Wir haben mit dem Typen gesprochen, der ein AfD-Thesenpapier in der Wüste vorgelesen hat

"Mein Gedanke war: Diese Ansätze muss man eigentlich in die Wüste schicken."

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März 23 2017, 10:30am

Foto: mit freundlicher Genehmigung

Sitzt ein Filmstudent in der nordafrikanischen Wüste und liest laut das AfD-Thesenpapier Asyl. Die Situation klingt ein bisschen wie der Anfang einer Comedy-Serie. Der Mann auf dem Stuhl ist Florian Tscharf, 29, Künstler und Filmemacher.  

Er will mit seiner Aktion kritisieren, dass Medien auf jede laute Provokation der AfD eingehen – der Umgang der Öffentlichkeit mit der Partei ist ihm zu aufgeregt. Inwiefern tragen wir alle mit dazu bei, dass die AfD in Umfragewerten zeitweise deutlich zweistellig stand und in zehn deutschen Landtagen sitzt? Eine Frage, die auch wir uns immer wieder stellen. "Die AfD ist in einem ziemlich gut: darin, Aufmerksamkeit zu generieren", sagt er.

Statt sich über krude Forderungen von Höcke, Gauland oder von Storch auszulassen, beschäftigt sich Florian Tscharf 18 Minuten lang – so lange dauert seine Lesung – mit der vollen Ladung AfD. Er liest sieben Seiten Thesen, ein Programm der AfD aus dem Jahr 2015 mit dem Titel: Mit Mut zu Deutschland das Asylchaos unter Kontrolle bringen! Von Anfang bis Ende. Nach dem Motto: Wer kritisieren will, muss Bescheid wissen, der Rest plappert nur.

Sollte das Papier seiner Meinung nach jeder lesen oder keiner? Und warum sitzt er eigentlich in der Wüste? Wir haben Florian angerufen.

VICE: Wie um Himmels Willen kommt man auf so eine Idee?
Florian Tscharf: Ich habe festgestellt, dass ich gegen die AfD bin, aber eigentlich kaum Wissen über ihre Inhalte hatte. Mein Wissen zog ich aus Talkshows und kurzen Artikeln, aber nicht aus ihren Programmen. Also habe ich angefangen, ihre Thesenpapiere durchzulesen. Das Thesenpapier Asyl liest sich für mich – wenn man es weiterdenkt – wie die Abschaffung unseres Asylrechts. Sie wollen das Grundgesetz ändern, um Asylanträge in Deutschland unmöglich zu machen. Aber wie sollen Menschen Asylanträge in einer Botschaft in ihrem Herkunftsland stellen, wenn dort Bürgerkrieg ist? Sie wollen außerdem, dass innerhalb von 48 Stunden entschieden wird, ob ein Asylantrag gestellt werden darf. Wie soll in der Zeit fair geprüft werden, ob jemand verfolgt wird? Mein Gedanke war: Diese Ansätze muss man eigentlich in die Wüste schicken.

Hast du dich für Nordafrika entschieden, weil die AfD besonders gern Behauptungen über kriminelle Nordafrikaner aufstellt? [Nach der Silvesternacht sprach die AfD etwa von "nordafrikanischen Flashmobs" in Dortmund, Hagen und Frankfurt – die Polizei widersprach. Anm. der Redaktion]
Ja, genau, deshalb habe ich die nordafrikanische Wüste ausgewählt. Wir waren vier Tage dort, sind von Marrakesch an die marokkanisch-algerische Grenze gefahren. Dort haben wir dann den Spot gesucht. Wir, das sind meine Freundin und ich, sie hat mir geholfen.

In der Wüste hattest du außer deiner Freundin keine Zuschauer, dafür einen Livestream auf YouTube. Sollte denn nun jeder das Thesenpapier Asyl lesen oder keiner?
Keine leichte Frage. Ich wäre froh, wenn es das gar nicht gäbe. Dann müsste es auch keiner lesen. Aber weil es die AfD gibt, müssen wir uns damit auseinandersetzen, und zwar ruhig und ausführlich, und uns dann eine Meinung dazu zu bilden. Das will ich mit der Aktion auch erreichen: sich mit der AfD zu befassen, ohne auf ihre Aufmerksamkeitshascherei einzugehen.

Gab es Stellen, an denen du beim Lesen gestockt hast?
Immer wieder spricht die AfD davon, wie viel Geld Flüchtlinge kosten. Sie sagen, Zuwanderung belastet die Steuerzahler. Sie werfen sogenannten "Wirtschaftsflüchtlingen" vor, hier Geld zu erbetteln. Der finanzielle Aspekt ist auch in dem Thesenpapier immer wieder Thema. Und dann, ganz am Ende, ruft die AfD zu Wahlspenden auf. Da habe ich gestockt, das ist einfach ironisch.

Was machst du eigentlich, wenn du nicht gerade Thesenpapiere der AfD in der nordafrikanischen Wüste vorliest?
Ich studiere an der Filmakademie Baden-Württemberg, gerade war ich vier Monate in Jerusalem an der Bezalel Academy of Arts and Design. Letztes Jahr habe ich einen Kurzfilm über die Flüchtlingssituation gedreht, der war 15 Minuten lang. Das Thema Asyl ist mir also nicht neu.

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