Sex

Porträts von Menschen auf "Alternative Sex"-Webseiten

"Nur weil man auf Dogging steht, ist man ja nicht weniger ein Mensch." Wir haben uns mit dem britischen Fotografen Joshua T. Gibbons über sein neues Projekt "Sex Site" unterhalten.

von Marianne Eloise
19 Januar 2017, 3:04pm

Titelfoto: Joshua T. Gibbons

In seinem neuesten Projekt "Sex Site" erkundet der britische Fotograf Joshua T. Gibbons, wie "alternative" sexuelle Präferenzen in Großbritannien langsam akzeptierter werden—und welche Rolle das Internet dabei gespielt hat. Und diese Rolle ist natürlich riesig: Bevor es Seiten gab, wo zum Beispiel Leute mit Gummifetisch mit Gleichgesinnten in Kontakt kommen konnten, war es für viele schwer, ihre sexuellen Interessen erforschen zu können. Denn sie waren isoliert von anderen, die die gleichen Vorlieben hatten.

Für seine Reihe "Sex Site" hat Josh User auf verschiedenen "alternativen" Sexseiten und in den sozialen Medien kontaktiert und sie dann zu Hause besucht, wo er sie porträtiert hat. Von einigen hat er auch Nachrichten gesammelt, die sie in diesen Portalen zugeschickt bekommen haben. Ich habe mich mit Josh über sein Projekt unterhalten.

Alle Fotos von Joshua T. Gibbons

VICE: Wie hast du die Personen für dein Projekt ausgewählt?
Joshua Gibbons: Am Anfang ging es vor allem, ganz einfach gesagt, darum, wen ich überreden könnte mitzumachen. Ich habe mich bestimmt neun Monate auf diesen Plattformen rumgetrieben, mir eine Art Datenbank aufgebaut—auch wenn das ziemlich nüchtern ausgedrückt ist. Ich musste das Vertrauen bestimmter Personen gewinnen und genauer herausfiltern, wer für dieses Projekt in Frage kommen könnte. Das waren meiner Meinung nach eher Leute zwischen 18 und 35 und Menschen mit interessanteren Geschichten.


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Wie hast du das Thema bei potenziellen Teilnehmern angesprochen? Welche Hindernisse gab es?
Ich habe von Anfang an deutlich gesagt, was ich vorhabe. Auf diesen Websites und bei diesen Inhalten sind viele Nutzer unglaublich vorsichtig—berechtigterweise. Ich wollte niemandem etwas vortäuschen, also war ich sehr offen. Die Reaktionen waren gemischt. Einige meinten: "Toll, ich finde das richtig gut, was du da machst, und würde gern mitmachen." Andere sagten eher so was wie: "Ich verstehe nicht so ganz, was du machen willst. Du willst zu mir nach Hause kommen und mich fotografieren? Bei was?" Ich meinte dann zu ihnen, dass ich sie nur beim Bügeln fotografieren wollte, woraufhin sie meinten: "Du Weirdo! Warum das denn? Du kannst gern vorbeikommen und mich fotografieren, wie ich meiner Frau zehn Mal meine gesamte Ladung ins Gesicht spritze, aber du darfst mich nicht bei so was Alltäglichem fotografieren." Das war am Anfang ein Hindernis—die Leute davon überzeugen, dass ich kein Weirdo war. Obwohl, vielleicht bin das. Das Schwierigste war, ihnen den Eindruck vermitteln, dass ich ein interessanter und relativ normaler und vertrauenswürdiger Mensch bin.


