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Das Video der Schnecke, die fürs Kiffen ihr Leben riskiert, ist ein dramaturgisches Meisterwerk

Warum die Schnecke es einfach nicht lassen kann – ein zoologischer Erklärungsversuch.
16.3.17
Screenshot: Youtube

In dem Clip sehen wir, wie sich eine namenlose Nacktschnecke im Schutz der Dunkelheit einen Joint gönnt – unterlegt ist das Video mit einer angemessen feierlichen Hintergrundmusik. Da auch vier Jahre nach der Veröffentlichung des Youtube-Clips noch nichts über den schleimigen Protagonisten und sein Schicksal bekannt ist, habe ich versucht, mehr über den kriechenden Kiffer herauszufinden.

Klar ist, dass die Schnecke zur Familie der Arionidae gehört, wir mir zwei Weichtierexperten erklärten. Dank ihrer braunen Färbung und der orangefarbenen Sohle können wir sie außerdem der Unterart Arion vulgaris zuordnen.

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Doch was treibt die Schnecke dazu, zum Joint zu greifen? Dazu lohnt es sich, die entscheidende Szene etwas genauer zu betrachten, denn auf dem Handy-Video ist deutlich zu erkennen, dass die kleine Nacktschnecke tatsächlich an dem Papier des Joints knabbert. Das ist nicht weiter überraschend, denn Schnecken mögen Papier. Ihre Vorliebe ist sogar so groß, dass in deutschen Gartenforen verzweifelt darüber diskutiert wird, was man tun muss, wenn Schnecken einem die Post aus dem Briefkasten wegfressen.

Eine kurze Internetsuche fördert übrigens zutage, dass es offenbar keine sonderlich originelle Idee ist, Schnecken Weed anzubieten. Besonders skurril zeigt das der Fall eines Redditors: Bereits vor zwei Jahren schilderte der Nutzer auf der Diskussionsplattform Reddit, dass es vor dem Patentamt scheinbar nicht als Erfindung anerkannt wird, eine Schnecke zum Marihuanakonsum zu zwingen. Und dann gibt es da noch diese Idioten, die eine Schnecke beinahe anzündeten, um sie zum Kiffen zu bringen. Eine andere Schnecke sagte einfach Nein zu Drogen.

Papier ist nicht der einzige Stoff, der Schnecken in Begeisterung versetzt. Sie haben außerdem einen Faible dafür, Hanfpflanzen abzufressen. Sie knabbern leidenschaftlich gerne die Blätter und Stängel an und legen ihre Eier in die Knospen. Die kleinen Kriecher sind für die Züchter eine derartige Plage, dass sie sogar ihren eigenen Platz in der Cannabis Encyclopedia erhalten haben, einem Nachschlagewerk für den Anbau und den Konsum von Marihuana.

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Wir haben trotzdem noch ein paar Fragen an das Video: Bekommen die Schnecken Fressattacken vom Hanfkonsum, weil sie ebenso wie Menschen die Wirkung des THC spüren, oder knabbern sie einfach wahllos Grünpflanzen an? Geht von getrocknetem, gerollten Gras dieselbe Anziehungskraft auf Schnecken aus, wie von lebende Pflanzen mit hohem Chlorophyll-Gehalt? Und schadet der Graskonsum den kleinen Schleimern? Da kein Rauch aus ihrem Atemloch dringt, können wir mit Sicherheit sagen, dass die Schnecke den Stoff wenigstens nicht inhaliert hat.

Um das Schicksal des Videoprotagonisten aufzuklären, haben wir zwei Zoologen gefunden, die so nett waren, sich an Antworten auf diese Fragen zu versuchen.

„Ich habe allerdings keine Ahnung, wie sich [THC-Konsum] bei ihnen auswirken würde […] schließlich wirken Nacktschnecken permanent high."

„Nacktschnecken sind als Pflanzenfresser nicht sonderlich wählerisch. Sie fressen so ziemlich jedes Pflanzenmaterial, das sie finden können, und ich schätze, das schließt auch Joints ein …?", erklärte mir die Entomologie-Absolventin Morgan Jackson. „Ich habe allerdings keine Ahnung, wie sich [THC-Konsum] bei ihnen auswirken würde, oder woran man das überhaupt erkennen könnte – schließlich wirken Nacktschnecken permanent high." Ein berechtigter Einwand.

Dr. Menno Schilthuizen stellt die These auf, dass die Schnecke eigentlich nur am Papier des Joints interessiert sei. „Viele Schnecken sind generell Abfallfresser", erklärte mir der Schneckenforscher des Naturalis Biodiversity Center in Leiden. „Sie würden definitiv die Hülle des Joints fressen, da Schnecken und Nacktschnecken eine Vorliebe für Papier haben, beim Inhalt bin ich mir da nicht so sicher."

An dieser Stelle nimmt unsere Geschichte über die bekiffte Schnecke eine düstere Wendung. Denn Studien belegen, dass Tabak ein effektiver Schnecken-Killer ist – unser kleiner Held begab sich also in Lebensgefahr, als er sich dem Joint näherte. Tabakpulver wird laut Schilthuizen dazu verwendet, gegen Schnecken als Schädlinge vorzugehen. Eine Mischung aus Tabak und Äthylalkohol lockt Schnecken geradezu in den qualvollen Tod. Falls die Schnecke sich also durch das unwiderstehliche Zigarettenpapier bis zum Inhalt des Joints vorgeknabbert hat, war das vermutlich ihr letzter Zug. Die Mischung aus Gras und Tabak düfte sie getötet oder zumindest schwer geschädigt haben.

„Ob und welche Auswirkungen das Cannabidiol im Marihuana auf Schnecken hat, weiß ich nicht", sagte Schilthuizen. Offensichtlich klafft hier eine große Lücke in der wissenschaftlichen Forschung: Obwohl es unzählige Studien über die Auswirkungen von Cannabis auf das Sehvermögen, Schwangerschaften und die allgemeine Gesundheit des Menschen gibt, ist sein Einfluss auf Schnecken nahezu unerforscht. Ein blinder Fleck, den wohl auch die dramatische Geschichte dieses Video-Helden nicht ändern dürfte.