Drogen

Vier Partydrogenkonsumenten über ihren Ausstieg aus dem regelmäßigen Konsum

Speed, MDMA oder Kokain gehören für viele zum Ausgehen dazu—und führen nicht selten unbemerkt in die Abhängigkeit. Der Weg hinaus ist schwer und langwierig.

von Fredi Ferkova
15 Dezember 2016, 4:51pm

newtown graffiti (CC BY 2.0​)

Die Personen auf dem Foto stehen in keinerlei Verbindung zu den Protagonisten dieses Artikels, der zuerst bei Noisey Alps erschien. Foto von newtown graffiti (CC BY 2.0)

Alkohol wird immer wieder medial aufgearbeitet und besprochen. Und das ist gut so. Kreative Werbemaßnahmen wie zum Beispiel der Instagram-Account von Louise Delage zum Thema "Alkoholismus bei jungen Menschen", werden oft gesetzt und schärfen das Bewusstsein. Menschen, die Medien jeglicher Art verfolgen, sind im besten Fall über die Gefahren von Alkohol aufgeklärt. Trotzdem gibt es sie—die jungen Alkoholiker, die regelmäßig untertags trinken oder viel zu oft trinken, obwohl sie eigentlich wissen müssten, wie schädlich und vor allem suchterzeugend Alkohol ist.

Aber wie sieht es mit Partydrogen aus? Da fehlt noch ein bisschen die gesellschaftliche Aufarbeitung. Aufklärende Konsumenten-Geschichten sind noch nicht so häufig zu lesen und es fehlen auch kreative Werbemaßnahmen, die das Bewusstsein schärfen. Drogen sind noch immer, auch im Jahre 2016, ein Thema, das man mehr aufbereiten könnte. Denn: Aufputschende Mittel wie Speed, MDMA oder Kokain sind nicht so schwer zugänglich, wie mancher vielleicht denkt, und werden in vielerorts verharmlost.

Die Schädlichkeit von Partydrogen bei unregelmäßigem Konsum wird unter Konsumenten und Wissenschaftlern heiß diskutiert. Die steht jetzt auch nicht zur Debatte. Aber wenn es kaum öffentliche Aufklärung über die Gefahren eines unregelmäßigen Konsums gibt und die Allgemeinbevölkerung unter "Drogen nehmen" noch immer eher an Heroin als an Ecstasy-Pillen denkt, dann ziehen regelmäßige Konsumenten den Kürzeren.

Hier sind deshalb vier Geschichten von Partydrogen-Konsumenten, die von sich selbst sagen, dass ihr Konsum nicht mehr gesund war und wie sie der Regelmäßigkeit entkommen konnten. Alle Namen wurden vorher von der Redaktion geändert.

Lisa, Studentin und berufstätig (23)

Irgendwann mit 21 habe ich das erste Mal Drogen genommen. Ich fand, ich war genug aufgeklärt und außerdem wollte ich es unbedingt probieren. Am Anfang hat es auch echt Spaß gemacht. Ich nahm ab—was ich willkommen hieß—, ich lernte viele neue Leute kennen und habe mich nicht nur cool, sondern auch zugehörig gefühlt. Afterhour-Partys haben sich wie Freundschaftstreffen angefühlt. Wir haben das Leben besprochen, gebastelt, Musik gehört. Alles, was mir damals irgendwie nach meiner Trennung fehlte.

Nach circa einem Jahr wurde alles zum Zwang. Ich musste fortgehen. Und wenn ich fort war, dann musste ich Drogen nehmen. Sobald ich betrunken war, war ich auf der Suche nach etwas "zum Ziehen". In den kleinsten Beisln habe ich betrunken angefangen, Menschen nach Drogen zu fragen. Ich verlor relativ bald alle Freunde, die nicht mitgezogen haben und wechselte sie durch neue, "offene" Menschen aus.

Ich fand, ich war genug aufgeklärt und außerdem wollte ich es unbedingt probieren. Nach circa einem Jahr wurde alles zum Zwang.

Unter der Woche war ich kaum zu gebrauchen. Ich ging verstrahlt in die Vorlesungen und meisterte mein Leben auf Drogen, wenn es sein musste. Ich habe es aber vermieden, unter der Woche zu konsumieren. Ich bildete mir ein, dass mein Leben komplett den Bach runtergehen würde, wenn ich aufhören würde. Ich hatte Angst, Freunde zu verlieren, Gewicht zuzunehmen und bereits um Mitternacht müde zu sein, wenn ich "nur" trinken würde.

