Wie ein Underdog-Club durch Drogengelder den spanischen Fußball aufmischte

Weil der Präsident von Cambados hauptberuflich Drogenboss war, schaffte seine Mannschaft Aufstieg um Aufstieg. Und weil er auch eine Yacht hatte, fuhr sein Team damit einfach zum Stadion.
1.12.16
Foto: Richard Charlín

In den 90er-Jahren gab es ein Fußballteam, über das ganz Spanien sprach. Und die Rede ist nicht von Barças Dreamteam unter Cruyff, sondern von einer Mannschaft, die auf deutlich bescheidenerem Niveau gespielt hat.

Juventud Cambados gelang ein fulminanter Aufstieg aus den tiefen der galizischen Regionalligen bis in die Segunda División B, der dritthöchsten spanischen Liga, und das alles in nur drei Jahren. Der Verein aus der Stadt mit 13.000 Einwohnern stieg damals zur dritten Kraft der spanischen Region Galizien auf und soll Gerüchten zufolge bessere Löhne gezahlt haben als Deportivo de La Coruña und Celta Vigo. Darum spielten auch Spieler bei Cambados, über die der damalige Cambados-Kicker Carlos Bericart mal meinte: „Eine ähnliche Erfolgsgeschichte wäre schwer zu wiederholen, weil bei uns Spieler im Team waren, die auch deutlich höher hätten spielen können."

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Hinter dem Erfolg von Cambados stand der Name Sito Miñanco, ein sagenumwobener Drogenboss aus der Region. Mit dem schmutzigen Geld Miñancos stieg die Mannschaft aus der fünften in die dritte Liga auf. Und wenn nicht die Polizei interveniert hätte, hätte Spanien wohl bald seinen ersten Erstligisten mit glasklaren Drogenverbindungen gehabt.

Sito Miñanco wird von seinen Spielern gefeiert. Foto: Diario de Pontevedra

„Zur damaligen Zeit wusste niemand, dass Sito mit Drogen handelte, alle wussten nur, dass er in illegale Geschäfte mit Tabak verwickelt war", erzählt uns Benito Leiro, ein Journalist aus der Region. Sito war ein Meister des großen Auftritts und der Bevölkerung war egal, womit dieser Mann sein Geld verdiente, solange er sich so verdammt großzügig zeigte. Auch und vor allem dem Stadtverein gegenüber.

„Er wollte sich die Gunst seiner Mitbürger erkaufen und finanzierte die Feste der Stadt. Im Rahmen seiner Charmeoffensive unterstützte er auch den Fußball", erklärt mir Nacho Carretero, Journalist und Buchautor aus Galizien. „Viele galizische Drogenhändler versuchten, die Drogenbosse Südamerikas nachzuahmen, vor allem Pablo Escobar. Und Sito war das beste Beispiel dafür".

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Wie Escobar war auch Miñanco leidenschaftlicher Fußballfan. Darum erkaufte er sich 1986 den Posten als Vereinspräsident von Cambados und steckte viel Geld in den Klub, um so die besten Spieler aus der Region zu Juventud Cambados zu holen. In der Saison 1988/89 gelang dem Verein dann zum ersten (und letzten) Mal der Aufstieg in die dritte spanische Liga. Dort landeten sie am Ende auf dem vierten Platz und wären um ein Haar in die zweite Liga aufgestiegen.

Nach dem vierten Platz zog der Verein in das neue Stadion um, das Miñanco finanziert hatte. Foto: Richard Charlín

Als der Drogenboss ab 1990 auf dem Radar der Polizei landete, sollte dem Verein schon bald die Puste ausgehen. Nachdem man in der zweiten Saison mit Platz 16 nur knapp dem Abstieg entgangen war, bedeutete Platz 19 im Jahr darauf die Rückkehr in die vierte Liga. „Als er mitbekam, dass seine Aktivitäten zunehmend misstrauisch beäugt wurden, ging er auf Abstand und setzte einen Vertrauensmann an die Spitze seines Vereins", erzählt uns Leiro. Ex-Spieler Richard Charlín will sich lieber nicht zu Themen äußern, die über den Fußball hinausgehen. VICE Sports hat noch einen anderen ehemaligen Spieler sowie ein Mitglied des Betreuerstabs kontaktiert und beide wollten lieber nichts sagen. „Die Leute wollen nicht darüber reden, in der Stadt ist das Kapitel Miñanco weiterhin ein Tabuthema", erzählt uns Leiro.

