Warum niemand über sexuelle Belästigung unter Freunden spricht
Ausgehen

Warum niemand über sexuelle Belästigung unter Freunden spricht

Ihr trinkt zusammen, feiert miteinander, einer vergisst jede Grenze. Doch anschließend willst du nicht die Freundschaft riskieren.
11.7.16

Dieser Text ist zuerst auf Noisey Alps in der Kolumne #NichtMehrWegschauen erschienen. Foto: shane evan shearer/Flickr, CC BY 2.0

Ausgehen ohne Freunde, das macht für mich nur halb so viel Sinn. Ich will mich beim Feiern mit Menschen umgeben, die mir wichtig sind. Als ich allerdings letztens mit meinen Besten unterwegs war, sagten mir drei meiner Freundinnen, sie wüssten nicht, wie sie Flo* loswerden sollten. Flo ist mit uns befreundet. Er hat an diesem Abend nicht damit aufgehört, die drei anzugraben, und wir wussten alle nicht, wie wir damit umgehen sollten.

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Als ich ein paar Tage darauf mit anderen Freunden über diesen Abend spreche, fällt mir auf, dass so gut wie alle etwas Ähnliches zu sagen hatten. Schnell gingen die Erzählungen vom Angraben über Po-Grapschern, bis hin zu aufgezwungenen Blowjobs und unfreiwilligem Sex. Alles unter Freunden und meistens in Verbindung mit Alkohol. Wirklich gesprochen wurde vorher darüber noch nicht. Da habe ich mich gefragt: Warum?

Valerie* erzählt mir, dass sie jedes Mal, wenn sie mit diesem einen bestimmten Freund fortgeht, von ihm angemacht und begrapscht wird. Wenn das vorkommt, sagt sie ihm beharrlich, er solle damit aufhören. Nüchtern würde sie ihn aber nie darauf ansprechen, weil es beiden unangenehm sei. "Aber ich verstehe mich trotzdem gut mit ihm, weil ich mir dann denke: Nüchtern sehe ich ihn trotzdem gern, weil ich weiß, dass er es nüchtern nicht macht. Aber ich gehe halt nicht gern mit ihm fort."

Freunde wollen oft von zu harschem Zurückweisen absehen, denn das würde Konflikte heraufbeschwören, die die Freundschaft in Gefahr bringen könnten.

Auch wenn du mit dem Täter befreundet bist: Man spricht hier trotzdem von sexueller Belästigung. Die ist in Deutschland—anders als Sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und sexueller Missbrauch—derzeit noch kein Straftatbestand, kann allerdings unter Umständen durch als Beleidigung mit sexuellem Hintergrund geahndet werden. Erst mit der kommenden Verschärfung des Sexualstrafrechts wird auch die sexuelle Belästigung zum Straftatbestand. In Österreich wurde der Artikel § 218 StGB, der sexuelle Belästigung definiert, im letzten Jahr reformiert. Unter diesen Tatbestand fällt, "wer eine Person durch eine geschlechtliche Handlung an ihr oder vor ihr unter Umständen, unter denen dies geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen, belästigt." Auch eine "intensive Berührung der Geschlechtssphäre", die die Würde verletzt, fällt unter sexuelle Belästigung. Kurz: Das Gesetz lässt so auch in der neuen Version noch viel Spielraum für Interpretation. Es geht mehr darum, ob sich die Person belästigt fühlt.

Aber wie geht man damit um, wenn genau das der Fall ist. Und wenn es die eigenen Freunde sind, die einen so fühlen lassen. Ignorieren und weggehen funktioniert nicht, wenn die Person zu hartnäckig ist und einfach immer wieder Kontakt sucht. Meine Freunde wollten auch von zu harschem Zurückweisen absehen, denn das würde Konflikte heraufbeschwören, die die Freundschaft in Gefahr bringen könnten. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, vermieden alle bisher mit den Tätern, mit denen sie befreundet sind, darüber zu sprechen.

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Wir stellen die Freundschaft über solche Vorfälle und vernachlässigen das eigene Wohlbefinden. Warum ist das so?

Unter Freunden werden keine Grenzen festgemacht—und dafür schämt man sich im Nachhinein.

Das Thema sexuelle Belästigung unter Freunden wurde in der Wissenschaft noch kaum untersucht. Nachdem mir mehrere Soziologen und Psychologen sagten, sie können mir bei dem Thema nicht helfen, stieß ich auf Birgit Maurer. Sie betreibt Liebeskummerpraxen in Wien und Graz und beschäftigt sich dabei oft genau mit diesem Problem.

Aus dem VICE-Netzwerk: Broadly und die Kunst des Verfluchens 

Sie erklärt mir, warum wir es vermeiden, uns mit dem Konflikt auseinanderzusetzen. Es spielen dabei mehrere Faktoren eine Rolle. Zuerst entsteht ein Schamgefühl durch das Zulassen der Belästigung. „Ich höre oft von meinen Patienten, sie wollten ja keine Zicke sein. Dabei geht es eigentlich immer noch um ihren eigenen Körper." Es werden also keine Grenzen festgemacht—und dafür schämt man sich im Nachhinein. Genau hier liegt der Knackpunkt. Dem Thema der sexuellen Belästigung durch Fremde wird schon viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wir diskutieren und sensibilisieren. Zu sexueller Belästigung unter Freunden findet man bei Weitem nicht so viele Auseinandersetzungen.