Diese Gedanken haben mich komplett aus der Bahn geworfen. Ich war immer ein selbstständiges und unabhängiges Wesen und plötzlich wurde mir bewusst, wie der nächtliche Spaß untertags an mir nagte. Nicht nur körperlich, sondern eben auch mental. Momentan habe ich so gut wie alle Verbindungen, die nur oberflächlich waren und in denen der gemeinsame Nenner "drauf sein" war, gekappt. Ich treffe mich mit alten Freunden, mit alten Schulkollegen oder schlicht und einfach mit Menschen, denen ich auch abseits der Party etwas bedeute. Wenn ich meinen alten Freundeskreis sehe, dann bemitleide ich sie ein bisschen.

Viele können sich nicht am Riemen reißen und vor allem haben sie nicht verstanden, dass die Afterhour-Welt eine Scheinwelt ist. Man kann sich aber auch sehr leicht in der Welt verlieren und Rechtfertigungen für sich und seinen Konsum finden. Mir haben ein paar Tiefschläge im Leben gereicht, um zu sehen, dass es eben nicht OK ist, jedes Wochenende seine Nasenlöcher, seinen Körper und seinen Kopf zu malträtieren.

Peter, leitender Fachangestellter (27)

Angefangen hat es so circa 2013, da war ich noch in meinem Master-Studium oder eigentlich am Ende meines Master-Studiums. Ich habe in einem anderen Bundesland studiert und hatte eigentlich kaum Berührung mit aufputschendem Zeug. "Kaum" deshalb, weil ich für gewisse Arbeiten und Prüfungen angefangen habe, damit zu experimentieren. Die Menge war aber gering. Da ging es nicht um Straßen, sondern um Prisen. Ich habe immer so dosiert, dass ich zwar konzentriert und munter wurde, aber kaum Euphorie gespürt habe.

Als ich nach Wien zog, fing das Ganze so richtig an. Ich hatte schon immer Interesse an den Wirkungsweisen und was die Drogen mit meinem Körper machen. Und ich habe immer den Serotoninspiegel-Korb im Auge gehabt. Die ersten paar Male sind extrem großartig, aber wenn man nicht genug Pausen einlegt, dann wird der Serotonin-Korb immer leerer und leerer. Und in Wirklichkeit legt niemand kluge Pausen ein. Zumindest in meinem Umfeld.

Ich merkte schon bald, dass sich so ein Drogenkonsum auf das Gemüt, die Konzentration und die Leistungsfähigkeit schlägt. Aber ich habe es in Kauf genommen. Macht man ja mit Alkohol auch—auch wenn man am nächsten Tag kotzt und Kopfweh hat, auch dann säuft man wieder. Man nimmt die Einschränkungen eben in Kauf, weil sich der Rausch so gut anfühlt. So ging es jedes Wochenende. Bis zu drei Mal pro Woche war ich in Clubs oder auf Hauspartys fort. Speed, Koks und MDMA waren so die goldenen drei Substanzen.

Wenn man nicht genug Pausen einlegt, dann wird der Serotonin-Korb immer leerer und leerer. Und in Wirklichkeit legt niemand kluge Pausen ein.

Im Studium, finde ich, ist das ja auch OK, aber irgendwann merkte ich, wie ich bis Dienstag eigentlich weder arbeits- noch leistungsfähig war. Ich habe das zwar schon früher bemerkt und auch gewusst, aber wegen meinem Wiener Freundeskreis war es nicht so einfach auszusteigen. Dank meinem beruflichen Ehrgeiz und auch meiner Freundin war es dann doch nicht so schwer, das erste Wochenende auszulassen.

Auch wenn es keiner hören will: Wenn man das Zeug weglässt, geht es einem schon echt viel besser. Man ist aktiver, für die Karriere ist es quasi eine Rolltreppe nach oben und man macht einfach andere Sachen, anstatt irgendwo zu sterben. Und man bemitleidet sich nicht die ganze Zeit selbst. Montag bis Dienstag habe ich mich nur bemitleidet und das ist nicht so cool, wenn man in einer verantwortungsvollen Position ist. Wenn man regelmäßig konsumiert, ist man einfach den Alltags- und Berufsentscheidungen emotional nicht gewachsen. Ich habe noch immer den selben Freundeskreis. Die sind mir ans Herz gewachsen. Aber was die Intensität des Feierns und Konsums anbelangt, kann und will ich gar nicht mehr mithalten.

Sandra, berufstätig und in Weiterbildung (21)

Am Anfang ging es nur um Partys, irgendwann hörte der Spaß aber auf. Eine Freundin hat ihre Wohnung bekommen und wir sind nur noch dort gesessen und haben versucht, vor der Realität zu fliehen. Sie und ich hatten zu der Zeit Familienprobleme, also haben wir uns einfach mit Drogen zugedröhnt, um alles zu vergessen. Am Anfang machte es noch Spaß, aber ab irgendwann verwandelte sich der Spaß in Ernst. Unser Aussehen litt sehr unter unserem neuen Lebensstil, wir haben schrecklich viel Gewicht verloren und unser Denkvermögen hat drastisch abgenommen.

