Die Vorteile der Masturbation – wissenschaftlich erklärt

"Wichsen, bum, schlafen. Du schüttest Serotonin aus. Und das lässt dich in einen tiefen Schlaf fallen."

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23 Januar 2017, 3:00am

Foto: Bernard DUPONT | Wikimedia Commons | CC BY-SA 2.0 
 
Letztes Jahr haben wir einen Artikel veröffentlicht und darin die Vorzüge der Enthaltsamkeit angepriesen. Diese Vorzüge waren dürftig. Der mit der Expertise von Neurowissenschaftler Jim Pfaus unterstützte Artikel kam zu dem Fazit, dass das zwischenzeitliche Nicht-Wichsen zwar eine spannende Neuerung in deinem Leben sein kann, du aber wahrscheinlich bald wieder mit dem Schrubben anfängst – und das auch gar nicht schlimm ist.

Aber was ist mit der Kehrseite der Medaille? Ich befinde mich in einer festen Beziehung und dieser sehr glückliche Umstand bedeutet, dass ich diese Tage kaum dazu komme, die Schlange zu würgen. Ich will mich nicht beschweren. Mir geht es wunderbar. Aber diese Selbsterkenntnis hat mich neugierig gemacht: Verpasse ich etwas? Ist Selbstbefriedigung vielleicht sogar eine gesundheitsfördernde Freizeitbeschäftigung?

Um das herauszufinden, habe ich mich mit dem Psychologen und Biologen Jim Pfaus unterhalten. Er forscht über Sexualverhalten an der Concordia University im kanadischen Montreal.

VICE: Ich versuche herauszufinden, ob Masturbieren gut für mich ist. Die Informationen sind widersprüchlich, manches ist offensichtlich ein Mythos. Aber was ist wahr?
Jim Pfaus: Du wirst dir dabei keine Geschlechtskrankheit holen. Das dürfte per Definition der wohl größte gesundheitliche Vorteil sexueller Einzelaktivität sein.

Warum gibt es nicht mehr wissenschaftliche Daten zur Masturbation?
Es gibt insgesamt nicht besonders viel gute Wissenschaft. Das ist das Problem. Du bekommst von den Ethikkommissionen an Unis kaum die Erlaubnis, anderen Menschen beim Masturbieren zuzuschauen. Wenn du Menschen danach fragst, wie oft sie in der Woche masturbieren, musst auf ihre Selbstwahrnehmung vertrauen und dann versuchen, diese Daten mit Gesundheitsproblemen zu korrelieren.

Gibt es in diesem Bereich denn gute Neuigkeiten?
Ich habe in den letzten zwei Jahren herausgefunden, dass Menschen, die regelmäßig Masturbieren und das offen zugeben, eine liberalere Sicht auf Sex und Sexualität haben. Frauen, die regelmäßig masturbieren, tendieren dazu, mehr Sexualpartner zu haben. Sie sind außerdem selbstbewusster bei ihren sexuellen Aktivitäten und scheinen ihre erogenen Zonen besser zu kennen. Bei Männern trifft das nicht zu, weil sich alles um den Penis dreht und nicht so sehr um unsere Nippel. Wir erkunden bei der Selbstbefriedigung nicht viel mehr als unseren Penis. Wenn wir aber regelmäßig masturbieren, kennen wir unseren Penis besser als die, die das nicht tun.

Lassen sich die Vorteile dieser besseren Kenntnis über den eigenen Körper irgendwie messen?
Da können wir nur mutmaßen. Wenn man in einem sehr religiösen Haushalt aufwächst und beigebracht bekommt, dass es schlimm ist, sich selbst anzufassen, und man dafür in die Hölle kommt, dann lässt man vielleicht die Finger von sich. Als Ergebnis wird man ein sehr schlechtes Sexual-Selbstbewusstsein haben.

Als du letztes Jahr mit meinen Kollegen gesprochen hast, meintest du, dass Selbstbefriedigung Menschen dabei hilft, sich zu entspannen. Wird das von Daten gestützt?
Das ist rein anekdotisch. Es taucht bei Kinsey auf. Masters und Johnson sprechen auch darüber. All das haben sie von ihren Patienten und Klienten.

