Sex

Auf "Porno Island" soll nicht mehr gevögelt werden

An einem bayerischen Baggersee treffen sich seit Jahren Leute zum Sex. Wie eine Kleinstadt versucht, die Freiluft-Liebe zu bekämpfen.
5.5.17
Foto: Stadt Senden

Wie wild muss es auf einer kleinen Landzunge in einem bayerischen Baggersee zugehen, die sie sich als "Porno Island" einen Namen macht?

Bereits 2010 berichtete die Augsburger Allgemeine Zeitung über "hemmungslose Orgien von Schwulen und Swingern". Der Ort der Sünde liegt zwölf Kilometer südlich von Ulm: ein beschaulicher See. Einer von drei nebeneinanderliegenden Baggerseen, eingerahmt von Kleinstadt und Wald – pragmatisch daher der Name: Waldsee. Unmittelbar daneben befindet sich das 23.000-Einwohner-Städtchen Senden. Eine Gemeinde, die seit sieben Jahren um ihre Keuschheit kämpft.

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Dass die Sommersonne am Waldsee Penisse, Brüste und Vaginen küsst, ist sogar vorgesehen. Die Wiese dient ganz offiziell der Freikörperkultur. "Das wird von uns toleriert", sagt Jürgen Krautwald, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West, zu VICE. Für Empörung sorgt allerdings, dass es beim bloßen Zeigen der Geschlechtsteile nicht bleibt.

Auf "Porno Island" verabreden sich Menschen aus Süddeutschland zum Sex im Freien – gerne auch mit Fremden. In einem Google-Maps-Atlas für Outdoor-Sex heißt es, auf der Halbinsel gehe es "teilweise sehr frivol" zu. Auch auf Seiten wie Poppen.de oder Parkplatzerotik.de ist der Baggersee als geeigneter Sextreff verzeichnet. Dort heißt es unter anderem: "Sehr schöne geschützte Bereiche gibt es hier". Und: "Nur für Tolerante Menschen geeignet, also leben und leben lassen."

Die Halbinsel mit dem Namen "Porno Island" befindet sich links, am Schilfgürtel, der den Waldsee durchtrennt | Foto: Stadt Senden

"Porno Island" könnte auch "Dogging-Island" heißen. Denn "Dogging" nennt man es, wenn sich Menschen zum Sex an öffentlichen Plätzen verabreden. Die Leute kündigen ihre Anwesenheit oft vorab in Foren an und laden so Voyeure oder Partizipanten dazu ein. Der User "Rudelwolf" schreibt auf Poppen.de über die "Porno Island": "Es ist immer geil am see. Männer wie paare sind immer mal da."

Im Sommer 2010 empörten sich Anwohner zum ersten Mal über "homosexuelle Orgien mit Scharen von Zuschauern" und lokale und überregionale Medien zitierten aufgebrachte Anwohner, die sagten, sie fänden überall "Dildos, Pornohefte, gebrauchte Kondome und Müll". Und einmal habe angeblich sogar ein masturbierender Mann Kinder verfolgt.


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Die Gemeinde reagierte prompt und beschloss, die Halbinsel zu "renaturieren" und den Swingern damit sowohl Einsamkeit als auch den Sichtschutz zu nehmen. Auch sollte die Polizei an den Baggerseen verstärkt auf Streife gehen, um die Vögler in flagranti zu erwischen.

Zur Umgestaltung von "Porno Island" fehlte dann allerdings 2010 und 2011 das Geld, weswegen Bäume, Gebüsche und Schilf, die man als Sex-Nester identifizierte, erst 2012 abgeholzt worden konnten. Die Maßnahme zeigte vorerst Wirkung. "Zwischen 2010 und 2012 hatten wir mehrere exhibitionistische Handlungen", sagt der Polizeisprecher, "dann hatten wir erstmal vier Jahre Ruhe." Doch letztes Jahr habe es wieder drei Vorfälle gegeben: "Eine Anzeige wegen Exhibitionismus und zwei Mal wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses", sagt Krautwald. Trotz fehlenden Sichtschutzes wurde offenbar weitergevögelt.

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"Vor einigen Jahren war da noch reger Betrieb", erinnert sich auch Wolfgang Botzenhardt, zweiter Vorsitzender des Fischereivereins Illertal/Senden. Selbst der Angler war vor Avancen nicht sicher: "Ich bin da auch einmal angesprochen worden", sagt er. Aber er habe der Dame, die "offensichtlich aus dem Milieu kam", zu verstehen gegeben, dass er die Polizei rufen würde, sollte sie ihn nicht in Ruhe lassen. "Seitdem habe ich meine Ruhe", sagt er zufrieden.

Aus Furcht, der Open-Air-Exzess könnte wieder losgehen, unternimmt der Sendener Stadtrat nun einen letzten Versuch, den Austausch von Körperflüssigkeiten auf "Porno Island" trockenzulegen: eine neue Badesatzung. In Bayern entscheidet nämlich jede Kommune selbst, wo FKK erlaubt und wo nicht. Die Sendener Badesatzung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, regelt jetzt eindeutig: "Wasser-, Luft- und Sonnenbaden" ist auf der Halbinsel nur noch in Badekleidung gestattet. Nur Kinder bis zum Alter von sechs Jahren dürfen noch nackt plantschen.

Auch die Polizei will sich um die Keuschheit des Sees bemühen. "Ich weiß nicht, wie es in Berlin ist, aber bei uns ist es so, dass Sex in der Öffentlichkeit, sofern sich Unbeteiligte belästigt fühlen, eine Straftat darstellen kann", sagt der Sprecher der Polizei. Die verhältnismäßig züchtige FKK-Wiese am Südende der Insel bleibt allerdings bestehen. Denn die gehört zu einer anderen Gemeinde mit einer anderen Badeordnung. Hier zeigt sich selbst bei der Regelung der öffentlichen Nacktheit das ausgeklügelte und komplexe politische System der Bundesrepublik.

So muss die Obrigkeit wachsam bleiben: "Wenn das Wetter besser wird, werden wir auch wieder vermehrt auf Streife gehen", sagt der Sprecher der Polizei. "Wir haben weiter ein Auge auf die Landzunge und werden dafür sorgen, dass dort keine ungebührlichen sexuellen Handlungen mehr stattfinden."

Nach sieben hedonistischen Jahren könnte die verordnete Textil-Zone das Ende von "Porno Island" bedeuten. Polizeikontrollen, Badehosenpflicht und abgeholzte Bäume und Büsche verderben wohl selbst den hartgesottensten Swingern den Spaß am Freiluft-Sex. Sie müssen sich wohl ergeben. Die Stadt Senden hat offensichtlich keine Lust mehr, Schlagzeilen wie "Auf Porno-Island soll nicht mehr gevögelt werden" lesen zu müssen. Und wir bleiben wehmütig seufzend zurück.

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