Illustration by Grace Wilson

Wie Muslime mit Essstörung Ramadan feiern

Während manche den Fastenmonat als Anlass sehen, "endlich abzunehmen", geraten andere in regelrechte Panik.

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15 Juni 2016, 5:50am

Illustration by Grace Wilson

Während dem Fastenmonat Ramadan von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf Essen zu verzichten, stellt für den Großteil der Muslime eine Herausforderung dar—für viele Menschen mit einer Essstörung hingegen ist es der Monat im Jahr, auf den sie sich am meisten freuen.

Maha Khan hat mit 15 Jahren eine Essstörung entwickelt. „Ich habe jedes Jahr auf Ramadan hin gefiebert und gedacht: ‚Jetzt kann ich endlich wieder abnehmen'", sagt sie. Khan litt an Anorexie. Heute ist sie 32 Jahre alt und Gründerin eines Blogs für Muslime mit Essstörungen. Humaira Mayet ist 21 und arbeitet teilzeit als Naturwissenschaftstutorin. Sie litt sechs Jahre lang an Magersucht. Für sie war Ramadan „eine willkommene Entschuldigung, um das Hungern zu rechtfertigen—je mehr ich mich eingeschränkt habe, desto stärker war mein Glaube, da ich der Verlockung von Essen widerstehen konnte."

Im Ramadan verzichten die meisten Muslime tagsüber vollständig auf Essen und Trinken. Das hat zur Folge, dass sie teilweise 17 bis 19 Stunden lang nichts zu sich nehmen. Der Fastenmonat ist die wichtigste Zeit im muslimischen Kalender und das Fasten wird als Gelegenheit betrachtet, seine spirituelle Verbindung zu Gott zu stärken und Verzicht zu üben. Abnehmen gehört dreißig Tage lang zum Alltag—manche Menschen behaupten sogar, man würde während dem Fastenmonat bis zu 12 Kilogramm verlieren.

Das Fastenbrechen bestand für mich aus einer Dattel und einem Energydrink.

Für Menschen mit einer Essstörung bietet der Fastenmonat eine willkommene Ausrede, um auf Essen zu verzichten, ohne sich rechtfertigen zu müssen. „Meine Mutter hat ziemlich genau auf mein Essverhalten geachtet. Ramadan war der einzige Monat im Jahr, in dem ich mich [beim Essen] einschränken konnte, ohne Verdacht zu erregen", sagt Mayet.

Laut einer repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland leiden 1,5 % der Frauen und 0,5 % der Männer an einer Essstörung. Es gibt jedoch keine offiziellen Zahlen, wie viele von ihnen Muslime sind. Eine der wenigen Studien, die es über die Verbreitung von Essstörungen unter Muslimen gibt, stammt aus Großbritannien und ist 1988 erschienen. Sie zeigt, dass britisch-asiatische Mädchen ein deutlich höheres Risiko haben, an Anorexie oder Bulimie zu erkranken, als nicht-muslimische Mädchen. Laut dem Pew Research Center sind rund 23 Prozent der Weltbevölkerung Muslime. Es ist daher ganz logisch, dass einige der schätzungsweise 70 Millionen Menschen, die an einer Essstörung leiden, Muslime sind.

Während der Fastenmonat Ramadan wie eine „großartige Gelegenheit [wirkt], um Gewicht zu verlieren", wie es ein Mitglied aus einem Pro-Ana-Forum verdreht formuliert, ergeben sich für die Betroffenen dennoch einige Konflikte. Essen ist ein zentrales Thema im Fastenmonat und steht im Mittelpunkt des religiösen Festes—vom Planen des Iftar, des abendlichen Fastenbrechens, bis hin zur Vorbereitung verschiedener Gerichte.

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„Für Muslime mit einer Essstörung kann sich Ramadan von einer ohnehin schon schwierigen Zeit in ein nahezu unüberbrückbares Dilemma wandeln", sagt Mary George, Pressesprecherin von Beat, einer britischen Organisation für Menschen, die unter einer Essstörung leiden. „Die drastischen Veränderungen in der Ernährungsweise und bei der Nahrungsaufnahme können die Symptome der Essstörung zusätzlich verstärken."

