen hier eine Auszeichnung für eine Platin-Schallplatte ab. Ich traf die Jacksons, Tina Turner und Nike-Chefs saßen immer an einem Tisch und aßen und tranken Tequila (ein paar andere Sachen nahmen sie wahrscheinlich auch zu sich).

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Später ging ich nach London und eröffnete ein zweites Café Pacifico. Damals gab es nichts in Covent Garden. Die Leute gingen entweder nach Westlondon oder nach Soho, um zu trinken—je nachdem, wie viel Geld man hatte—, aber trotz der weniger begehrenswerten Lage lief es super. Ein Tag, bevor das Café eröffnete, bat ein Magazin darum, Hunter S. Thompson in den Räumlichkeiten interviewen zu dürfen. Die Bar war voll, aber wir hatten noch keinen einzigen Drink verkauft.

Ich erinnere mich gut an ihn, er war genau so, wie man ihn sich vorstellt: launisch, temperamentvoll. Er hatte so eine starke Präsenz. Immer wieder rannte er aus dem Raum—scheinbar versuchte er, die Bezahlung für seinen Artikel in Kokain auszuhandeln.

Seither wurde Tequila immer beliebter. Genau wie London—die Kultur hat sich verändert, Covent Garden ist nicht mehr wiederzuerkennen. Während wir auf neue Bars, neue Menschen, neue Erfahrungen stoßen, finden wir ständig neue Agaven. Das Aufregendste an der Getränkeindustrie aus Mexiko sind diese kleinen Communitys, die ihre eigenen Spirituosen herstellen.

Diese isolierten Gemeinschaften stellen extrem guten Tequila und Mezcal her und jeder einzelne ist einzigartig und außergewöhnlich. Es ist auch eine tolle Sache für die Einheimischen und gut für die Wirtschaft.

Seit der ersten Eröffnung des Café Pacifico habe ich noch 16 weitere Restaurants eröffnet. Und zu jedem davon habe ich diese besonderen, neuen Getränke mitgebracht.

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Heute habe ich nur mehr eins in Paris und ein paar Bars in London. London ist eine unglaublich vielfältige Stadt und sie hat Durst auf Agavenspirituosen. Und wir haben alle noch so viel zu lernen.

Die meisten Leute fangen erst jetzt an, ihn richtig zu trinken. Tequila Sunrise oder Shots mit Limetten, Zitronen und Orangen wird es immer geben, aber richtiger, authentischer, mit viel Liebe gemachter Tequila ist etwas Besonderes. Es gibt nichts, das nur annähernd ähnlich wäre.

Ich finde die derzeitige Faszination für Agave super. Agavenspirituosen sind das Getränk 2015 und ich glaube, es hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Hoffentlich dauert das Interesse, dieser Hype noch drei oder vier Jahre an, bevor sich die Welt irgendetwas Neuem zuwendet.

Aufgezeichnet von Josh Barrie.