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„Diese coole, gelackte Producer-Lady“—Emika über ihr neues David Bowie-Cover, Hank Shocklee und neue Songs

„Was kann's schon schaden, etwas auszuprobieren“—Emika erzählt im Interview, wie sie und Hank Shocklee Freunde wurden, und was es sonst so Neues gibt.

von Walter W. Wacht
23 Juni 2014, 3:00pm


Emikas Auftritt im Rahmen von „Ein Tag für … David Bowie" im Haus der Berliner Festspiele.
Alle Fotos: © Gregor Blanz / Haus der Berliner Festspiele

Die britische Sängerin Schrägstrich Produzentin Emika kennt sich mit Experimenten aus. Die 28-jährige Künstlerin hat sich über die Jahre immer wieder neu erfunden—sei es als Sound-Designerin bei Native Instruments, als Kollaborateurin von My My, Brandt Brauer Frick und Marcel Dettmann, mit Field Recordings aus dem Berghain, oder mit ihrer ganz eigenen klanglichen Handschrift—irgendwo zwischen Leftfield-Electronica, an Dubstep geschulten Rhythmen, klassischer Musik und Trip Pop.

Mit ihrem zweiten Album Dva (Ninja Tune, 2013) kam Hank Shocklee als Executive Producer hinzu—eine Legende in Sachen Sample-Layering seit seinen frühen Tagen mit Public Enemy und The Bomb Squad. Kürzlich ging Emika den David Bowie-Klassiker „Let's Dance" an, den sie live im Haus der Berliner Festspiele aufführte—als Verneigung vor der britischen Musiklegende.

„Was kann's schon schaden, etwas auszuprobieren", sagte Emika als wir sie vor ihrem Auftritt zum Interview trafen—und über ihr Verhältnis zu David Bowie, ihre Freundschaft mit Hank Schocklee und ihre neue Musik sprachen. Emikas David Bowie-Cover siehst du hier:


Emika—„Let's Dance" (David Bowie Cover) [Shocklee-Emikaized Version] | Made by MKMK

Du hast David Bowies „Let's Dance" gecovert? Warum gerade dieser Song?
Ich mag neue Herausforderungen. Ich hatte ungeheuren Respekt davor, „Let's Dance" zu covern. Davor hatte ich mich schon an „Wicked Game" [von Chris Isaac] versucht und das war schon einschüchternd genug gewesen. Das hier war aber ein ganz neues Level an Einschüchterung. Angesichts solcher Herausforderungen bin ich aber am innovativsten. Die einzige Art, mit der ich mit so etwas umgehen kann, ist Rumexperimentieren. Wenn mir die Ideen dabei kommen, ohne viel zu überlegen, dann passiert in der Regel etwas Großartiges. Hank Shocklee, mein Executive Producer, hatte die Idee für ein Bowie-Cover. Ich suchte mir dann „China Girl" aus, aber er trieb mich noch weiter. Wir entschieden uns dann also dafür, es mit „Let's Dance" zu probieren. Ich glaube außerdem, dass der Song noch nie in dem Bereich gecovert wurde, in dem ich mich musikalisch bewege. Wir dachten also, dass das für unser Publikum interessant sein könnte.

Wie würdest du denn den Bereich beschreiben, in dem du dich bewegst?
Sound-Design, elektronische Musik, Contemporary Classical Pop.

Das ist ein ziemlich weites Feld …
Alles außer Jazz und … (lacht) Rock.

Vor ein paar Jahren hatte ich noch den Eindruck, dass die Leute und die Presse dich in so eine Dubstep-Ecke steckten. Das öffnete sich dann später für einen eher …
… poporientieren Kontext. Je länger du als Künstler aktiv bist—veröffentlichst, schreibst, performst—desto besser kannst du mit anderen Leuten teilen, was du machst. Wenn du dein erstes Album veröffentlichst, ist das alles, was die Leute von dir kennen—du kannst dann nicht erwarten, dass sie wissen, wo sie dich einordnen sollen, bis du dann mehr Zeit hast und mehr von deinen Ideen teilst und mehr veröffentlichst. Ich bin jetzt so weit, zu sagen: Ich mache elektronische Musik.


Emika—„She Beats"

Wie viel Überzeugungskraft seitens Hank hat es gebraucht, bis …
… Sehr viel! Ich bin ziemlich dickköpfig.

