Drogen

Meine Salvia-Zeremonie mit einer mazatekischen Schamanin

Begleite den Halluzinogen-Kenner Hamilton Morris bei seiner Salvia-Divinorum-Reise im mexikanischen Dschungel.

von Danilo Parra
25 Dezember 2016, 5:00am

Aus der They Come Out at Night Issue

Am Abend des 2. Juni 2016 wandere ich in den Wald nördlich der Stadt Huautla de Jiménez im mexikanischen Staat Oaxaca. Ich bin auf der Suche nach der Pflanze Salvia divinorum. Ich trage einen Poncho, einen Vaquero-Sombrero (eine Art Cowboyhut) und ein großes Muschelhorn, in das ich die Finger meiner linken Hand gesteckt habe. Meine Expedition führt mich durch Privatgrundstücke, und aus kleinen, hinter Bäumen verborgenen Häusern bellen mich ohne Unterlass Hunde an. Von einem Hügel aus erblicke ich die ersten Pflanzen am Bach; weiter oben entdecke ich Dutzende, die ein riesiges Dickicht bilden.

Wenn sie in Innenräumen aus Ablegern gezüchtet wird, sieht Salvia divinorum, auch Wahrsager-Salbei genannt, eher kränklich aus. Oft verliert die Pflanze ohne ersichtlichen Grund Blätter, und wenn sie mehr als einen Meter hoch wird, bricht häufig der Stängel ab. Was ich in Huautla erblicke, ist anders. Die Pflanzen sind fast so groß wie ich, mit dicken Stielen und großen, alten Blättern, die von Insekten durchlöchert sind. Wie mir die ältere curandera (Heilerin und Schamanin) aufgetragen hat, die mich im traditionellen mazatekischen Outfit in den Dschungel geschickt hat, pflücke ich mit der rechten Hand ein Blatt nach dem anderen, bis ich 30 Stück habe (meine linke Hand steckt noch in der Muschel).

Mit meiner Beute gehe ich zurück zum Haus der Schamanin in Huautla de Jiménez und betrete ihren Zeremonienraum, einen kleinen, mit katholischen Ikonen vollgehängten Betonkasten. Die Schamanin setzt mich in einen kleinen Holzstuhl und beginnt einen Singsang auf Mazatekisch, während sie die Blätter in einer Wasserschüssel wäscht. Dann rollt sie, je nach Größe, ein oder zwei Blätter zu einem Zylinder. Sie reicht mir die Rollen, und ich esse sie schweigend. Ich kaue die leicht bitteren Blätter ordentlich, damit sie lange Kontakt mit meiner Mundschleimhaut haben.

Zwölf Minuten später spüre ich die Wirkung: Ich schwitze und es pulsiert ein Rhythmus durch meinen Körper, der mich dazu bringt, im Stuhl vor und zurück zu schaukeln. Doch die Schamanin bietet mir mehr Blätter und ich esse weiter. Im Laufe von 21 Minuten verspeise ich insgesamt acht Rollen aus zehn Blättern, bis die Curandera der Meinung ist, ich habe genug. Meine Zähne und Lippen sind grün vor Chlorophyll. Ich möchte gern einen Schluck Wasser trinken, frage aber nicht, weil ich ihren Gesang nicht unterbrechen will.

Zweieinhalb Stunden lang lausche ich der velada (Nachtwache) der Schamanin, ohne ein Wort zu verstehen. Die Ernsthaftigkeit ihres Rituals und ihre Ehrerbietung für die Pflanze bewegen mich zutiefst. Mein Gehör bleibt völlig klar, ist vielleicht sogar schärfer als sonst, doch mich überkommen seltsame vestibuläre Halluzinationen, als stiege aus den Windungen der Muschel in meiner Hand eine schwindelerregende Energie. Die pinken und blauen Bänder der traditionellen huipil (Tunika) der Schamanin leuchten. Hinter meinen Lidern sehe ich wachsende Salvia divinorum, wobei der Stiel Knoten um Knoten bildet, wie eine endlose Reihe Schlundrachen, die aus dem Maul einer Muräne hervorschießen.

