Weshalb Frauen die besseren Fleischer sind
Fleisch

Weshalb Frauen die besseren Fleischer sind

Das Fleischerhandwerk wird von Männern dominiert. Dabei könnte es gut mehr Frauen vertragen.
22.3.17

Viele denken immer, dass ich deshalb Fleischerin geworden bin, weil meine Familie schon was damit zu tun hatte, oder dass mich dieses Handwerk schon immer interessiert hatte. Doch es war eigentlich ein glücklicher Zufall. Ursprünglich komme ich aus Chesterfield in England, mit 16 hatte ich einen Wochenendjob in einem Hofladen und da musste ich hinter der Fleischtheke stehen.

Als ich drei Jahre später nach London zog, brauchte ich wieder einen Wochenendjob, mit meiner Erfahrung in der Tasche fing ich also bei The Ginger Pig an. Drei Jahre arbeitete ich in dieser Fleischerei, in allen Abteilungen, und lernte mehr über das Handwerk, aber auch über die PR- und Büroarbeit. Dann wechselte ich zu Turner & George als Marketing-Managerin – am Wochenende schneide ich Fleisch. Es ist also immer noch mein Wochenendjob.

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Für mich war es interessant den ganzen Weg des Fleisches – vom Feld bis auf den Teller – zu sehen. Viele Menschen kaufen nur noch im Supermarkt ein, sie sehen gar nicht, welchen Prozess das Fleisch durchgemacht hat. Mich interessiert, wie der Geschmack durch das, was das Schaf oder Schwein gegessen hat, beeinflusst wird.

Für mich ist das Fleischerhandwerk auch eine Kunst. Man kann einen ganzen Tierkörper in Teilstücke zerlegen, die so wunderbar aussehen.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Tom Gold.

Manchmal komme ich mir jedoch albern vor, wenn ich den Leuten sage, dass ich Fleischer bin und sie mir antworten: „Du bist was?!"

Das Fleischerhandwerk ist männerdominiert, weil die Menschen denken, dass man als Fleischer sehr stark sein muss und schwere Dinge heben können muss. Klar, das ist körperliche Arbeit, aber es gibt noch so viele andere Aspekte. Ich glaube auch, weil dieser Beruf so viele Jahre lang von Männern dominiert war – es ist immerhin eines der ältesten Gewerbe der Welt –, glauben die wenigsten, dass auch eine Frau diesen Job machen kann.

Bevor ich in Fleischereien – beziehungsweise als Fleischerin selbst – gearbeitet habe, hat mich eine Fleischerei immer eingeschüchtert. Es gibt schon besondere Typen unter Fleischern. Es gibt diese Klischeevorstellung eines älteren, grummeligen Mannes, der auch ziemlich barsch und schroff sein kann. Schon alleine zum Fleischer zu gehen und Fragen zu stellen, ist für viele einschüchternd.

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Als ich früher in Fleischereien gearbeitet habe, gab es noch viel Sexismus. Das lag, glaube ich, nicht so sehr daran, dass ich als Fleischer gearbeitet habe, sondern eher daran, dass ich eine Frau – die einzige Frau – war. Es gab viele anzügliche Witze und unangebrachte Bemerkungen, gerade so als ich 18 war.

Eine Veränderung habe ich schon mitbekommen, aber ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass ich älter werde und dass die Szene in London einfach offener ist, oder ob sich tatsächlich etwas ändert. Wenn ich in meiner Heimat jetzt als Fleischer arbeiten würde, wäre das nicht so wie in London. Die Kunden wären immer noch schockiert, eine Frau hinter der Theke arbeiten zu sehen.

In London ist es jedoch meist egal, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Solange man dem Kunden seine Fragen zum Fleisch beantworten kann, ist das nicht wichtig. Es gibt aber immer noch ein paar Kunden, die das anders sehen.

Einmal war ich zusammen mit einem männlichen Azubi im Laden, er war gerade mal ein paar Wochen bei uns. Ein Kunde kam rein und als ich ihn fragte, was er wünscht, schaute er einfach durch mich hindurch und fing an, mit dem Azubi zu reden. Der hatte keine Ahnung, was er dem Kunden antworten sollte, also unterbrach ich nach einer Weile und meinte: „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?" Es wird immer Leute geben, die einfach durch dich hindurchblicken und den nächstbesten Mann ansprechen. Man muss einfach selbstbewusst sein und Ahnung haben, dann können sie nichts sagen.

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Es wird immer Kunden geben, die mich für die Kassiererin oder die Aushilfe hinter der Theke halten. Es gibt einem ein befriedigendes Gefühl, wenn man dann mit einem ganzen Tier auf der Schulter reinkommt und es vor ihren Augen ablegt.

Die Auslage im Turner & George. Foto mit freundlicher Genehmigung von Tom Gold

Es wäre schön, wenn die Leute mich nur als Fleischer sähen und nicht zwingend als Fleischerin. Denn für mich sind Frauen die besseren Fleischer. Die Frauen, die ich in der Branche kenne, haben unglaublich hohe Ansprüche an sich und ihre Arbeit. Frauen sind meiner Meinung nach besser, weil sie umgänglicher sind, weil sie sich Zeit nehmen und weil sie die Dinge sorgfältig tun. Sie haben ein besseres Händchen und das Ergebnis ihrer Arbeit sieht am Ende besser aus.

Doch welches Mädchen wird schon Fleischer werden wollen, wenn die Karriereaussichten hier in Großbritannien nicht attraktiv sind. Das fängt schon ganz unten an: Viele australische Fleischer zum Beispiel, die ich kenne, sind perfekt ausgebildet. Sie mussten eine strenge Ausbildung durchlaufen und alle möglichen Prüfungen bestehen. Hier in Großbritannien gibt es das nicht. Die Leute sind entweder über die Familie zum Handwerk gekommen oder eben wie ich durch Zufall.

Ich kenne nur eine Handvoll Menschen, die dieses Handwerk wirklich erlernen wollten. Wenn es mehr Ausbildungsangebote gäbe und eine Karriere als Fleischer attraktivere Aussichten hätte, dann gäbe es hier auch sicher mehr Frauen in der Branche.

Aufgezeichnet von Daisy Meager.

Jessica Wragg arbeitet für den Londoner Fleischhändler Turner & George als Marketing-Managerin und als Fleischerin.