EPA Images/Marcus Brandt

Warum ausländische St.-Pauli-Fanclubs gut für die Seele des Kiezklubs sind

Ob in Schottland, Brasilien oder Kanada: St. Pauli hat Fanclubs auf der ganzen Welt. Die mögen nicht nur Zweitliga-Fußball, sondern engagieren sich auch sozial. Und sind eingefleischten Paulianern in Hamburg lieber als so mancher Hipster-„Fan".

|
15 Februar 2017, 2:20pm

EPA Images/Marcus Brandt

Im englischen Leeds gibt es viele Anhänger des mittlerweile nur noch zweitklassigen Traditionsvereins Leeds United. Daneben gibt es aber auch noch zahlreiche organisierte Fans von einem anderen Team – und zwar von keinem geringeren als dem FC St. Pauli. Ja, du liest richtig, eine Stadt mitten in England hat einen eigenen St.-Pauli-Fanklub, Yorkshire St. Pauli. Gemeinsam ist den Mitgliedern, dass sie sich nicht nur gerne Fußballspiele ihrer Lieblingsmannschaft ansehen, sondern auch sozial engagiert sind und somit einen kleinen, aber feinen Beitrag in der Gesellschaft leisten.

Auch wenn er einer der größten und am besten organisierten St.-Pauli-Fanclubs außerhalb von Deutschland ist, ist Yorkshire St. Pauli nicht allein darin, den Millerntor-Spirit auch im Ausland zu kultivieren. Seit seiner Gründung im Jahr 2011 dient der Fan-Club als Inspiration und Vorbild für viele andere Fanclubs auf der ganzen Welt. Und davon gibt es eine ganze Menge, Tendenz steigend.

Im Großen und Ganzen lässt sich zwischen zwei verschiedenen Arten von St.-Pauli-Fanclubs im Ausland unterscheiden. Einerseits gibt es solche, bei denen die Mitglieder zusammenkommen, um in geselliger Runde bei einem Bier die Spiele der Weltpokalsieger-Besieger zu verfolgen. Und dann gibt es solche, die mehr an der politischen Seite des Kiezvereins interessiert sind, die sich im Namen von St. Pauli treffen, um sich sozial zu engagieren, sei es in ehrenamtlicher Arbeit oder auf Demonstrationen. Freilich gibt es zwischen beiden Gruppen große Überlappungen, schließlich sind die politischen Prinzipien ein essentieller Bestandteil der Vereins-DNA. Wie wir wohl alle wissen, is der Verein traditionell links und hat sich auch in der ‚Refugees Welcome'-Bewegung aktiv engagiert.

EPA Images/Fabian Bimmer

Einer, der sich eher der zweiten Gruppe zuordnen würde, ist Gary von Glasgow St. Pauli. Gary ist jemand, der sich eine Alternative zur lokal vorherrschenden Fußballkultur wünscht. „Viele bei uns im Fanclub sind Celtic-Fans, aber wir machen deutlich, dass das absolut kein Muss ist", erklärt mir Gary. Während Celtic und St.-Pauli-Fans auf eine lange Freundschaft zurückblicken, ihrer gemeinsamen linkspolitischen Einstellung sei Dank, versuchen Gary und seine Freunde gleichzeitig, die traditionelle Fußball-Kluft in Glasgow zu überwinden und sind auch offen für Rangers-Sympathisanten. Außerdem bemühen sie sich um neue Mitglieder aus anderen Teilen Schottlands.

Aktuell zählt sein Fanclub 26 Mitglieder. Und auch wenn sich das nicht nach besonders viel anhört, sind sie doch in Sachen sozialem Engagement ausgesprochen erfolgreich. Die Gruppe hat nicht nur eine starke Social-Media-Präsenz und ist bei diversen Demos in Glasgow mitgelaufen, sondern hat über Online-Fundraiser auch schon mehr als 10.000 Pfund für wohltätige Zwecke gesammelt.

Foto: Glasgow St. Pauli

Das zeigt wiederum, dass die Ideale vom Millerntor auch im Ausland eine Menge bewirken können. Als ich von ihm wissen will, was Fußballfans in Glasgow an einem deutschen Zweitligisten finden, antwortet mir Gary: „Ich glaube, es hat mit der Symbolik des Vereins zu tun. Wenn Menschen unseren Verein nicht kennen – etwa Leute von karitativen Gruppen – und dann den Totenkopf sehen, sind sie erstmal skeptisch. Doch wenn sie dann hören, wofür der Verein steht, verstehen sie sofort, warum wir uns für St. Pauli entschieden haben."