Die Schamanin massiert mich und verreibt frische Tabakblätter auf meiner Haut. Wir tanzen zusammen im Mondlicht. Drei Stunden nach dem Konsum der Blätter bin ich nüchtern genug, mich zu wundern, warum ich noch nicht nüchtern bin. Normalerweise sollte die Wirkung nur etwa eine Stunde anhalten. Um 4 Uhr morgens fühle ich mich verpflichtet zu gehen, auch wenn ich noch berauscht bin. Als ich mich verabschiede, gibt mir die Heilerin ein Foto von einer sonnenbeschienenen Salvia-Pflanze. Ihr Mann bittet mich, mit ihm Ponchos zu tauschen, und ich gebe die Muschel und den Sombrero zurück. Vier Stunden und zehn Minuten nach der Einnahme bin ich noch immer nicht nüchtern, kann aber schlafen. Der Mann der Schamanin hat mir versichert, ich würde lebhaft träumen, doch mein Schlaf ist schwarz und traumlos.

Hier sind einige Fotos und eine grobe Übersetzung des zeremoniellen Gesangs der Schamanin.

-HAMILTON MORRIS

Beschwörungsformel aus dem mazatekischen Ritual

Mutter Hirtin
ndi nana Pastora

Erhelle ihn, gib ihm Weisheit,
Mutter meiner Söhne
ti isenlai, ti choyalai, ndina xtina

Heile ihn, Mutter Hirtin
ti xkili, ti xkalai, ndi naná Pastora,

Hilf ihm, hilf ihm zu verstehen,
gib ihm Kraft und Reife
tisekoe ji katamachoyale t'ailai ngani'iole nganchjale

Heilwasser, du musst ihm helfen, Mutter Hirtin
ndaxkili, ndaxkale koasin tisekoeñe ndinana Pastora

Die Leute sagen, es geschieht
kuixon kuasikaona, itsó chjota, kuixó kuasikaona,

Wenn wir ein Problem haben, wenn es eine große Sünde in unserer Welt gibt
tsa me xó kjoa tjinna, k'oa tsa me xó jé xi tjina sondená

Deshalb werden wir stark, wenn
es geschieht
tsa tsi xo jme tjinna kuixó k'oasikaoná

Segne ihn, segne ihn
Tichikoson, tichokot´ain

Lass es geschehen, erhelle ihn
Koasin katama, katama isenle

Gib ihm deine Güte, dein Leben
T´aelae kjoandali, kjoabijnachonli

Hilf ihm, Jesus
Tisekoe n´ai kisus

Gesegnet sei er,
Katamachikoson, katamachikot´ain

Vater unserer Kinder,
Ndí N´ae, xtinna

Mit Ruhe und Friedlichkeit
Jo inda, jo nanguai

Auf dass sein Körper die
Wirkung spüre
Kataxinyajinle

So friedlich, so irdisch. Vater, zeige
es ihm. Warum heilst du ihn
nicht? Warum lässt du ihn nicht gesund werden?
Jo ny´an jo nangui n´ae... takolai
¿anni tsi nixkilay, nixkalai ndíli ?


Auf dass er geheilt werde
Tsjua, katamandaya

Dass seine Adern geheilt werden
tsjua katamandaya naxale

Dass seine Niere geheilt werde
Tsjua katamandaya, rañonle

Dass er schöne Worte sage
Tsjua naska katatsó

Dass er spreche
Tsjua katancha

Dass er sage
tsjua katatsó

Dass er in seinen Worten und
seiner Atmung
Tsjua katabajna énn, katabajna jta

Friedlich sei, Vater
Ngasin nganda Nae

Mit Ruhe und Friedlichkeit, Hamilton, mit Ruhe und Friedlichkeit
Jo inda, jo nangui Hamilton nga sin nga nda, to inda to nangui



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Eine Frau auf den Straßen von Huautla de Jiménez im mexikanischen Staat Oaxaca

Manche Salvia-Gebiete sind am besten auf dem Esel zu erreichen

Morris sammelt Blätter aus einem Dickicht Salvia divinorum

Morris sieht zu, wie die Schamanin frische Blätter mit einem Mörser auf einem Stein zerreibt

Die Schamanin mischt die Blättermasse in einer Kalebasse mit Flusswasser und filtert dann alles zum Trinken in einen Styroporbecher

Eine der beiden Zeremonien sieht das Kauen der Salvia-Blätter vor, die andere das Trinken als Tee

Der Mann der Schamanin hilft Morris dabei, die benötigten Blätter zu finden und zu sammeln

Die Schamanin reibt frische Tabakblätter in Morris' Hand, als der Salbei bereits Wirkung zeigt

Auf dem Höhepunkt des Salvia-Rauschs kann Morris nicht mehr sitzen und legt sich auf den Betonboden

Nach der Salvia-Zeremonie tauschen der Mann der Schamanin und Morris Ponchos