Warum hast du dich entschieden, nur Menschen mit "alternativen" sexuellen Neigungen zu fotografieren?
Ich glaube, das Sexleben der meisten ist doch eher einfach, wie Vanille—auch wenn ich diesen Begriff hasse. Die Websites für mein Projekt waren speziell für Menschen mit "alternativen" sexuellen Präferenzen, auch wenn ich dieses Wort nicht mag. Sie haben sich auf sexuelle Präferenzen spezialisiert, die die breite Gesellschaft als "alternativ" oder "anders" bezeichnen würde. Mich hat nicht so sehr interessiert, was die Leute getrieben haben, davon habe ich schon relativ früh einen Eindruck bekommen. Ich wollte viel mehr das Vertraute, das Normale in ihrem Leben dokumentieren. Nur weil man auf Dogging steht, ist man ja nicht weniger ein Mensch. Es ist einfach etwas, das sie gerne machen und das ihnen gefällt.

Woher kommen die Nachrichten neben den Fotos?
Einige davon habe ich selbst erhalten. Als ich nach Leuten für mein Projekt gesucht habe, habe ich mir auf den Websites ein Profil angelegt und darin klar gesagt, was ich auf dieser Seite suche. Bei vielen Usern auf solchen Websites liest man oft Dinge wie: "Bitte lest mein Profil, bevor ihr mich anschreibt." Viele Leute haben meines nicht genau gelesen. Ich habe viele sexuell aggressive und ekelhafte Nachrichten von Männern erhalten. Einige der Nachrichten haben die Teilnehmer [dieses Projekts] auch von anderen Nutzern bekommen.

Warum hast du dich entschieden, die Nachrichten in dein Projekt einzubeziehen?
Ich wollte zeigen, dass es Menschen gibt, die diese Websites auch in vielerlei Hinsicht ausnutzen. Auf einigen dieser Seiten tummeln sich unglaublich viele Leute—ich würde sie "Ausnutzer" nennen—, die nur nehmen, aber nichts zurückgeben, während es anderen wirklich um die Community geht. Ich habe mit einigen Leuten geredet, denen es um Kunst ging und die echt nett waren, aber es gibt eben auch die dunkle Seite, User, die sexuell gesehen ziemlich aggressiv auftreten. Ehrlich gesagt bekommen das meist die Frauen auf diesen Websites zu spüren. Einige der Nachrichten, die sie bekommen, stellen so viel infrage. Mir war es wichtig, diese Subkulturen nicht nur als etwas total Schönes und total Progressives darzustellen. Ich wollte auch ausdrücken, dass es, wie bei allem im Leben, auch viele Arschlöcher gibt, die das ausnutzen wollen.

Gehören die Nachrichten zu bestimmten Fotos?
Die Nachrichten gehören nicht direkt zu den Geschichten der Personen, die ich fotografiert habe. Das sind eher die expliziteren Exemplare, die sie von anderen Usern auf diesen Seiten geschickt bekommen haben. Ich hätte noch so viele mehr mit reinnehmen können. In einigen Nachrichten ging es um den Prozess [des Projekts], ein paar davon sind aus Gesprächen mit Menschen, die ich fotografieren wollte, was dann aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt hat. Ich wollte, dass man den Entstehungsprozess deutlich spürt, wie ich auf die Leute zugegangen bin.


Weißt du schon, was du mit den Arbeiten machst?
Darüber denke ich gerade nach. Ich bin nicht der Typ Fotograf, der nette Coffee Table Books macht. Ich könnte mir eher vorstellen, sie als Reihe auszustellen. Ich würde das gern als Ausstellungstour in ein paar Großstädten Europas machen, als eine Ausstellung aus britischer Perspektive. Ich finde, mit dem Brexit und unserer politischen Situation leben wir gerade in interessanten Zeiten. Der Rest Europas betrachtet uns mit einem argwöhnischen, isolierten Blick, deshalb möchte ich, dass der Rest der Welt dieses Projekt sehen kann. Ich möchte zeigen, dass wir nicht komisch oder isoliert sind, und einfach nur die Menschlichkeit dieser speziellen britischen Subkultur deutlich machen. Ich habe schon immer von einer Wanderausstellung mit lebensgroßen Drucken neben den Nachrichten geträumt.

Auf seiner Website und bei Instagram findest du mehr Arbeiten von Josh. Es folgen nun noch weitere Fotos aus "Sex Site"

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