Der Mantel des Schweigens hat wohl vor allem mit der letzten seiner drei Verurteilungen von Miñanco—und seinen insgesamt 23 Jahren im Gefängnis—zu tun. Zum ersten Mal wurde er 1983 wegen Tabakschmuggels verurteilt; 1994 dann wegen Drogenschmuggels; und 2001—nachdem er 1998 auf Bewährung entlassen wurde—weil er einem internationalen Drogenkartell vorgestanden haben soll.

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Wie Zeitzeugen berichten, und Videomaterial bestätigt, ähnelte Miñanco auch in seinem Auftreten dem legendären Pablo Escobar: makellose Hemden, helle Anzüge und, ganz wichtig, Schnauzer. „Sito war leidenschaftlicher Fußballfan", erinnert sich Carretero.

Als sein Verein in die Segunda B aufstieg, buchte Miñanco für sich und seine Spieler einen Trip nach Panama und Venezuela.

„Die Leute denken immer, dass wir da nur Fiesta gemacht hätten, aber wir hatten fünf Testspiele in zehn Tagen", versichert mir Charlín, der lachen muss, als ich ihn frage, ob das Gerücht von den Luxushotels und Golfplatz-Ausflügen stimmt.

Gelohnt hat sich der Lateinamerika-Trip für Miñanco allemal. Denn er kam mit einer neuen Frau zurück nach Spanien, Odalys Rivera, der Nichte eines Ministers unter Diktator Manuel Noriega. Die sah man dann manchmal in einem Ferrari Testarossa durch die Stadt düsen, erinnert sich Charlín. Außerdem habe es noch einen Vorteil gehabt, für einen Klub mit einem so reichen Boss zu spielen. Denn mehr als einmal fuhr die Mannschaft auf Miñancos Yacht zum Stadion.

Stichwort Stadion: Nach dem vierten Platz in der ersten Saison zog der Verein in ein neues Stadion um, das Miñanco finanziert hatte.

Der Bürgermeister von Cambados (links), Antonio Pillado, zeichnet Sito Miñanco für den historischen Aufstieg aus. Foto: La Voz de Galicia

Verschiedene Mitglieder des Vereins beteiligten sich an den kriminellen Aktivitäten ihres Präsidenten. Zudem gab es eine Ultra-Gruppierung, die sich Comando Legal nannte. „Damals waren die Cambados-Ultras gleichzeitig Spione von Sito, die ihm alles, was im Stadion und in der Stadt passierte, steckten", so Carretero weiter. Spione brauchte es hingegen nicht, um zu wissen, dass die Spieler bei Cambados damals schwarz bezahlt wurden. Denn das war laut Charlín in der Stadt ein offenes Geheimnis. Der Lohn lag einfach in Umschlägen in den Spinden der Spielerkabine.

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Seit damals hat Cambados ganz schön Federn gelassen. Aktuell spielt man in der sechsten Liga, nachdem im letzten Jahr der Aufstieg gelang. Vor zwei Jahren feierte der Verein 25-jähriges Jubiläum des historischen Aufstiegs. Zu diesem Anlass kamen die Helden von damals noch einmal zusammen. „Mit den meisten aus der Mannschaft hatte ich eh noch Kontakt", verrät mir Charlín, der später auch mal Präsident des Vereins war.

Die Mannschaft von damals versammelt zum 25-jährigen Jubiläum. Foto: Richard Charlín

Charlín unterstreicht den sportlichen Erfolg, den er und seine Mannschaft damals hatten—und der seiner Meinung nach weit über die Unterstützung vonseiten Miñancos hinausging. „Du hast für den Verein gespielt und alles gegeben, nicht für den Präsidenten, du hast auf den Trainer gehört, nicht auf den Präsidenten. Es ist schade, dass unser rein sportlicher Aufstieg komplett untergeht, weil alle immer über Miñancos Machenschaften gesprochen haben."

Aber wenn man versucht, mehr über die damalige Zeit herauszufinden, stellt man fest, dass so viel gerade nicht über Miñanco gesprochen wird. Das könnte auch daran liegen, dass Miñanco bei seinen Freigängen gerne mal in Cambados vorbeischaut. Es bleibt eben eine Kleinstadt, wo jeder jeden kennt.

Miñanco ist heute 61 Jahre alt und sitzt unter gelockerten Bedingungen in einem Gefängnis in der südspanischen Hafenstadt Algeciras. 2018 wird er voraussichtlich entlassen. Doch sein Vermächtnis als Pablo Escobar Galiziens wird noch lange in Spanien fortleben.