Vor allem wenn man bedenkt, dass Bowies Karriere so weitreichend ist. Es gibt ja hunderte Songs, aus denen man wählen kann, und dieser ist einer seiner kommerziell erfolgreichsten Hits.
Am meisten schüchtert mich seine Fanbase ein. Jemand kommt da an und nimmt gerade diesen Song, der so einen Einfluss auf die ganze Welt der Popmusik hatte … Hank und ich haben ein ziemlich tiefgründiges Verhältnis und wir diskutieren viele Sachen aus. Ich hatte die Coverversion eine Zeit lang in Erwägung gezogen, wollte es aber eigentlich nicht machen. Hank hat aber wirklich gute Ideen und die Sachen, wegen denen ich am dickköpfigsten bin, sind die Dinge, die bei mir am besten funktionieren. Was kann's schon schaden, etwas auszuprobieren?

Wo wir gerade beim Ausprobieren sind: Dein Gesang in dieser Coverversion unterscheidet sich sehr von den Vocals deiner anderen Songs. Warum diese tiefe, dunkle Stimme? Sie ist ja sogar tiefer als Bowies Stimme …
Hank sagte zu mir: Wenn du so einen ungewöhnlichen Außenseiterkünstler wie David Bowie coverst, dann musst du versuchen, es noch ungewöhnlicher zu machen. Letztendlich musst du einen neuen Sound erschaffen. Du kannst nicht einfach nur den Text und die Akkorde nehmen und sie auf einem anderen Instrument nachspielen. Es muss ein komplett neuer, relevanter Produktionsansatz sein. Mir ist aufgefallen, dass seit Burial, seit Dubstep generell, die ganzen Typen hochgepitchte Vocals benutzen. Du kannst das jetzt überall in elektronischer Musik hören. Es ist ein Sound mit großem Wiedererkennungswert. Mir gefällt die Idee, einen gegensätzlichen Ansatz zu verfolgen und weiblichen Gesang runterzupitchen. Elektronische Musik kann ja etwas sehr Ernsthaftes sein. Als ich anfing, hatte ich das Gefühl, dass ich endlich die Möglichkeit hatte, auf Entdeckungsreise zu gehen und den Regeln klassischer Musik zu entfliehen. Heute fühlt sich aber alles zu eingeschränkt an, zu sehr fokussiert auf Sparten-, Club- oder Tanzmusik. Ich versuche immer, das irgendwie aufzubrechen, diese ganzen Regeln über den Haufen zu werfen. Diese Coverversion hat einen ernsthaften Ansatz und ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, aber sie ist gleichzeitig verspielt und simpel gehalten.

THUMP Emika David Bowie Cover Lets Dance Music Video Foto Gregor Blanz HdBF 2014

Ich hätte gedacht, dass sie auch eine politische Dimension hat.
Mir gefällt die Idee von Gender und Sound, aber dieser Gedanke kam erst im Nachhinein. Wenn du dir Popmusik anschaust, dann gibt es da diese Obsession von Sängerinnen, die Auto-Tune benutzen, um ihre Stimmen quasi zu photoshoppen.

Nicht nur Frauen … das ist ja ein Standard-Processor.
Das ist es, wofür Produzenten bezahlt werden, damit es blitzeblank und fett klingt. Ich mag es, alles etwas zu versauen, wenn du so willst.

Bist du eigentlich mit Public Enemy oder David Bowie aufgewachsen? Du bist 1986 geboren …
„China Girl" ist der erste Song, an den ich mich erinnern kann. Ich weiß noch, wie ich meinen Vater fragte: „Warum hört sich das so an?" Ich meinte damit das Echo, die Aufnahme klingt wirklich sehr speziell. Mein Vater erklärte es mir und hat mir dann einen Vier-Spur-Kassettenrekorder besorgt. Ich fing dann an, mein Klavierspiel auf Kassette aufzunehmen … In jungen Jahren habe ich aber Bowies kompletten Katalog nicht wirklich kennengelernt. Ich hörte nur ein oder zwei Songs immer wieder, geradezu besessen. „China Girl" war ein wirklich wichtiges Lied für mich.

