Anzeige
Tech

Ist es wirklich ungesund, vor dem Fernseher oder Computer einzuschlafen?

Was mit unserem Körper passiert, wenn wir uns vor dem Schlafen noch schnell 'ne Folge Simpsons reinziehen.

von Jason Koebler
10 April 2016, 6:00am

Bild: Shutterstock

Seit etwa fünf Jahren sieht meine Einschlafroutine jeden Abend identisch aus: Ich lege mich hin, stelle meinen Laptop neben mich und lasse eine beliebige Folge der Simpsons laufen, die ich höchstwahrscheinlich sowieso schon etliche Male gesehen habe. Dann stelle ich noch die Bildschirmhelligkeit runter und höre zu, wie meine Lieblings-Serienfamilie... irgendwie vor sich hinwuselt. Meistens weiß ich nicht mal, worum es in der Folge ging, denn schon bevor die letzten Töne des Titelsongs erklingen, bin ich eingeschlafen.

Fernsehen-Serien sind für mich noch immer das beste Medium, um mich sicher in den Schlaf zu wiegen. Und doch werde ich in diversen Studien, auf Selbsthilfeseiten, in Gesundheitszeitschriften und auf von Schlafexperten betriebenen Webseiten—auf denen man passenderweise auch einen Blaulicht-Filter als Gegenmaßnahme erwerben kann—mit mahnendem Zeigefinger gewarnt, bloß nicht vor dem Bildschirm einzuschlafen. Aber ist der leuchtende Laptop als Einschlaf-Hilfe tatsächlich so ungesund?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht nur für mich persönlich wichtig, sondern hat tatsächlich weitreichende Bedeutung: Eine von der National Sleep Foundation in Auftrag gegebene Studie, die 2011 veröffentlicht wurde, zeigte beispielsweise, dass 95 Prozent der Amerikaner mindestens einmal pro Woche, kurz bevor sie sich schlafen legen, ein elektronisches Gerät benutzen; 60 Prozent sehen „jeden Abend" oder „fast jeden Abend" unmittelbar vor dem Schlafengehen fern. Ein Großteil der Menschen verbringt die Minuten vor dem Einschlafen vor einem Bildschirm—und doch erwachen längst nicht alle von ihnen am nächsten Morgen als von Schlafmangel geplagte Zombies. Was ist also dran an der weit verbreiteten These von der Gefahr des Bildschirms als Ersatz für das Schäfchen-Zählen?

Fast ausnahmslos alle Beiträge, die uns empfehlen, nicht bei angeschaltetem Fernseher, Smartphone oder Laptop einzuschlafen, beziehen sich auf eine der Studien über die Auswirkungen blauen LED-Lichts. Dabei handelt es sich um eine Lichtfrequenz, die so gut wie jedes elektronische Gerät abgibt und die das Hormon Melatonin beeinflussen soll, das für die Regulierung unseres zirkadianen Rhythmus, also unserer inneren Uhr, verantwortlich ist. Laut der Studie hemmt dieses blaue Licht die Melatonin-Produktion. Ein aus dem Gleichgewicht gebrachter zirkadianer Rhythmus kann das Einschlafen erschweren, uns vor dem Zubettgehen hibbelig werden lassen und uns sogar daran hindern, in den Tiefschlaf zu sinken.

„Im Normalfall wird Melatonin dann freigesetzt, wenn wir uns schlafen legen und erreicht den Höchststand, wenn wir eingeschlafen sind", erzählte mir der Mediziner Stuart Quan von der Abteilung für Schlafstörungen des größten Bostoner Krankenhauses. „Wenn wir in diesem Zeitrahmen versuchen, einzuschlafen, aber Licht und insbesondere blauem Licht ausgesetzt sind, kann dieses die Melatonin-Produktion hemmen und uns damit vom Einschlafen abhalten."

Eine der am häufigsten zitierten Studien, die an der University of Toronto durchgeführt wurde, zeigte auch eine Verbindung zwischen Schlafstörungen und den blauen Lichtfrequenzen auf: Bei Menschen, die dauerhaft in der Nachtschicht arbeiten, gingen die Schlafstörungen zurück, wenn sie tagsüber eine Brille tragen, die Blaulicht filtert. Zwei weitere unabhängige Harvard-Studien konnten zudem zeigen, dass Blaulicht das Melatonin stärker unterdrückt als andere Arten von Licht.

Millionen Menschen schlafen jeden Abend dem laufenden Fernseher- oder Computerbildschirm ein. Umso unverständlicher ist es, warum bisher keine konkreteren Studien darüber vorliegen, ob und wie uns das beeinträchtigt.

