LGBTQ

Dieser Mann sagt, er sei durch einen Schlaganfall schwul geworden

Chris Birch erklärt, wie er sich nach einer fehlgeschlagenen Vorwärtsrolle von einem verlobten Rugby-Spieler in einen schwulen Friseur verwandelt hat.

von Sophie Wilkinson
04 Mai 2017, 4:00am

Chris Birch | Alle Fotos: Birkenhaus Media 2017

Stell dir vor, du alberst mit Freunden herum, erleidest dabei einen Schlaganfall und dein ganzes Leben stellt sich auf den Kopf. Aber nicht, weil du im Alltag von nun an ständig auf Hilfe angewiesen bist, sondern weil sich deine sexuelle Orientierung plötzlich verändert hat. Dieses Szenario klingt vielleicht unwahrscheinlich, ist dem Walisen Chris Birch aber genau so passiert.

Als der damals 120 Kilo schwere Rugby-Spieler spaßeshalber Purzelbäume auf einem Grünstreifen machte, spürte er plötzlich, wie sich in seinem Genick "etwas loslöste". Kurzzeitiger Druck hatte eine seiner Halsschlagadern verletzt und so den Blutfluss zum Gehirn unterbrochen. So kam es zu einem Schlaganfall. Ein Jahr später hatte Chris sein Coming-out und schrieb seine neue sexuelle Orientierung dem Hirnschlag zu.

"Anfangs dachte ich noch, ich hätte mir nur den Kopf gestoßen oder mich anderweitig verletzt", erzählt Chris. "Mir war schwindelig, aber man will in einer solchen Situation nie zugeben, dass etwas nicht stimmt. Ich machte einfach weiter und hoffte, dass niemand etwas merkt."

Zunächst diagnostizierten die Ärzte bei Chris noch Pfeiffersches Drüsenfieber. Als dann jedoch noch Erinnerungslücken, vermindertes Sprechvermögen sowie Taubheit in den Händen und Armen dazukamen, ging er zu einem Neurologen. Der erkannte die Zeichen des zurückliegenden Schlaganfalls und verschrieb Chris Medikamente, die er täglich nehmen musste. Optisch machte sich der Zwischenfall vor allem durch ein hängendes Augenlid und einen hängenden Nippel bemerkbar, aber auch Chris' Persönlichkeit veränderte sich: "Früher war ich total introvertiert, plötzlich hatte ich mehr Selbstvertrauen und ging mehr aus mir heraus."


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Die Veränderung der Sexualität dauerte länger. So erzählt Chris: "Als mir klar wurde, dass ich schwul bin, lebte ich erstmal ein halbes Jahr ganz normal weiter. Ich weihte nur meine Mutter ein, was doch eine größere Sache war als gedacht." Nach seinem Coming-out entfernten sich die beiden voneinander und verloren langsam den Kontakt.

Bis er seinen Freund Jack kennenlernte, traf sich Chris auch nicht mit anderen Männern. "Ich wollte sichergehen, dass meine Gedanken und meine Gefühle wirklich echt und nicht nur temporär sind. Ich dachte mir: 'Mein linker Nippel hängt tiefer als mein rechter, das wird sich schon wieder geben. Und vielleicht läuft es bei meiner sexuellen Orientierung genauso'", sagt Chris. "Rückblickend klingt das ziemlich dumm, aber so war es nunmal."

Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 schmiss Chris seinen Job bei einer Bank und machte eine Ausbildung zum Friseur. Auf Anraten einer Kundin erzählte Chris seine Geschichte einem Wochenmagazin: "Ich dachte mir, dass es einige Leute interessieren könnte, wie ich durch einen Schlaganfall homosexuell wurde." Aus dem "kleinen Artikel in einem Zeitungsmagazin" wurde dann ein zweiseitiger Bericht in der großen britischen Boulevardzeitung The Mirror.

"Das war schon ein Schock und fühlte sich unnötig an", sagt Chris. "Daraufhin riefen jeden Tag unzählige Menschen bei uns im Salon an und wollten mit mir sprechen. Eine Siebzigjährige fuhr sogar eine Stunde mit dem Bus, nur um sich bei mir zu bedanken, dass ich meine Geschichte erzählt hatte."

