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Wie Rechtspopulisten die Sprache instrumentalisieren – und was man dagegen tun kann

Ob „Obergrenze“ oder „Umvolkung“: Rechtspopulistische Sprache macht sich auch außerhalb von AfD-Parteitagen breit. Wir haben mit einem Linguisten zusammen die Tricks der Populisten analysiert.

von Richard Diesing
23 März 2017, 6:00am

Bild: imago

Es war ein viel besuchter Vortrag auf dem 33. Chaos Communication Congress. Das langjährige CCC-Mitglied, der Linguistikprofessor und Podcaster Dr. Martin Haase, sprach auf dem jährlichen Hackertreff über die „Sprache des Populismus – Wie politische 'Gewissheiten' konstruiert werden". Wahrscheinlich liegt es an der Aktualität des Themas, schließlich gab es in letzter Zeit genügend Anlässe, sich Gedanken über rechtspopulistische Sprache zu machen. So wollte zum Beispiel Frauke Petry den Begriff „völkisch" wieder positiv besetzen und die CDU-Abgeordnete Bettina Kudla sprach in einem Tweet, in dem sie Merkels Flüchtlingspolitik kritisierte, direkt von „Umvolkung".

Dass Populisten gern diffuse Ängste schüren und vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten, ist bekannt. Haase wollte wissen: Mit welchen Strategien benutzen Populisten Sprache für ihre Zwecke? Wie lassen sich populistische Forderungen identifizieren und wie kann man ihnen möglichst effektiv begegnen? Um hinter den Parolen Muster zu entlarven, arbeitete sich Haase, der an der Uni Bamberg lehrt, durch Texte von rechten Medien wie PI-News. Dazu benutzte er Tools, die die Häufigkeit von bestimmten Schlagworten in den Texten darstellen.

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Die Mittel, mit denen Rechte Populismus betreiben, sind vielfältig. Nur einige der Beispiele, die Haase identifiziert hat: Wörter mit offener Bedeutung, Provokation, Rückgriff auf Nazi-Vokabular, Neologismen und Umdeutung von schon existierenden Begriffen. Mit dem Linguistik-Professor zusammen erklären wir an einigen Beispielen, wie Rechtspopulisten unsere Sprache kapern und sogar den Sprachgebrauch anderer damit beeinflussen.

Isolieren, Vereinfachen und Durchgreifen: Die Parole „Merkel muss weg"

Der Ruf ist zu einer Art Trend auf rechtsgerichteten Demos geworden. An ihm lassen sich laut Haase mehrere typische rechtspopulistische Erkennungsmerkmale aufzeigen. Eine Minderheit oder einzelne Person werden hier für ein Problem verantwortlich gemacht. Wenn die Minderheit oder die Person „weg" sei, so suggerieren Rechtspopulisten, sei auch das Problem verschwunden. Ebenfalls bezeichnend ist die gern geäußerte Forderung nach einem Law-and-Order-Staat, also nach einem starken und hart durchgreifenden Staat. Einen solchen Staat repräsentiert Merkel für die Demonstranten natürlich nicht.

Umdeutung von Nazi-Begriffen: „Umvolkung"

Dieser von Rechten gern verwendete Begriff stammt noch aus der Zeit des Nationalsozialismus und beschrieb die Maßnahmen, Deutsche in die von Nazi-Deutschland besetzten Gebiete Osteuropas umzusiedeln. Zuvor vertrieb man die als nicht-deutsch geltenden Bewohner der Gebiete. Die „Umvolkung" ist also ein zynisches Beispiel für einen Euphemismus.

„Heute benutzen Rechte den Begriff, um auszusagen, dass 'die Deutschen' ein Opfer einer 'Umvolkung' seien", so Haase. Zum Beispiel lautete der Titel eines 2016 erschienenen Buches des Rechtspopulisten und ehemaligen Katzenkrimi-Autors Akif Pirinçci „Umvolkung. Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden".