Wie hast du Hank Shocklee eigentlich kennengelernt?
Ich war zusammen mit Amon Tobin auf US-Tournee als Support für seine ISAM-Show. Dieser Typ, von dem Amon Teile der PA-Anlage gemietet hatte, ist ein ehemaliger Basketballspieler. Er ist ziemlich groß und konnte nie im Tourbus schlafen. Und ich konnte auch nie schlafen, weil ich zu aufgeregt war. Wir hingen also Nachts zusammen ab und er meinte dann irgendwann, dass sein Kumpel Hank zur Show in New York kommen solle. Alle drehten an dem Abend total durch, weil Hank Shocklee da war. Um ehrlich zu sein, wusste ich gar nicht, wer er war—aber alle anderen waren halt recht aufgeregt. Ich spielte also meinen Gig und er kam danach Backstage und wir unterhielten uns. Ich gab ihm meine Platten …

Kannte er deine Musik davor schon?
Ich glaube nicht. Er hört pausenlos Musik. Vielleicht kannte er mich, aber er wusste nicht, ob ich eine Producerin oder eine Sängerin bin. Das war zu einer Zeit, als ich mich unsicher dabei fühlte, meine eigene Musik zu mixen. Ich stand unter großem Druck, einen Produzenten zu finden und mit ihm zu arbeiten. Damals fühlte ich mich mit meiner Arbeit in eine Ecke getrieben. Ich wusste aber auch nicht, wie ich Hank fragen sollte, ob er mein Producer sein möchte. Wie sagt man so etwas zu jemandem, den man kaum kennt? Wir hatten dann ein paar nächtliche Unterhaltungen über Skype …

THUMP Emika David Bowie Cover Lets Dance Music Video Foto Gregor Blanz HdBF 2014

Wie hast du es dann gemacht? Wie fragt man so jemanden wie Hank?
Mein Vater war auch in New York bei der Show, er traf ihn sogar vor mir. Als ich dann aus New York zurückkehrte, sagte mir mein Vater: „Das ist ein wirklich ernstzunehmender Typ. Schreib ihm eine E-Mail, bleib in Kontakt, das ist es, was du mit deiner Karriere machen solltest." Ich schrieb dann also eine E-Mail an sein Management. Und ich fragte ihn, ob wir Freunde sein wollen. Je mehr ich mich ihm gegenüber über meinen Arbeitsprozess als Produzentin öffnete, desto mehr erkannte er, dass er mir behilflich sein könnte. Er wurde mein Mentor, könnte man sagen. Dieser Prozess entwickelte sich während der Arbeitsphase an Dva. Er wurde zum Executive Producer des Albums und all meiner Musik von da an. Es ist eine großartige Partnerschaft.

An was für Musik arbeitest du gerade?
Ich habe eine Menge neuer Songs geschrieben, aus denen wohl eine LP, einige EPs und vielleicht ein paar 12"s hervorgehen werden. Ich habe auch alles nochmal geremixt, weil ich meine eigenen Clubmixe produzieren wollte. Ich habe angefangen, meine erste Symphonie für ein Orchester mit ungefähr 100 Musikern zu schreiben. Ich war gerade erst in Prag, um mir dort einige Studios anzugucken. Die Symphonie wird auf einem Song mit dem Namen „Miracles" basieren, der einer der Lead-Tracks der neuen LP sein wird.

Zurück zu „Let's Dance": Das Musikvideo deiner Version steht etwas im Widerspruch zu dem Song. Es beinhaltet weniger Tanz, sondern eher langsame Bewegungen …
Langsame und suggestive Posen. Die Jungs, mit denen ich das Video gedreht habe—MKMK—wollten mehrere Ichs erschaffen.

Es hat mehr was von einem Fashionshoot, fast wie eine Session für ein Vogue-Titelbild.
Es spiegelt recht gut die Stimmung, in der ich mich derzeit befinde. Die Bühne sollte dunkel aussehen, alles auf die Schatten ausgerichtet, nicht auf die Lichter: Das Gegenteil dessen, was die Auftritte weiblicher Popstars sonst ausmacht. Ich wollte das in ein reines Musikvideo verwandeln und weniger den Fokus auf eine visuelle Narrative lenken. Mit einem einfachen Performance-Video kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Einfach nur Künstler dabei zu zeigen, wie sie ihr Ding machen. Ich wollte, dass das Video mich selber repräsentiert: Ich bin 28, das war die Frisur, die ich zu der Zeit trug, das war die Stimmung, in der ich zu der Zeit war. Ich wollte diese coole, gelackte Producer-Lady sein. Es ist geradeheraus und ehrlich.

Hat Mr. Bowie eigentlich schon etwas zu deiner Coverversion gesagt?
Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht tweete ich ihn einfach mal an … (lacht) „Hey Bowie, wie findest du diese komische Coverversion?"

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