Die Anspannung vor dem gemeinsamen Fastenbrechen am Abend—was normalerweise mit großen Mengen an Essen begangen wird—stellt mit Abstand die größte Herausforderung dar. „Mahlzeiten—egal ob zuhause oder auswärts—waren das Schlimmste für mich", sagt Khan. „Ich bekam richtige Panik, wenn ich unter Leuten war und Angstattacken, wenn mir Essen angeboten wurde. Ich verbrachte den ganzen Tag nur im Bett und machte mir Gedanken darüber, was ich am Vorabend gegessen habe. Ich habe von Essen geträumt und ein Kochbuch nach dem anderen studiert."

Khan ist irgendwann dazu übergegangen, ganz zuhause zu bleiben und verbrachte als Einzige aus der Familie das Fastenbrechen allein, statt sich—wie üblich—mit der gesamten Familie zu treffen. „Das Fastenbrechen bestand für mich aus einer Dattel und einem Energydrink. Danach stand ich meist stundenlang in der Küche und habe mit mir selbst gestritten, ob ich noch einen Schritt weitergehen und Eiweiß und Stärke weglassen sollte."

Für Muslime auf der ganzen Welt ist Ramadan der wichtigste Monat im Jahr—eine Zeit, in der sie ihre Hingabe zu Gott beweisen können. Alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, litten unter einem inneren Konflikt: Fasteten sie wegen Gott oder wegen ihrer Essstörung?

„Wenn ich aß, fühlte ich mich schuldig und minderwertig und ein Teil von mir wusste, dass es falsch war, den Ramadan als Ausrede zu missbrauchen", sagt Mayet. Khan ging es genauso: „Als ich wegen der Magersucht in Therapie war, wollte ich den gesamten Fastenmonat einhalten. Meine behandelnden Ärzte sowie meine Familie sagten Nein. Mein BMI war ziemlich niedrig und aus medizinischer Sicht, war ich nicht fit genug, um zu fasten. Es ist schwer zu beschreiben, aber mich überkam die blanke Panik. Wir haben deswegen im Krankenhaus und auch zu Hause oft gestritten. Ich sagte meiner Mutter andauernd nur: ‚Ich werde fasten'."

Schließlich hat Khan doch gefastet, jedoch nur, um ihr Ziel von 60,5 Kilogramm zu erreichen. „Ich habe zwar gebetet, aber ich war mit dem Kopf meistens woanders ... Es ging mir immer nur darum, noch mehr Gewicht zu verlieren. Wie soll man sich da komplett auf den Ramadan konzentrieren?" Sie verlor rapide an Gewicht. Kurz nach dem Fastenmonat gaben ihr die Ärzte noch fünf Wochen zu leben.

Essstörungen galten lange Zeit als Krankheit von wohlhabenden und weißen Menschen.

Dass Essstörungen kein „muslimisches Problem" seien, ist ein weit verbreiteter Irrtum und kann zur Folge haben, dass sich Betroffene schämen oder schuldig und isoliert fühlen. Khan meint, dass „es in muslimischen Gemeinden so viele Vorurteile gegenüber dieser Erkrankung gibt, dass Tausende Frauen im Stillen leiden."

In unzähligen muslimischen Foren trifft man auf Leute, die der Meinung sind, dass Erkrankungen wie Anorexie und Bulimie sogenannte „westliche Krankheiten" seien, die sich in die muslimische Welt eingeschlichen haben. Eine Seite warnt: „Essstörungen sind ein zunehmendes Phänomen in muslimischen Gemeinden. Eigentlich war die Krankheit zunächst vorwiegend unter Nicht-Muslimen zu finden, doch sie hat sich zunehmend auch in der Ummah (der internationalen Gemeinschaft der Muslime) eingeschlichen."