FC St. Pauli: Im Spagat zwischen Mythos und Realität

Doch St. Pauli hat im Ausland nicht nur Fans in Großbritannien, sondern auch in Spanien, Italien, Kanada, den USA, Argentinien und Brasilien. Ein weiterer Hotspot ist Athen, was auch damit zu erklären ist, dass in der griechischen Hauptstadt mit AEK Athen ein weiterer historisch linksgerichteter Verein spielt. In Athen gibt es sogar zwei St.-Pauli-Fanclubs, den Athens Club sowie den South End Scum. Ersterer wurde schon 2007 gegründet und ist damit einer der ältesten St.-Pauli-Fanclubs im Ausland, während Letzterer seit 2011 dem Kiezklub die Daumen drückt.

Foto: Facebook-Seite vom FC St. Pauli Athens Club

Ich frage Vassilis vom Athens Club – die sich auch Sankt Pauli Athen Klub (‚SPAK') nennen – , wie es zur Gründung seiner Gruppe kam. Er erzählt mir, dass sich die Gruppe aus Fans zusammensetzt, die entweder Hamburg als Touristen besucht oder dort gewohnt haben. Jeder könne der Gruppe beitreten, erzählt er mir weiter, solange er oder sie sich den Prinzipien des FC St. Pauli verpflichtet. Außerdem lobt er die flachen Hierarchien in seiner Gruppe: „Es gibt weder einen Präsidenten noch einen Sekretär oder Ähnliches. Bei SPAK sind alle gleich, die neuen Mitglieder natürlich eingeschlossen." Für die SPAK-Mitglieder bedeutet ihr Support für St. Pauli auch eine Antwort auf die allgemeinen Exzesse in Gesellschaft und Fußball. „St. Pauli ist für uns eine Alternative zur hässlichen Fratze des modernen Fußballs. Gleichzeitig zieht der Klub Menschen in seinen Bann, die sich mit dessen antifaschistischer und antisexistischer Haltung identifizieren können. Wir glauben, dass Fußball ein Mittel für eine bessere Welt sein kann."

So wie ihren britischen Brüdern im Geiste geht es auch dem Athens Club darum, in ihrer Community etwas zu bewirken. „Wir haben in den letzten zehn Jahren jedes St.-Pauli-Spiel zusammengeschaut, aber unsere Hauptaufgabe besteht darin, soziale Projekte voranzutreiben und als aktive Gruppe in der griechischen Gesellschaft einen Unterschied zu machen", so Vassilis weiter.

Spieler des FC St. Pauli mit Flüchtlingskindern 2015 // EPA Images/Daniel Bockwoldt

Die Geschichte des FC Lampedusa ist ein Paradebeispiel für die Philosophie des Kiezklubs. Der FC Lampedusa ist ein Team, das sich ausschließlich aus Flüchtlingen zusammensetzt. Viele von ihnen haben sich in Auffanglagern auf der italienischen Insel Lampedusa kennengelernt. Als sie in Hamburg ankamen, war Hilfe dringend nötig – und auf den FC St. Pauli war Verlass. Nicht nur, dass die Fans mit ihren „Kein Mensch ist illegal"-Bannern im Stadion ein klares politisches Zeichen setzten, der Verein hat sie außerdem mit Trikots ausgestattet und ein Freundschaftsspiel organisiert, bei dem St.-Pauli-Fans gegen den FC Lampedusa antraten – und auf die Mütze bekamen. Dieses Fanteam bestand aus Mitgliedern von Yorkshire St. Pauli, was zeigt, dass man selbst als ausländischer Fanclub im Zentrum des sozialen Engagement seines Herzensvereins landen kann.

Wenn es ein Land gibt, das aktuell jede noch so kleine Pro-Flüchtlings-Bewegung gebrauchen kann, dann sind es die USA, Herrn Trump sei Dank. Eine solche Bewegung, die gleichzeitig einer der ältesten US-amerikanischen St.-Pauli-Fanclubs ist, ist St. Pauli NYC. Die Gruppe wurde vor acht Jahren von Amerikanern gegründet, die sich in den Club und seine Ideale verliebt hatten.

Foto: Facebook-Seite von FC St. Pauli NYC

Shawn, erst seit Kurzem Mitglied, beschreibt mir St. Pauli NYC als „eine sehr lockere Gruppe, ohne offizielle Mitgliedschaft." Man trifft sich am Wochenende in der East River Bar in Brooklyn. Trotz seiner losen Struktur ist man innerhalb der internationalen St.-Pauli-Community und auf lokaler Ebene in New York schon jetzt ein Faktor. „Jedes Spiel sammeln wir von Mitgliedern und Gästen Spenden für einen guten Zweck. In dieser Saison gehen die Erlöse an eine Gruppe von Anwälten, die Einwanderern rechtliche Hilfe anbietet. Bei dem aktuellen politischen Klima im Land glaube ich, dass das Interesse an Gruppen wie uns steigen wird."