Keine dieser Studien ist jedoch besonders umfangreich, außerdem konzentrieren sie sich allesamt auf die Auswirkungen von Licht auf den zirkadianen Rhythmus und nicht auf die Auswirkungen vom Fernsehen auf den Schlaf. Eine der Harvard-Studien umfasste zehn Teilnehmer und variierte die Wellenlänge des Lichts; eine andere hatte einen Untersuchungsumfang von zwölf Probanden und verglich die Auswirkungen von E-Readern mit Hintergrundbeleuchtung mit Readern ohne der Beleuchtung. Die Studie der University of Toronto begleitete 36 Krankenschwestern, die in Vollzeit arbeiteten, und auch hier war das Licht der entscheidende Faktor. Trotzdem waren die Ergebnisse dieser Studien scheinbar so überzeugend, dass viele Wissenschaftler der Meinung sind, die Forschungen in diesem Bereich seien abgeschlossen.

„Eine Tatsache, bei der sich die Wissenschaftler definitiv einig sind, ist, dass Blaulicht den zirkadianen Rhythmus verändert", sagte Quan. „Doch Menschen werden unterschiedlich schnell und zu unterschiedlichen Zeiten müde und entwickeln auch unterschiedliche Schlafgewohnheiten. Und manchmal sind diese Gewohnheiten so stark ausgeprägt, dass ihnen selbst das schädlichste Licht nichts anhaben kann."

Ich habe meinen Schlaf gehackt, um mehr vom Leben zu haben

Die Ergebnisse dieser Studien waren Anlass genug, in etlichen Veröffentlichungen zu schlussfolgern, dass auch Fernsehen unseren Schlaf negativ beeinflussen muss. Das sollte aber nicht so einfach verallgemeinert werden.

Denn keine der stationär durchgeführten Schlafstudien, die ich gefunden habe oder die Quan bekannt sind, haben explizit den Zusammenhang zwischen der Schlafqualität und dem Fernsehen vor dem Schlafengehen untersucht.

Leider wurde vor allem eine Menge Halbwissen darüber produziert, was für Auswirkungen es auf uns haben könnte, wenn wir kurz vor dem Entgleiten ins Land der Träume fernsehen. Keine Studie hat bisher ausführlich untersucht, was genau während dem Einschlafen mit Glotze in unserem Gehirn vorgeht und ob die Bildschirm-Berieselung manchen Menschen vielleicht sogar beim Einschlafen hilft.

„Es gibt Studien über den Einfluss von Alkohol und Drogen auf die Schlafqualität, doch über den Einfluss des Fernsehens ist mir keine vergleichbare Studie bekannt", sagte Quan. „Die meisten Studien interessieren sich nur dafür, ob man besagtem Licht ausgesetzt ist."

Fernzusehen ist eine der am meisten genutzten passiven Erholungsmöglichkeiten, auf die der Mensch heute zurückgreift. Unser Gehirn mit Reizen überfluten zu lassen, unterscheidet sich grundlegend von Aktivitäten, die Gehirn und Körper anregen, wie beispielsweise Lesen oder ein Spiel auf dem Handy zu spielen.

Millionen Menschen schlafen jeden Abend vor dem laufenden Fernseher- oder Computerbildschirm ein. Umso unverständlicher ist es, warum bisher keine konkreteren Studien darüber vorliegen, ob und wie uns das beeinträchtigt. Michael Breus, ein selbsternannter „Schlafdoktor", arbeitet mit Schlaflosigkeits-Patienten und erklärt, dass der spezifische Zusammenhang vom Fernsehen vor dem Schlafengehen und der Schlafqualität in der medizinischen Literatur praktisch überhaupt nicht behandelt wurde.

„Es gibt erwiesenermaßen eine Menge Leute, die so einschlafen, und es ist sicherlich nicht sonderlich schwierig, eine entsprechende Statistik zu erstellen", so Breus weiter. „Wir sollten versuchen, zu erforschen, ob es ein Gesundheitsrisiko darstellt oder vielleicht sogar vorteilhaft beim Einschlafen ist."

„Du legst dich ins Bett, machst das Licht aus und es ist still. Du bist alleine mit deinen Gedanken und sie bringen dein Gehirn zum Rattern."