Formulierung mit offener Bedeutung: „Obergrenze für Zuwanderung"

Rechtspopulisten benutzen Formulierungen mit „offener Bedeutung", die man leicht anders verstehen kann, als sie eigentlich gemeint sind. Ein Beispiel für eine Formulierung mit offener Bedeutung ist Seehofers „Obergrenze für die Zuwanderung".

Dabei, so Haase, gehe es allerdings nicht um eine Obergrenze für Flüchtlinge, sondern letztlich um eine Obergrenze für die Zuwanderung. „Das hören Leute, die aus rechten Kreisen kommen, nicht, sondern sie hören 'Begrenzung' und denken 'Keine Flüchtlinge, wunderbar'", erklärte Haase schon in seinem Vortrag auf dem Chaos Communication Congress.

Strategie der Entmenschlichung: Das Märchen von der „Flüchtlingswelle"

Schon heute haben einige Begriffe, die von Rechtspopulisten geprägt wurden, Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gehalten. Zum Beispiel das Wort „Flüchtlingswelle", das auch von vielen Journalisten verwendet wird. Viele übernähmen, so Haase, solche rechtspopulistischen Begriffe und damit die Deutungsweisen der Absender. Der Begriff entmenschlicht Schutzsuchende und stellt sie als Gefahr dar. Neu ist das nicht: Schon 1993 war auf NPD-Plakaten Rede von einer „Asylflut", 2016 beschworen manche Medien wie Epoch Times oder Sputnik News sogar einen „Flüchtlingstsunami" herbei.

Schwammige Forderungen, die jeder anders versteht: „Mehr Demokratie"

Populistische Politiker und Aktivisten fordern oft und gerne mehr Demokratie. Das klingt erst einmal unverfänglich, gegen mehr Demokratie dürfte ja eigentlich niemand etwas haben, oder? Doch Populisten deuten den Begriff einfach um, wie Haase erklärt: „Mit der Forderung ist meistens so etwas wie 'wir sind jetzt dran' gemeint." Um vermeintliche „Problemfaktoren", wie bestimmte Minderheiten, zu beseitigen, berufen sich Rechtspopulisten gern auf das Recht des Stärkeren. Für Populisten heißt das, dass die Mehrheit das Sagen hat und so eine Art Vorrecht gegenüber einer Minderheit habe - dass die Vertreter gegenüber verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft eine Verantwortung haben und zu einer Demokratie auch der Schutz von Minderheiten gehört, wird ignoriert. Diese Annahme des „Recht des Stärkeren" ist neben der Forderung nach einem Law-and-Order-Staat und einer Schuldzuweisung an eine Minderheit als Grund allen Übels für Haase das wichtigste Erkennungsmerkmal populistischer Ideologie.

Was man den Strategien entgegensetzen kann

Nicht nur in rechten Texten, sondern auch an ganz anderen Stellen lohnt es sich, auf die verwendeten Argumentationen genau zu achten. Deswegen ordnet Haase zum Beispiel auch die bei Occupy Wall Street häufig verwendete Formulierung von den 1 und den 99 Prozent, bei der die 1 Prozent für eine Masse an wirtschaftlichen Problemen verantwortlich gemacht werden, dem Rechtspopulismus zu. „Man muss sich fragen, ob solche Äußerungen wirklich links sind", so Haase. Auch hier werde eine Minderheit für Probleme verantwortlich gemacht und suggeriert, dass es ohne diese Minderheit die Probleme nicht gäbe.

Für Haase müsste man für rechtspopulistische Sprache mehr sensibilisiert werden. „Populismus wirkt immer dann, wenn Leute nicht aufpassen", so Haase gegenüber Motherboard. Doch er beobachtet eine Veränderung. Für ihn haben vor allem Journalisten in den letzten Monaten mehr darauf geachtet, was für Wörter sie überhaupt verwenden – und wem sie damit ungewollt in die Karten spielen. Haase schlägt vor, sich genau zu fragen, was Wörter und Phrasen aussagen sollen, bevor man sie sich zu Eigen macht: „Wir sollten nicht nicht alles übernehmen, sondern uns vorher Gedanken machen."