An manchen Tagen konnten wir uns nicht vom Fleck bewegen, weil wir so schwach waren. Ein halbes Jahr haben wir so gelebt, bis irgendwann die Einsicht kam, dass es so nicht weitergehen kann. Als meine Mama wegen mir geweint hat, wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Sie so traurig zu sehen, hat mich wachgerüttelt und ich versprach ihr, damit aufzuhören. Meine Freundin und ich gingen beide getrennte Wege, aber das war auch notwendig, um aus dem Teufelskreis rauszukommen. Sowohl sie als auch ich haben in dieser Zeit unseren Job und unsere Freunde verloren. Es war harte Arbeit, wieder alles aufzubauen: Freundschaften, Arbeitsplatz und meinen Körper. Ich will nie wieder so tief fallen wie damals.

Nicht alle reflektieren ihren Konsum, und das macht mir Angst. Drogen oder auch Alkohol sollte man niemals nehmen, um Sachen zu vergessen oder Stress zu entfliehen.

Manchmal, wenn ich bei konsumierenden Freunden sitze, dann mache ich mir Sorgen um sie. Vor allem, wenn sie nicht genug kriegen und immer mehr wollen. Nicht alle reflektieren ihren Konsum, und das macht mir Angst. Drogen oder auch Alkohol sollte man niemals nehmen, um Sachen zu vergessen oder Stress zu entfliehen. Heute konsumiere ich nur selten und kann auch ganz ohne jegliche Substanzen fortgehen. Ich habe sogar mehr Spaß, wenn ich nüchtern bleibe.

Manche Menschen verstehen nicht, wie peinlich und unlustig sie sind, wenn sie die Kontrolle verlieren. Wenn ich konsumiere, dann sehr bedacht. Die Ausbildung ist mir sehr wichtig geworden, ich bilde mich gerade weiter. Sie, meine Freunde und mein jetziges Leben sind mir zu wichtig geworden, um sie für ein paar Stunden Spaß aufs Spiel zu setzen.

Johann, Student, berufstätig (25)

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wann das alles angefangen hat. Mit "das" meine ich die klassischen Partydrogen. Im Prinzip ist es das selbe wie Saufen. Man säuft auf Partys, irgendwann wird es zur Routine und bald bleibt man auf einer Party nicht nüchtern. Wenn es Routine wird, dann hat man relativ bald einen Freundeskreis, der sich mit einem besäuft—es wird ein gemeinsamer Nenner. Und irgendwann wird es so sehr Standard, dass man auch gar nicht mehr ans Aufhören denkt. Immerhin ist es ja nur am Wochenende und alle um einen herum machen es. Und wenn man an das Aufhören denkt: Wie soll man nur?

Soll man aufhören, sich mit seinen Freunden zu treffen? Menschen, die nichts mehr nehmen, sind dann eher nicht mehr im Freundeskreis. Man entzieht also nicht nur von den Mitteln—das wäre das kleinste Problem—man entzieht von allen Sicherheitsnetzen, von allen Freuden und Ängsten und von einem Lebensstil.

Man entzieht also nicht nur von den Mitteln, man entzieht von allen Sicherheitsnetzen, von allen Freuden und Ängsten und von einem Lebensstil.

Ich hatte eine schlimme Phase, in der ich nur nach Partys gelebt habe. Meine gesamte Woche richtete sich danach. Ich hatte beim Runterkommen auch viel mit meinem Gewissen zu kämpfen: Meine Gedanken kreisten oft um die Frage, wieso ich Drogen nehme, und wie wenig ich mein Leben auf die Reihe bekomme. Ich habe dann irgendwann aufgehört, um mich mehr auf die Uni zu konzentrieren—um dann wieder in das Ganze reinzuschlittern.

Jetzt geht es mir aber besser, weil ich auch einen anderen Lebenssinn habe. Ich habe die Uni, auf die ich mich konzentrieren muss und dadurch sind meine Runterkomm-Depressionen deutlich weniger geworden. Trotzdem ist es so, dass ich mich bis Mittwoch vom Wochenende erhole und am Donnerstag oder Freitag das Wochenende schon wieder anfängt.

Früh aufzustehen und am Abend müde zu sein, weil man den ganzen Tag gearbeitet hat, macht mich schon ziemlich stolz. Es erfüllt mich, etwas geschafft zu haben. Ich habe mir schon sehr oft mit mir selbst ausgemacht, aufzuhören. So ganz hat es noch nie geklappt.


Solltest du auch Probleme mit deinem Konsum haben, findest du hier weitere Informationen und Angebote:

quit-the-shit.net/qts
drugcom.de/selbsttests
drugcom.de/beratung-finden
breaking-meth.de/node/37
fixpunkt-berlin.de

Für die Region Berlin gibt es zudem verschiedene Programme zur Konsumreflektion oder -reduktion oder zur Abstinenz, siehe: www.netzwerk-fruehintervention.de/index.php?id=90

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