"Ich weiß noch ganz genau, wie ich mich zu Frauen hingezogen fühlte und damit auch glücklich war. Inzwischen kommen mir diese Gefühle total fremdartig vor."

Hatte eine Nahtoderfahrung einen heimlich schwulen Chris dazu veranlasst, seine sexuelle Identität neu zu überdenken und sich gleichzeitig für den wahren Ursprung seiner Orientierung zu schämen? Oder kann ein Schlaganfall die sexuelle Orientierung tatsächlich verändern? Inzwischen gibt Chris auch zu: "Nach einem Schlaganfall ist man sich seiner Sterblichkeit bewusst und fühlt sich fast schon gezwungen, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte. Ich bin jedoch der Beweis dafür, dass ein Schlaganfall die sexuelle Orientierung verändert. Und da gibt es noch andere Beispiele."

An dieser Stelle erzählt Chris von einem anderen Schwulen, der nach einem Schlaganfall heterosexuell wurde. Außerdem wehrt er sich gegen die Vorwürfe, er würde lügen: "Ich weiß noch ganz genau, wie ich mich zu Frauen hingezogen fühlte und damit auch glücklich war. Inzwischen kommen mir diese Gefühle total fremdartig vor."

Chris wurde sogar schon wissenschaftlich untersucht. Als er sich von der BBC für die Dokumentation I Woke Up Gay von einem Fernsehteam begleiten ließ, sagte ihm ein Forscher der Queen Mary University, dass er laut einiger Tests wohl heterosexuell geboren wurde. (Insgesamt ist er mit der Dokumentation jedoch gar nicht zufrieden und bezeichnet sie als "lächerlich" und "reißerisch".)

Chris ist sich bewusst, dass seine Geschichte nur schwer zu glauben ist. Dafür macht er allerdings auch falsche Berichterstattung verantwortlich. In manchen Artikeln wird behauptet, er hätte sich das Genick gebrochen oder wäre in ein Koma gefallen.

Einige Fake-News-Seiten stellten Chris als Beleg für die "Heilung von Homosexualität" dar. "Sie sagten, dass niemand schwul sein muss – so nach dem Motto 'Dieser Mann war früher heterosexuell und ist jetzt homosexuell. Das Ganze ist also nicht angeboren und wir können es richtigstellen'", erzählt er. "Mir wurde aber auch vorgeworfen, zu lügen und schon immer schwul gewesen zu sein. Das hat mich richtig fertig gemacht." Wenn er könnte, würde er die ganzen Artikel löschen. Es seien sogar falsche Twitter- und Facebook-Profile mit seinem Namen erstellt worden, deren Posts seinen Aussagen komplett widersprachen, erzählt er. "Das war schrecklich. Ich wünschte, ich hätte niemals etwas gesagt."

Aber auch professionelle Schreiber äußerten Kritik. Bei Gawker hieß es zum Beispiel: "Birchs Geschichte scheint der Gleichberechtigungsagenda zu schaden." Und in The Metro steht: "Wenn Birch mit seinem 'neuen' Ich wirklich so glücklich ist, wie er immer behauptet, wieso will er dann ständig beweisen, dass ihn das Koma verändert hat?"

"Mir wurde auch vorgeworfen, zu lügen und schon immer schwul gewesen zu sein. Das hat mich richtig fertig gemacht."

Chris arbeitet heute nur noch nebenberuflich als Friseur, weil er ein Reinigungsunternehmen leitet. Er ist aber immer noch mit Jack zusammen und die beiden leben zusammen mit ihren vier Hunden in Cardiff. Laut eigener Aussage konnte er vor seinem Schlaganfall mit Tieren übrigens nichts anfangen.

Hier findest du Informationen dazu, wie du die Symptome eines Schlaganfalls erkennst und dich im Notfall richtig verhältst. Am 10. Mai findet außerdem der "Tag gegen den Schlaganfall" statt.

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