Berlin

Wie der Erfolg eines Berliner Nachkriegsteams den Baseball in Deutschland aufbaute

1960 reiste das Baseball-Nachwuchsteam der „Berlin All Stars" als erste europäische Mannschaft zur WM und legte das Fundament für die deutsche Baseball-Szene. Ein ehemaliges Teammitglied blickt zurück.
30.12.16
Foto: berlinbrats.org

„Mit 12 Jahren ist einem noch nicht bewusst, welchen Einfluss man haben wird. Erst später erkannten wir dann, welche Entwicklung wir da eigentlich angestoßen hatten", erzählt Pat Williams. Der 69-Jährige US-Amerikaner lebte als Kind mehrere Jahre in Berlin, wo er Teil eines legendären Baseball-Nachwuchsteams war. Legendär deswegen, weil die Mannschaft als erster europäischer Vertreter zur Little League-Weltmeisterschaft eingeladen wurde. Durch diesen Erfolg trug Williams zusammen mit seinen Berlin All Stars auch dazu bei, Baseball in Deutschland zu etablieren. Diese Entwicklung sowie die Erfüllung eines Traums wurden nun in einem Kurzfilm von Joey Elgersma, Stephan Wever und Paul Ward dokumentiert. Aber von Anfang an.

Pat Williams (Mitte) zusammen mit seinen ehemaligen Teamkameraden Ed Cole (links) und John Reale (rechts) (Foto: Screenshot Vimeo)

Ende der 1950er Jahre war Deutschland in zwei Staaten aufgeteilt und vor allem Berlin stand dabei sinnbildlich für die tiefe Kluft zwischen Ost und West. Schuld daran waren wohl auch die aufgrund des Kalten Krieges dort stationierten Soldaten aus der Sowjetunion und den Ländern der Alliierten. Viele der entsendeten Soldaten aus den USA brachten ihre Familien mit und so wurden für die Kinder eigene Schulen sowie US-typische Freizeitbeschäftigungen eingerichtet. Und zu diesen Freizeitbeschäftigungen zählte natürlich auch „America's favorite pastime", nämlich Baseball. Dementsprechend gab es schon bald sechs verschiedene Nachwuchsteams, deren besten 14 Spieler sich zu einer eigenen Mannschaft formierten. Die Berlin All Stars waren geboren.

Die Berlin All Stars im Jahr 1960 (Foto: bereitgestellt von berlinbrats.org)

Im Laufe der Zeit feierte das Team innerhalb Deutschlands immer größere Erfolge und konnte sich in einer europaweiten Meisterschaft schließlich sogar gegen Mannschaften aus Frankreich und Großbritannien durchsetzen. Seinen Gipfel erreichte das Ganze aber im Jahr 1960, als die Berlin All Stars als erstes europäisches Team zur Little League World Series eingeladen wurden. Dabei handelt es sich um einen internationalen Wettbewerb, der jedes Jahr in den USA stattfindet und bei dem das beste Baseball-Nachwuchsteam der ganzen Welt ermittelt wird. Dort konnte die Mannschaft aus Berlin sogar ein Spiel gewinnen und landete im starken Konkurrenzfeld letztendlich auf dem sechsten Platz.

Mit dem Abschluss der Little League World Series ging jedoch auch der Abschluss der Baseball-Saison einher. Nach einer nur kurzen aber erfolgreichen Zeit gingen die Berlin All Stars wieder getrennte Wege und kehrten zurück in ihre Heimat—auch weil der Auslandseinsatz der Eltern endete. Für die Kinder war das Kapitel abgeschlossen. „Wir wussten ja gar nicht, wie außergewöhnlich das alles war. Wir waren jung und wollten einfach nur Baseball spielen", erinnert sich Williams.

Ein Baseball-Spiel der Berlin All Stars auf deutschem Boden (Foto: Screenshot Vimeo)

Die Berlin All Stars feierten aber nicht nur Erfolge, sie hatten auch einen Einfluss auf die deutsche Sportlandschaft. Zum einen weckten sie während ihrer Spiele gegen die Teams anderer US-Militärstützpunkte in Deutschland oftmals die Neugier der deutschen Zuschauer und zum anderen organisierten sie auch Baseball-Einsteigerkurse für interessierte Kinder und Jugendliche. „Ich glaube schon, dass wir hier eine gewisse Begeisterung entfacht haben", erzählt Williams über den in Deutschland noch immer exotischen US-Nationalsport. Die Grundlage für den tatsächlichen Anstoß des Baseballs in Deutschland war geschaffen.

Foto: Screenshot Vimeo

Im Jahr 1984 wurde schließlich die deutsche Baseball-Bundesliga gegründet. 2009 fand die Gruppenphase der Baseball-Weltmeisterschaft teilweise in Regensburg statt. Die Baseball-Szene Berlins floriert mit einem eigenen Verband und einer Vielzahl an Teams ebenfalls. Und Max Kepler, der als einziger Deutscher in der amerikanischen Profiliga MLB den Schläger schwingt, stammt ebenfalls aus der deutschen Hauptstadt. Ohne das Fundament, das die Berlin All Stars damals gelegt haben, wäre das alles vielleicht nie möglich gewesen. „Wir sind wirklich stolz auf das, was wir hier geschafft haben", sagt Williams im Gespräch mit VICE Sports. „Es wäre natürlich toll, eines Tages noch mal nach Berlin zurückzukehren und dort ein Spiel sowie die Entwicklung des Sports selbst mitzuerleben."

In Zusammenarbeit mit einem Sport-Merchandise-Hersteller sowie dem Baseball-Team der Berlin Braves wurde die Geschichte der Berlin All Stars nun vor Kurzem in der Mini-Dokumentation „A Bond That Never Breaks" aufgearbeitet. Die Produzenten legten den Fokus dabei vor allem auf die enge Freundschaft, die sich zwischen den jungen Spielern damals entwickelt hat und nun über 50 Jahre später erneut aufblüht. Für diesen Anlass wurden Pat Williams sowie zwei andere ehemalige Berlin All Stars—Ed Cole und John Reale—nach Boston eingeladen, um dort in extra angefertigten Berlin-Trikots das Feld des berühmten Fenway Parks zu betreten und einigen Spielen der Boston Red Sox beizuwohnen.

Die drei Berlin All Stars im Fenway Park (Foto: Screenshot Vimeo)

Damit ging für die drei ein lang gehegter Traum in Erfüllung: „Als wir uns dem Stadion näherten, konnten wir kaum glauben, wirklich dort zu sein", erzählt Williams. „Und als wir dann sogar noch direkt auf das Spielfeld gehen durften, schauten wir uns nur an und sagten: 'Eigentlich schon verrückt, dass das, was wir damals 1960 gemacht haben, uns nun so etwas ermöglicht.'"

Hier der Kurzfilm: