Linus Volkmanns Umsturzprosa

11 Sätze, die sich Bands unbedingt abgewöhnen sollten

„Bitte laut hören!“ – das wirkt ähnlich, als würde man bei einem Restaurant in die Speisekarte schreiben: „Bitte sehr hungrig kommen!“

von Linus Volkmann
28 Februar 2017, 10:47am

Foto: Linus Volkmann

Von „Ohrgasmus" über „Silberling" zum „Rocken des Clubs" – Sprache kann echt wehtun. Gerade wenn Bands abseits ihrer Songtexte zum Stift greifen, ist mindestens Vorsicht geboten. Die populärsten Entgleisungen aus der Welt der Musiker-Eigenpromo hat Linus Volkmann hier mal zum ultimativen Floskel-Unfall aufgeschichtet.

Am Anfang steht das Wort. Das gilt nicht nur für die Schöpfungsgeschichte, sondern bezeichnet auch ein großes Dilemma vieler Bands. Denn bevor man sich mit ihrer Musik beschäftigt, liest man ja oftmals schon von ihnen. Gemeint sind dabei ihre Kurzbeschreibungen auf Soundcloud, das von der kleinen Schwester verfasste Porträt auf der eigenen Webseite beziehungsweise bei Facebook, außerdem kursieren von vielen Musikern selbst angefertigte Infozettel zu ihren Veröffentlichungen. All diese Formate eint der Wunsch, Musik und Band in ein gutes Licht zu stellen. Doch allzu oft wird sich dabei aus einer onkeligen Sprachmüllhalde bedient, die klingt, als sei Günther Jauch plötzlich ehrenamtlicher Musikjournalist geworden.

1. "Melden sich zurück"

Ganz ehrlich ... bei wem denn? Beim Publikum, das einen Scheiß auf ihre Existenz gibt, falls es sich dieser überhaupt auch nur erinnern würde? Sich zurückmeldende Bands sind und bleiben die schimmelige Sahne auf dem Stuhlgang des zwangsoriginellen Mucker-Sprechs. Der nächste Künstler, der diesen Satz bemühen wird, dem melde doch einfach mal Deine Faust in seinem Gesicht zurück.

2. "Vielleicht ihr persönlichstes Album"

Der Band-Hamster ist gestorben und ihr habt ihm ein Lied gewidmet? Erzählt uns mehr davon!

3. "Erfinden sich neu"

Eine ganz greise Null-Wendung aus Pop-Epochen der frühen Madonna. Nur hat diese hier allerdings im Selbstoptimierungsterror der Jetztzeit noch mal einen besonders unattraktiven Beiklang bekommen: Nie soll man mal Luft holen dürfen oder gar Verweilen, sofort tritt einem der von allen Seiten verinnerlichte Innovationszwang in den Arsch. Notiz an dich selbst: Erfinde dich ständig neu, bleib immer in Bewegung und erzähle ja allen auch noch dauernd davon. Von Bands, die sich dieser neoliberalen Ökonomie unterwerfen, hat man objektiv nichts zu erwarten.

4. "Bekennen sich zu ihren alten Wurzeln"

Und wenn es mit der ganzen Neuerfinderei nichts geworden ist, bleibt ja immer noch die schmachvolle Rückkehr zur Stagnation als großes Homecoming-Event zu etikettieren.

5. "Bitte laut anhören!"

Der geplagte Musiker erinnert sich an den einzigen Moment, an dem seine neuen Aufnahmen mal richtig gut klangen: Nach wochenlanger ratloser Arbeit an dem Material wird er von dem Studiobetreiber in den Abhörraum gebeten, dort stehen riesige Boxen, der Künstler selbst hat bereits drei bis acht Billig-Bier drinnen – nun dreht der Produzent die Regler auf. Denn auch wenn er während des Recording-Prozesses nur Dienst nach Vorschrift ablieferte und sowieso kaum Ahnung von Musik nach den Beatles zu haben scheint, der Kunde soll nach Möglichkeit doch noch mal wiederkommen – zumindest in dem abwegigen Fall, dass seine gerade fertig aufgenommene Mittelmäßigkeit doch Erfolg am Markt haben sollte. 

