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Nationalsozialismus

Eine Frau kämpft um eine Gedenkstätte für NS-Opfer und bekommt es dann mit der Polizei zu tun

Die SS ermordete ihren Vater und Dutzende andere. Seit 20 Jahren setzt sich Christine Pazderka deshalb für eine würdige Gedenkstätte ein. Doch die Gemeinde weigert sich – und die Polizei verhört Pazderka.

von Franz Lichtenegger
10 Mai 2017, 11:03am

Screenshot via Youtube

Am 7. April 1945 erschoss die SS im österreichischen Hadersdorf am Kamp 61 politische Gefangene. Das damaligen Zuchthaus Stein hatte die Widerstandskämpfer zuvor wegen Lebensmittelknappheit entlassen. Sie befanden sich unter anderem auf dem Weg nach Wien, als sie der SS in die Hände fielen. Vor ihrer Hinrichtung mussten die Männer ihr eigenes Massengrab ausheben.

Einer von ihnen war der Vater von Christine Pazderka. 50 Jahre nach dem Massaker von Hadersdorf besucht sie 1995 erstmals den Friedhof, auf dem die SS ihn ermordete. Eine Gedenktafel, die an die Toten erinnert, sucht sie vergeblich. Noch im selben Jahr schreibt sie an den damaligen Bürgermeister von Hadersdorf und bittet ihn, eine solche Gedenkstätte zu errichten.

Zwei Jahre später lässt die Gemeinde ohne Vorankündigung eine kleine Tafel an der Friedhofswand montieren. Auf ihr steht: "Zum Gedenken an die Opfer des Massakers vom 7. April 1945 – Mögen Sie in Frieden ruhen!" Eine vom Pfarrer angesetzte Gedenkveranstaltung muss damaligen Aussagen zufolge aufgrund "massiver Widerstände" abgesagt werden. Hadersdorf wird zum medialen Paradebeispiel für österreichische Vergessenskultur. Die Presse spricht vom "Mantel des Schweigens über Hadersdorf".

Es sollte ganze weitere zwölf Jahre dauern, bis 2009 schließlich eine größere Gedenktafel am Friedhof errichtet wird – und sofort wieder für einen Eklat sorgt. Nicht nur der abgelegene Standort am Friedhof stößt auf Unzufriedenheit, auch den auf der Tafel zu lesende Text, der von Christine Pazderkas Sohn stammt, hat man verändert – statt von "politischen Gefangenen" ist nun lediglich von "Gefangenen" die Rede. Pazderka beanstandet die Änderung noch vor Ort, der damaligen Bürgermeister lehnt ab.

Aus Protest schreiben die Teilnehmer der jährlich stattfindenden Gedenkfeiern regelmäßig den Zusatz "politische", ebenso wie die Worte "Nie wieder Faschismus" auf die Tafel. In diesem Jahr führte das zu einer Anzeige wegen Sachbeschädigung.

Ausgerechnet am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, vernahm die Polizei die inzwischen 76-Jährige. Im Protokoll, das VICE vorliegt, gibt sie an: "Mich ärgert es bis heute, dass die Gemeinde diese Gedenktafel nicht verändert und zu keinem persönlichen Gespräch bereit ist. (...) Für mich handelt es sich um keine Sachbeschädigung, sondern um eine langjährige Forderung, die Gedenktafel zu verändern."

Pazderka ist auch nach über 20 Jahren immer noch nicht müde geworden, für eine würdige Gedenkstätte für ihren Vater und die anderen Widerstandskämpfern zu kämpfen. Und wenn die Gemeinde Hadersdorf dafür nicht sorgt, müssen es eben andere in die Hand nehmen: So konnte ein Verein gemeinsam mit den KZ-Verbänden Wien und Niederösterreich genügend Spenden für neue Gedenktafeln sammeln, die neben den geforderten Zusätzen auch die Namen aller 61 ermordeten politischen Gefangenen anführen.

"Wir versuchen seit vier Jahren, mit der Gemeinde zu verhandeln, dass diese Tafeln montiert werden dürfen", so Christine Pazderka gegenüber VICE. Die Gemeinde würde jedoch jegliche Versuche, in Kontakt zu treten, ignorieren. Ginge es nach Pazderka, so hätte man die neuen, eigens angefertigten Tafeln dieses Jahr einfach angebracht – als jedoch wieder keine Reaktion von der Gemeinde kam, entschloss man sich sicherheitshalber doch dagegen.

Man mag sich zunächst wundern, ob so ein objektiv gesehen kleiner Zusatz auf einer Gedenktafel tatsächlich einen jahrzehntelangen Kampf wert ist – doch ohne das Wort "politische" klinge es laut Pazderka, als wären es gewöhnliche Verbrecher gewesen, die "vielleicht etwas gestohlen" hätten, und anschließend erschossen wurden.

Unverständlich ist für Pazderka vor allem das fehlende Entgegenkommen der Gemeinde – schließlich würden größere, nicht weit entfernte Orte wie etwa Krems auch von sich aus für würdige Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus sorgen. "Für mich wäre es wichtig, dass die Gemeinde selbst was macht", so Pazderka. Eine Erklärung dafür, warum das nicht passiert, hat sie nicht.

Genauso wenig wie die Gemeinde Hadersdorf selbst. Auf Anfrage von VICE war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

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