Ich habe Ex-Freunde, die sich aus dem Nichts wieder melden, gefragt, warum sie das tun
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Ich habe Ex-Freunde, die sich aus dem Nichts wieder melden, gefragt, warum sie das tun

Booty Call? Ewige Liebe? Lust auf Friendzone? Warum posten sie plötzlich Fotos von damals, liken alles, was ich von mir gebe, oder wollen sich auf Xing mit mir vernetzen?
07 April 2017, 8:57am

"Da taucht ein Bild von dir auf und ich erinnere mich plötzlich, dass ich dir noch einen Drink schuldig bin. Da kommt der Frühling gerade richtig, wäre schade drum. Melde dich. Marcus*"

Ich starre auf den Bildschirm. Der einzige Marcus, den ich kenne, liegt in meiner Biografie genau zwölf Jahre zurück. Und er schuldet mir nicht nur einen Drink, sondern Schrillionen davon.

Seinetwegen habe ich ein verkacktes halbes Jahr durchgeheult.

Obwohl meine Hände zittern, wähle ich die Nummer, die da steht. Denn er hat Recht: Wär schade drum.

"Warum hast du mir geschrieben?", frage ich.

"Sage ich dir, wenn wir uns sehen", antwortet er.

Während ich es mir zur Grundsatzregel gemacht habe, nicht in der alten Scheiße zu wühlen, sondern nach vorne zu blicken, machen verdammt viele meiner Verflossenen das genaue Gegenteil: Sie posten plötzlich Fotos von damals, liken alles, was ich von mir gebe, oder wollen sich auf Xing mit mir vernetzen. Die etwas Mutigeren schreiben eine Nachricht und fragen, wie es mir so geht. Die Allermutigsten schlagen direkt ein Treffen vor. Und jedes Mal stehe ich vor der gleichen Frage: Hast du echt nichts Besseres zu tun? Nichts zu erleben? Niemanden zu beschlafen? Ich bin misstrauisch.

Aber auch neugierig: Hat der Kerl endlich sein Kunststudium abgeschlossen? Das Start-up gegen die Wand gefahren? Eine Glatze bekommen? Mit dem Koksen aufgehört? All die Dinge, die einen eben so interessieren, wenn man ein Stück seines Lebens miteinander geteilt hat.

Manchmal reicht es völlig, sich gegenseitig in ein paar Mails auf den neuesten Stand zu bringen, um zu erkennen, dass man die Vergangenheit ruhig ruhen lassen kann.

Aber dann gibt es auch diese Typen, die mal wirklich wichtig für mich waren. Die habe ich getroffen und nach den Gründen für ihr Auftauchen gefragt.

Alex, der Hoffnungsvolle

Die Beziehung: Zwei Monate halbherziger Beziehungsversuch nach drei Jahren Freundschaft. Er war verliebt, ich hatte gerade nichts Besseres in Sicht. Als es auftauchte, war ich weg.

Die Kontaktaufnahme: Ein halbes Jahr danach per Whatsapp.
"Hey Katja, ich denke oft an uns. Mann, wir waren mal beste Freunde! Willst du das wirklich in die Tonne kloppen? Ich nicht."

Was wollte er? Zurück in die Friendzone.
"Weil unsere Wodka-Abende einfach die besten waren."

Was wollte er wirklich? Es nochmal versuchen.

Wir trafen uns auf ein Bier. Als wir beim dritten angekommen waren, platzte es aus ihm raus. "Schade eigentlich, dass es vorbei ist", sagte er. "Es lässt mich nicht los: Vielleicht gehören wir einfach zusammen. Was, wenn wir das für immer bereuen werden?"

Ich bereute bereits so einiges. Vor allem, dass ich was mit ihm angefangen hatte. Vor lauter Verzweiflung darüber rauchte ich in Windeseile alle seine Zigaretten auf und wankte, grün im Gesicht, nach Hause.

Theo, der Ego-Wichser

Die Beziehung: Ein Jahr on/off. Wir fanden uns heiß, gingen uns aber derart gegenseitig auf den Sack, dass ich nichtmal mehr weiß, wer von uns schließlich die Reißleine zog.

Die Kontaktaufnahme: Ein Jahr später über Facebook.
"Mache grade eine schwere Zeit durch. Sehen wir uns mal?"

Was wollte er? Seelischen Beistand.
"Weil du mich so gut kennst wie kaum jemand sonst."

Was wollte er wirklich? Sich der eigenen Bedeutsamkeit versichern.

Frisch verlassen befand sich Theo in einer Lebensphase, in der man bekanntlich auf Facebook nach Grundschulfreunden sucht und in den Chatverläufen der vergangenen Jahre nach Nachrichten von Verflossenen. Der Text, den er von mir gefunden hatte, zeugte von großer Zuneigung. Wie er auf die Idee kam, dass meine Zuneigung noch immer anhalten würde, wusste er selbst nicht. Es hinderte ihn aber nicht daran, immer wieder nachzuhaken: "Bedeute ich dir eigentlich noch was?" Na gut, dachte ich schließlich, ein bisschen Egostreicheln (das emotionale Äquivalent eines Mitleidsficks) wird schon nicht wehtun. "Das zwischen uns war etwas ganz Besonderes", hauchte ich wenig überzeugend. Meine Performance war Theo egal. Strahlend bezahlte er die Rechnung, denn die Nächste wartete schon ein Café weiter.

Malte, das Arschloch

Die Beziehung: Ich war ihm ein halbes Jahr total verfallen. Aber da war ich nicht die einzige, wie ich eines Tages feststellen musste.

Die Kontaktaufnahme: Fünf Jahre später über SMS.
"Mein neues Buch ist raus. Du kommst auch drin vor. Ich würde es dir gern schenken. Sehen wir uns?"

Was wollte er? Die alten Zeiten würdigen.
"Und natürlich hören, wie es dir so geht nach all der Zeit."

Was wollte er wirklich? Sex.

Mit der Frau, mit der er in der Zwischenzeit zwei Kinder bekommen hatte, laufe es beschissen. Aber das mit uns, das sei eine völlig andere Nummer gewesen, "... weißt du noch?"

Innerhalb kürzester Zeit fanden wir uns in einem Hotelzimmer wieder. Er war schon kurz vor dem Orgasmus, als mir plötzlich klar wurde, dass alles, was aus seinem Mund kam, ein Mittel war, um sich in meinem Mund zu platzieren. Und dass ich den schalen Geschmack der Beliebigkeit kein weiteres Mal schlucken würde. Das Buch habe ich übrigens dagelassen.

Und heute also Marcus

Wir waren 20 und kannten uns gerade drei Wochen, als ich ihn im Streit mit Wein übergoss und er fand, dass das ein guter Grund sei, um zu gehen. Leider war ich sehr in ihn verliebt. Sehr.

Wir treffen uns mittags. Sobald wir sitzen, brauche ich Alkohol. Innerhalb von Sekunden weiß ich, dass ich gegen ihn antrinken muss. Gegen die Nähe, die sich augenblicklich einstellt, als wäre nichts gewesen. Gegen die Zärtlichkeit, mit der er meine Hand berührt. Gegen die Enttäuschung, dass er mir damals durch die Lappen gegangen ist.

Er habe oft versucht, mich zu finden, sagt er. Meine Nummer ist inzwischen eine andere, es gab weder Spuren im Netz noch gemeinsame Freunde. Bis jetzt. Und dann: "Ich wusste all die Zeit, dass wir uns wiedersehen würden. Weil wir uns wiedersehen mussten. Damit ich dir sagen kann, was ich erst hinterher verstanden habe: Ich war unglaublich verliebt in dich. Aber einfach zu unreif, um dir gerecht zu werden."

Heute gibt es keinen vorgeschobenen Vorwand, kein "Was er wirklich wollte". Heute gibt es zwei hungrige Münder, die wie von selbst zueinander finden.

*Alle Namen geändert

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