Also: Die Boxen pumpen, der Bass dringt tief in den prekären Körper ein, Glückshormone werden ausgeschüttet ... Ist das Album vielleicht tatsächlich nicht vollends misslungen, gar ein Meisterwerk? Nein, sorry. Tausendmal Nein, das sind einfach nur die Boxen. 

Dennoch bleibt dieser flüchtige Augenblick im Gedächtnis – und soll wieder hervorgerufen werden, wenn im Info-Zettel oder auf der eigene Webseite steht: „Unbedingt laut hören". Es handelt sich hierbei also streng genommen nicht um eine Aufforderung sondern um ein Flehen. 

Dabei wirkt ein „Bitte laut hören!" im Musikinfo ähnlich, als würde man bei einem Restaurant in die Speisekarte schreiben: „Bitte sehr hungrig kommen!"

6. "Bringen die Tanzflure zum Kochen"

Nimm den Holzlöffel aus dem Kessel und halt bloß das Maul, Gundel Gaukeley. Glaubt dir doch eh keiner.

7. "Rocken das Haus / den Club" 

„Das neue Postbank-Girokonto für fetzige Youngsters rockt!" Wer bei so einer Ansprache statt Mitleid tatsächlich Neugier in sich aufsteigen spürt, der kann das Verb „rocken" ja weiterhin auch auf Bands anwenden. Für den weniger minderbemittelten Leser erfüllt das „Rocken" allerdings nicht weniger als die Funktion eines grell blinkenden Warnschilds auf dem steht: „Vorsicht Trottel-Mucke!"

PS: Reizvoll wäre diese Floskel höchstens in ihrem Gegenteil. Also „XY beruhigen das Haus", da würde man drüber stolpern. Wer diesen Satz für seine Band haben will, er sei ihm geschenkt! Tendenziell natürlich lieber an Death-Metal-Acts denn an Chill-Out-Artists.

8. "Der neue Silberling ist da!"

Jaja, ein Silberling für den Schreiberling. Da haben sich ja gleich zwei Begriffe gefunden, die so widerlich sind, dass sie das Institut für Sprache noch nicht mal auf die Liste fürs Unwort des Jahres aufstellen würde. Und zwar vor Ekel.

Außerdem Silberling ... Was soll das sein? Natürlich eine CD, aber hey... CD? 2002 hat angerufen, sie wollen ihren Plastikschrott zurück. Wer heutzutage als Newcomer noch CDs presst, kann hinten sogar das Logo von der Sparkasse und der örtlichen Fahrschule draufdrucken. Das ist stylemäßig dann auch schon wieder egal. I don't care anymore!

9. "Ohrgasmus"

Ach, das ist gemeint mit der Aussage, dass auch Worte verletzen können.

10. "Der Name ist Programm"

Ein erkenntnisfreies Reste-Bonmot, das immer nur dann fällt, wenn es wirklich gar nichts Interessantes über einen Künstler zu sagen gibt.

Einzige Ausnahme, welche Band sich hiermit schmücken darf: Die Toten Hosen.

11. "Passen in keine Schublade"

Unnötig zu erwähnen, dass sich diesen zweifelhaften Orden vor allem jene Bands anheften, die völlig in einer solchen aufgehen. Die Erfahrung als Musikredakteur ist stets: Die Screamo-Band will eigentlich mehr als eine Screamo-Band sein, der Elektro-Popper sieht sich selbst wo ganz anders und die Shoegazing-Indie-Spackos hängen der Illusion nach, eigentlich etwas völlig Unberechenbares zu spielen. 

Das Gelaber von der „scheißdeutschen Schubladenmentalität" steht dabei seltsamerweise einer wirklich freien Musik diametral entgegen. Wo es benutzt wird, sind jene Schubladen zumindest besonders sichtbar. Höret daher die Worte, liebe genormten Schubladensprenger: Es ist keine Schande, das zu tun, was man tut. Seht es ein, gebt es zu. Das macht die Sache nicht gerade besser, aber klingt zumindest ein bisschen weniger peinlich im eigenen Bandinfo.

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