Laut Breus ist es aber schwer zu sagen, wer solch eine Studie finanzieren sollte. Umfassende stationäre Schlafstudien sind sehr teuer und die Behauptung, dass Fernsehen sich negativ auf die Schlafqualität auswirkt, ist nicht besonders kontrovers. Seiner Meinung nach könnten große Fernsehnetzwerke oder Unternehmen wie beispielsweise Netflix ein Interesse an solchen Studien haben. Doch sobald die Wissenschaft finanzielle Unterstützung in Form von Unternehmenskapital erhält, werden auch die wissenschaftliche Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Studie infrage gestellt.

Uns bleibt also vorerst nichts weiter übrig, als lediglich Vermutungen über den Einfluss des Fernsehens vor dem Schlafengehen auf unseren Schlaf anzustellen. Die erste Frage, die wir uns stellen sollten, ist, warum Menschen überhaupt im Bett fernsehen. Es gibt einen ganzen Korpus an Studien darüber, dass wir durch unsere zunehmend mediale Umwelt unruhiger, hektischer, gestresster und besorgter sind. Die ganzen Benachrichtigungen, die im Laufe des Tages unsere Geräte und unser Gehirn fluten, lenken uns extrem ab. Wenn wir uns schlafen legen, holen uns alle Gedanken, die wir tagsüber erfolgreich verdrängt haben, jedoch wieder ein und halten uns vom Einschlafen ab.

Das passiert mit deinem Körper, wenn du 180 Stunden vom Schlaf abgehalten wirst

„40 bis 50 Prozent der Patienten, die unter Schlaflosigkeit leiden, brauchen eine Ablenkung, um einschlafen zu können", so Breus. „Du legst dich ins Bett, machst das Licht aus und es ist still. Du bist alleine mit deinen Gedanken und sie bringen dein Gehirn zum Rattern. Es gibt so etwas wie eine autonome Unruhe—der Begriff umfasst zum Beispiel die Herzfrequenz, Muskelspannung und Angst—, die zunimmt, wenn man an etwas Stressiges denkt. So lange das Unruhe-Level erhöht ist, kann man nicht in den Tiefschlaf fallen. Und Fernsehen ist eine passive Tätigkeit, bei der die Reize unsere Wahrnehmung überfluten; das erlaubt uns, schließlich einzuschlafen."

Breus sagt, es sei im Laufe der Zeit zu einer Art allgemeingültigen Weisheit geworden, dass es schlecht sei, auf diese Weise einzuschlafen—eine These, die seiner Meinung nach bis zum Erbrechen wiederholt worden sei.

„Ich habe mich mit Peter Hauri unterhalten, der den Begriff der ‚Schlafhygiene' geprägt hat und erzählte ihm, dass ich viele Patienten habe, die vor dem Fernseher einschlafen", so Breus. „Er sagte ‚allgemeine Empfehlungen sind für die Allgemeinheit, doch Leute, die nicht einschlafen können, gehören nicht zu dieser Gruppe und sollten daher das tun, was ihnen tatsächlich beim Einschlafen hilft'."

Vor dem Schlafengehen fernzusehen ist für den einen vielleicht schlecht, doch für einen anderen mag es vorteilhaft sein. Ein weiterer Aspekt, dem von der Wissenschaft keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist, wie die sinnvollste Methode, vor dem Schlafen fernzusehen, aussehen würde. Doch auch hier können wir ein paar logische Vermutungen anstellen: Ihr werdet wahrscheinlich weniger Probleme haben, einzuschlafen, wenn das Gerät nicht allzu nah an eurem Bett steht; dunklere Bildschirme sind wahrscheinlich besser als sehr helle; vom Fernseher abgewandt zu liegen und nur zuzuhören reizt die Sinne wahrscheinlich weniger, als tatsächlich fernzusehen—außerdem ist doch bewiesen, dass Musik die Schlafqualität verbessert, vielleicht hat die Geräuschkulisse der Glotze eine ähnliche Wirkung?—; etwas Witziges eignet sich vielleicht besser zum Einschlafen, als ein Thriller oder Horror; und Serien, die ihr schon kennt, sind höchstwahrscheinlich besser, als eine komplett neue Serie anzumachen.

„Soweit ich weiß, bin ich der einzige Schlafspezialist, der sagt, dass es in Ordnung ist, bei angeschaltetem Fernseher einzuschlafen", berichtete mir Breus. „Die Leute können ihre Schlafqualität ziemlich gut selbst einschätzen—objektiv gesehen mag es stimmen, dass es nicht förderlich ist, bei laufendem Fernseher einzuschlafen, doch wenn die betroffene Person am nächsten Morgen ausgeschlafen und fit ist, dann ist das meiner Meinung nach die einzige Tatsache, die zählt."