Darum spricht man auch nicht mit seinen Freunden darüber. Wer gibt schon gerne zu, sich freiwillig belästigen zu lassen? Es entsteht Angst vor Bewertung und Verurteilung. Ein Beispiel dafür ist Tatjana*. Sie erzählte lange niemandem davon, dass sie unfreiwillig mit einem ihrer Freunde Sex hatte. Das passierte bei einer Party, als sie sich zu späterer Stunde in ein Bett kroch, um zu schlafen.

"Ich wollte nicht die Zicke sein. Dann bin ich eingeschlafen und später aufgewacht, während er mich schon angefasst hat." –Tatjana

Ein Freund von ihr legte sich daraufhin zu ihr. Das fand Tatjana zwar komisch, aber sie wollte nicht die Zicke sein—Tatjana wählte interessanterweise das Wort „Zicke" unabhängig von Frau Maurers Bezeichnung—und sich darüber aufregen. Dann bin ich eingeschlafen und später aufgewacht, während er mich schon angefasst hat. Auf der Brust und über dem Höschen im Vaginalbereich", sagt sie, „Ich hab schon oft Typen weggestoßen, das ist kein Problem für mich. Aber ich hab in diesem betrunkenen Moment den Gedanken gehabt, wenn ich ihn jetzt ran lass, dann gibt es insgesamt weniger Stress, als wenn ich das jetzt nicht zulasse." Tatjana habe sich daraufhin totgestellt und gehofft, dass er aufhört. Hat er nicht.

Irgendwann habe er sie umgedreht, geküsst und dann ging alles ziemlich schnell, erzählt mir Tatjana. Es ging über eine Belästigung weit hinaus. „Ich bin dann ziemlich schnell aufgestanden und ging mich duschen. Ich hab das einfach nur schrecklich und furchtbar gefunden." Gesprochen hat sie lange mit niemandem darüber. Auch aus Schamgefühl. Tatjana erzählte mir aber auch, dass sie selber aufpassen muss, nicht zur Täterin zu werden. Um einen ihrer Freunde dazu zu bringen, ihr etwas näher zu kommen, hat sie ihm MDMA ins Getränk gemischt. Sie erzählte mir auch von einer Freundin, die befreundete Männer aufs Klo verschleppt und ihnen trotz anfänglicher Gegenwehr einen bläst.

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Ich habe mich daraufhin bei meinen männlichen Freunden umgehört, ob ihnen schon Ähnliches passiert ist. Stefan* erzählte mir von einem Clubabend, an dem er von einer Freundin in eine Ecke gedrängt und anschließend auf den Tisch geschleudert wurde. Wirklich gewehrt hat er sich dabei auch nur anfangs, weil er es eigentlich gut fand.

"Bleib mit deinen Problemen nicht allein!" ist einer der wichtigsten Ratschläge, wenn es darum geht, wie du auf sexuelle Belästigung reagieren kannst.

Dafür schämt er sich nicht. Tatjana schämt sich allerdings schon zu sehr dafür, mit ihrem Freund geschlafen zu haben, als dass sie darüber wirklich mit anderen sprechen möchte. Neben der Scham nennt Birgit Maurer noch die Angst vor dem Verlust der Freundschaft als einen Grund dieser Tatenlosigkeit: „Je länger die Freundschaft besteht, desto mehr Angst gibt es, diese zu verlieren und desto weniger möchte man sie aufgeben." Es wird also auch nach sexuellen Übergriffen die Freundschaft über das eigene Wohl gestellt. Man könne hier Parallelen zu Missbrauch in der Familie ziehen. Kinder lieben ihre Eltern auch oft noch, obwohl sie von ihnen missbraucht werden.

Aber wie geht man damit um?

Konfrontation ist wahrscheinlich die beste Möglichkeit, um weitere Konflikte zu vermeiden—so unangenehm diese auch sein kann. Noch besser ist es natürlich, schon etwas zu sagen, wenn man merkt, dass so eine Situation entsteht. Wenn man denn in diesem Moment dazu in der Lage ist. Die Sache einfach in sich hineinzufressen, ist jedenfalls schlecht für das eigene Wohl. Will man weiterhin, mit seinen Freunden Spaß haben können, muss man offen solche Probleme besprechen. „Bleib mit deinen Problemen nicht allein!" ist deshalb auch einer der wichtigsten Ratschläge, wenn es darum geht, wie man auf sexuelle Belästigung reagieren kannst.

Nach meiner Recherche musste ich feststellen, dass sexuelle Belästigung unter Freunden weiter verbreitet ist, als ich angenommen hatte, und die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, wissen noch nicht, wie sie damit umgehen sollen. Es ist falsch, solche Dinge einfach runterzuspielen. Jeder sollte seine Integrität bewahren und das umso mehr vor seinen Freunden.

Wenn sie echte Freunde sind, müssen sie das verstehen. Es ist immer noch euer Körper und eure Gesundheit—und ob es Freunde sind oder nicht: Sie müssen das akzeptieren. Eine Freundschaft, in der das nicht so ist, ist keine Freundschaft.

* Namen von der Redaktion geändert

Benji ist auch auf Twitter: @lazy_reviews. THUMP ebenfalls. Folge uns auf Twitter, Instagram und unserer neuen Facebook-Seite.