Foto: Abdulla Al Muhairi | Flickr | CC BY 2.0

Das ist ganz klar falsch. Zwar sind Essstörungen in der westlichen Welt weiter verbreitet als in nicht-westlichen Ländern, jedoch haben Forscher festgestellt, dass muslimische Frauen genauso oft an Bulimie und Anorexie leiden—unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund oder davon, wo sie aufgewachsen sind. Im International Journal of Eating Disorders beispielsweise erschien eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass Universitätsstudentinnen in Teheran genauso häufig unter Essstörungen litten wie iranisch-amerikanische.

„Essstörungen galten lange Zeit als Krankheit von wohlhabenden und weißen Menschen", sagt Priya Tew, eine preisgekrönte Spezialistin für Ernährungswissenschaften und Essstörungen. „Da der Großteil der wissenschaftlichen Untersuchungen in dieser Bevölkerungsgruppe stattfand, wurde häufig auch nur über diese Gruppe gesprochen."

Viele muslimische Frauen, die unter einer Essstörung leiden, hält das wiederum davon ab, sich Hilfe zu suchen—oder noch schlimmer: sie bekommen den Eindruck, dass sie keine Hilfe bräuchten. „Dadurch wird es schwieriger für muslimische Frauen, offen über ihre Probleme beim Essen zu sprechen. Zudem gibt es meist auch weniger Stellen, an die sie sich wenden können, um Hilfe zu bekommen", sagt Tew.

Obwohl der Koran Muslime vom Fasten entbindet, wenn sie krank sind, ist die Situation für Menschen, die sich von einer Essstörung erholen, noch immer schwierig. Wer sich dafür entscheidet, im Ramadan nicht zu fasten, wird von anderen oft argwöhnisch beäugt.

Leanne Scorzoni, 34, arbeitet als Assistenzärztin und ist zum Islam konvertiert. Sie sagt, dass sie sich gerade „aktiv" von einer EDNOS (Eating Disorders Not Specified) erholt—ein Krankheitsbild, bei dem die Symptome der Betroffenen nicht eindeutig einer Form der Essstörung zuzuordnen sind. „Ich bin ganz bewusst zu dem Schluss gekommen, dass Fasten nicht gesund für mich wäre. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich es für Gott tun würde", sagt sie.

Sie sagt, dass ihre Erkrankung zur Folge hatte, dass es unmöglich für sie war, die spirituellen Vorzüge des Fastens zu genießen. „Mein Kopf war vollkommen losgelöst vom Beten und von der Besinnung. Deswegen fand ich es in meinem Fall wichtiger, gesund zu essen, als ganz auf Essen zu verzichten."

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„Manchmal, wenn ich in der Öffentlichkeit gegessen habe, kamen andere Muslime zu mir und wollten wissen, warum ich nicht fastete. Es gab sogar Muslime, die zwar verstanden, dass ich unter einer Essstörung litt, aber trotzdem meinten: ‚Kannst du nicht trotzdem fasten?' Ich weigere mich, mich schuldig zu fühlen, nur weil ich gesund werden möchte. Ich fühle mich nicht schuldig, nur weil ich mich um mich selbst sorge und das zur Folge hat, dass ich esse, wenn mein Körper hungrig ist."

Wenn andere Muslime nicht anerkennen, dass eine Essstörung eine „legitime" medizinische Erkrankung ist, wegen der man das Fasten ausfallen lassen darf, dann kann das ebenso isolierend sein, als würde man im Stillen leiden. „Manche Menschen fetischisieren Essen und religiöse Rituale so sehr, dass die Menschen in ihrer Umgebung nicht mehr offen und ehrlich über ihre medizinischen Bedürfnisse sprechen können", sagt Scorzoni. „Das geht soweit, dass es als sündhaft oder schwach angesehen wird, wenn man einen Arzt braucht."

Khan bleibt jedoch optimistisch, dass sich die Einstellung von Muslimen gegenüber Essstörungen langsam zum Besseren wenden wird. Wie immer fängt es damit an, dass sich jemand zu Wort meldet. „Wir brechen das Schweigen, das Essstörungen umgibt", sagt sie. „Und hoffentlich werden in Zukunft noch mehr Muslime darüber sprechen."