Foto: www.fcstpaulinyc.com

Bleibt die Frage, was die Paulianer in Hamburg über die Fanclubs im Ausland denken. Auch wenn der internationale Appeal ihres Vereins in gewisser Hinsicht schmeicheln muss, wird gleichzeitig die voranschreitende Kommerzialisierung des Vereins heftig diskutiert. Es kommt schon mal vor, dass man im Ausland Menschen mit St.-Pauli-Trikots antrifft, die gar nicht wissen, wofür der Verein eigentlich steht. Eine solche Entwicklung sorgt beim harten Kern in der Hansestadt natürlich für Missstimmung. Ob das auch dem Image der internationalen Fan-Community als Ganzes schadet, ist als Außenstehender natürlich schwer zu beurteilen.

Aus diesem Grund habe ich mich an Jenni Wulfhekel gewandt, Fußballautorin und Hamburgerin, die den Verein wie ihre Westentasche kennt. „St.-Pauli-Fans in Hamburg wissen natürlich, dass ihr Verein weltweit beliebt ist", erzählt sie mir. „Dem zugrunde liegt eine spannende Mischung aus politischer Stellungnahme, Musikszene, Merchandise, der Nähe zum Rotlichtviertel und den wilden Fans. Wir wissen, dass die meisten Fans im Ausland aus England und Schottland kommen, wo wir mit Celtic ein befreundetes Team haben. Die Fanbase bei St. Pauli ist warmherzig und offen, jeder ist also willkommen."

Foto: EPA Images/Daniel Bockwoldt

„Ich habe in den letzten zehn Jahren innerhalb der Hamburger Fanszene eine Veränderung beobachtet, was den Drang, das Vereinsimage zu schützen, betrifft", so Jenni weiter, „das hat aber mit den Fans im Ausland nichts zu tun. Es handelt sich eher um einen stillen Kampf in Hamburg, wo Geschäftsleute und Hipster zu den Spielen kommen, weil sie glauben, dass das cool sei. Selbst ich muss sagen, dass die meisten neuen Fans nicht wirklich wissen, wofür der Verein eigentlich steht. Sie wissen vielleicht, dass wir politisch links stehen und liberal sind. Doch geht man in die 80er zurück, war St. Pauli weit mehr als nur das. Die Hälfte der Fans hatte keine richtige Bleibe. Wir reden von Hamburgs Punk-Szene, eine Großzahl von Fans war sogar obdachlos. Um es zusammenzufassen: Das Gleichgewicht steht und fällt in Hamburg und hat weniger mit der internationalen Fanbase zu tun."

Jenni glaubt sogar, dass viele ausländische Fans besser über die Werte ihres Vereins Bescheid wissen als so manch heimischer Konvertit. „Soweit ich das beurteilen kann, würde ich sagen, dass die meisten St.-Pauli-Fanclubs auf der politischen Idee des Vereins gegründet wurden, weniger wegen der fußballerischen Seite. Ich glaube, es gibt im Ausland ein tiefes Verständnis für die Geschichte und die politische Ausrichtung des Vereins. Ich sehe viele Fans in Südamerika mit Piratenflaggen und Anarchie-Anstecknadeln. Mir ist außerdem bei ausländischen St.-Pauli-Fans in Hamburg aufgefallen, dass sie für gewöhnlich deutlich älter sind, um die 40, 50 oder 60 Jahre alt. Das zeigt mir, dass St. Pauli noch nicht zu einem weltweit gehypten „coolen" Verein geworden ist, sondern mehr als Identifikationspunkt im Fußball dient. Das ist in Hamburg selbst anders. Alteingesessene St.-Pauli-Fans hassen es, junge Modefreaks bei Spielen zu sehen."

Mitglieder von ausländischen Fanclubs machen häufig einmal im Jahr eine Art Pilgerreise zum Millerntor. Sowohl Gary als auch Vassilis und Shawn haben mir erzählt, dass sie dabei von Hamburger Fans mit offenen Armen aufgenommen wurden und auf viel Gastfreundlichkeit gestoßen sind. Viele von ihnen haben mittlerweile Freunde in der Hansestadt. Anders ausgedrückt haben gleichgesinnte Menschen eine internationale Fußball- und vor allem Werte-Community aufgebaut. In einer Zeit geprägt von Extremismus und Vorurteilen ist das vielleicht nicht die schlechteste Sache.