Wurde das schon mal untersucht?
Irv Binik an der McGill University hat eine Orgasmus-Checkliste erstellt. Darauf sind lauter verschiedene Adjektive und eine Skala von eins bis fünf: "Wie sehr trifft dieser Begriff auf Ihr normatives Orgasmusgefühl zu?" Um die Entspannung zu messen, müsstest du den Fragebogen anpassen und fragen: "Wenn der Orgasmus das tut, reduziert das Ihr Stressempfinden?"

Hat jemand auch nur mal ansatzweise in der Richtung geforscht? 
Barry Komisaruk von der Rutgers University hat eine 1986 veröffentliche Studie durchgeführt, in der er herausfand, dass die Schmerzgrenze von Frauen nach dem Orgasmus dramatisch erhöht ist – und nicht davor. Wenn Frauen Orgasmen haben, geht ihre Schmerzgrenze nach oben, weil Orgasmen eine analgetische Wirkung haben. Das ist belegt.

Ist das gesundheitsförderlich?
Nein, aber die Anhebung deiner Schmerzgrenze dürfte von einer Aktivierung der Opioidrezeptoren kommen.

OK, aber andere Aspekte dieses mutmaßlichen Opioid-Effekts könnten gesundheitsförderlich sein?
Opioide und Serotonin wirken sich auf den Schlaf aus. Anekdotische Berichte von Kinsey, Masters und Johnson sagen, dass viele Menschen masturbieren, um einschlafen zu können: wichsen, bum, schlafen. Du schüttest Serotonin aus. Und das lässt dich in einen tiefen Schlaf fallen.

"Hier können Pornos wirklich hilfreich sein. Menschen können Dinge sehen – egal was: Anal, Oral, Deepthroat, jemandem auf die Wange wichsen – und merken dann: 'Oh, so was geht?!'" – Jim Pfaus

In dem letzten Artikel hast du angesprochen, wie die Fantasie die sexuelle Vorstellungskraft fördert. Wie funktioniert das?
Was passiert, wenn du plötzlich alle Pornos wegnimmst? Wenn das deine einzige Methode zum Fantasieren war, dann kann das ziemlich hart sein. Du kannst die Pornos in deinem Kopf nachspielen. Aber was jetzt? Spielst du sie mit Personen nach, die du spannend findest? Mit Leuten aus deinem Stammsupermarkt? Mit deinem Nachbar? Du erschaffst Rollenspielszenarien in deinem Kopf. Du trainierst damit deine sexuellen Fantasien.

OK, aber wie verbessern diese Fantasien unser Leben?
Das ist genau das, was Sexualtherapeuten machen, wenn gelangweilte Paare zu ihnen kommen, damit wieder Erregung in die Beziehung kommt. Masters und Johnson haben das in den 1960ern getan. Sie haben Menschen zwei Wochen nach St. Louis eingeladen, wo diese mit anderen Gleichaltrigen über ihre Sexfantasien gesprochen haben. Sextherapie versucht dich zu erregen, indem du etwas tust, das du noch nie gemacht hast. Anstatt es also jeden Freitagabend im Dunkeln in der Missionarsstellung zu treiben, soll man es stattdessen im Bad, der Küche, auf einer Schaukel oder im Kinderzimmer versuchen, wenn die Kinder nicht zu Hause sind. Was auch immer, einfach ausprobieren.

Die Fantasie ist also wie eine Brille, die einem neue und aufregende Dinge in der Welt zeigt, die einen erregen können?
Genau. Und hier können Pornos wirklich helfen. Menschen können Dinge sehen – ganz egal was: Anal, Oral, Deepthroat, jemandem auf die Wange wichsen – und merken dann: "Oh, so was geht?!" Wenn du sie dann wirklich tust und wegen deiner viel höheren Erregung einen heftigen Orgasmus hast, fühlst du dich danach sicherer. Jetzt weißt du, dass du etwas magst, das du vorher vielleicht gar nicht kanntest.

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