mentale Gesundheit

Depressionen rauben dir nicht nur die Seele, sondern auch die Freunde

Ich isolierte mich von der Außenwelt und verbrannte hinter mir alle Brücken. Das Resultat: Nach sechs Monaten hatte ich kaum noch Freunde.

von Patrick Marlborough
01 Februar 2017, 4:00am

Illustration: Ashley Goodall

Depressionen sind wie ein Dieb. Sie berauben dich deiner Zeit, deiner Gedanken und deines Selbstempfindens. Zuerst nehmen sie dir aber deine Freunde.

Sie arbeiten unermüdlich im Hintergrund. Bei einigen enden sie sogar im Suizid. Der Suizid oder der Suizidversuch ist ein Knall, in dem sich alles entlädt. Der vielleicht manchmal verhinderbar wäre, hätte man dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt, was davor passiert: dem Übergang in die Isolation. Dem Weg in die Düsternis der Krankheit schenken viele nicht die nötige Aufmerksamkeit. Wir diskutieren über das Ende, aber nicht über den Weg dorthin. Also wissen Freunde von Betroffenen nicht, wie sie mit Depressionen umgehen sollen – vor allem dann, wenn sich die Depressionen über einen längeren Zeitraum erstrecken.

Auf mich und mein Umfeld wirkte die Kombination aus einer bipolaren Störung, einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und Depressionen wie eine Cyanidkapsel, die mir zwischen den Zähnen steckt. Sobald mir Freunde zu nahe kamen, vergiftete ich irgendwann die Freundschaft mit.

Ich verstehe total, dass es meinem sozialen Umfeld nicht schwerfällt, einen ständig komplizierten, egozentrischen, fiesen und bewusst "anderen" Freund abzusägen. Vor allem dann, wenn sich dieser Freund vorher selbst absägt.

Einer meiner besten Freunde zog sich langsam immer weiter zurück. Er löschte alle seine Bekannten bei Facebook, antwortete nicht mehr auf Anrufe und Nachrichten und verbarrikadierte sich wie ein Einsiedler in seinem Zimmer. Wir alle wussten, was da passierte. Freunde schrieben mir auch ständig: "Hast du X gesehen? Geht es X gut? Sollten wir mal bei X vorbeischauen?" Das alles ist jetzt zwei Jahre her und keiner von uns hat jemals bei X vorbeigeschaut. Er ist nicht tot, sondern "nur" weg – abgeschieden in der einsamen Berghütte seines Verstands. Einen Freund auf diese Art und Weise zu verlieren, war so, wie einen Geist durch eine Wand schweben zu sehen: Es lässt dich verunsichert zurück.


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Letztes Jahr rutschte ich wieder in meinen Depressionstrott ab und tat das Gleiche. Ich isolierte mich von der Außenwelt und verbrannte hinter mir alle Brücken. Das Resultat: Nach sechs Monaten hatte ich mehr Freunde verloren als jemand, der plötzlich offen mit Rechtspopulisten sympathisiert.

Wenn du in einen depressiven "Winterschlaf" gleitest, ist das, als würdest du langsam Türen zumachen. Dein Gedankenapparat ermüdet, Trägheit und Verzweiflung legen sich wie ein Nebel über deinen Alltag und du hast nicht mehr die Kraft, das Konzert deines Kumpels zu besuchen, einen Kaffee trinken zu gehen oder auf eine Nachricht zu antworten. Meiner Erfahrung nach kann dich die Krankheit so sehr von deiner eigenen Scheußlichkeit überzeugen, dass du es sogar als eine Art Gefallen ansiehst, wenn du dich von deinen Freunden abkapselst.

Du machst dich unsichtbar, weil du befürchtest, mit deinem inneren Jammern allen die Laune zu vermiesen.

Illustration: Ashley Goodall

Die Angst, als Spaßbremse dazustehen, führt wiederum zu einem starken Schuldgefühl. Als depressiver Mensch schleppst du sowieso viel Schuld mit dir herum. Depressionen sind ein Strudel mit starker Anziehungskraft. Geliebte Personen, die dir gegenüber Frohmut, Mitgefühl und Sorge an den Tag legen, zermürbst du unentwegt. Es ist unmöglich, einen Menschen bedingungslos zu lieben, der diese Liebe nicht erwidern kann. Das wissen wir alle.

Wie häufig ist meine Zunge plötzlich bleischwer geworden, als ich mich nur ordentlich bedanken wollte?

Dieses "Danke" kann aus vielen Gründen unangenehm und peinlich sein. Es ist nicht leicht, der eigenen Freundin zu sagen, dass sie dich am Leben hält, indem sie einfach nur da ist und zusammen mit dir Cartoons schaut. Das verleiht einem ansonsten unverfänglichen Nachmittag nämlich direkt eine gewisse Schwere. Du drängst einer Person die Last auf, dich zu tragen und das Unheilbare zu heilen. Dabei ist diese Person dazu gar nicht in der Lage – und das muss sie auch nicht.

Ich befürchte immer, dass meine (scheinbar fehlende) Dankbarkeit zu einer endlosen Entschuldigung führt. Ich habe mich nämlich schon oft bei Menschen entschuldigt, die mich gerade wegen meiner Schwächen liebten. Leider tut es dem zwischenmenschliche Vertrauen nicht gut, wenn Beziehungspartner oder Freunde nicht verstehen können, warum man sie liebt.

Dieser Unglaube ist der perfekte Nährboden für Depressionen. Ich habe Freunden schon gesagt, dass mich ihre Gesellschaft krank macht. Ich warf meinen Eltern vor, dass sie mein Gehirn deformiert hätten. Und ich meinte zu der Person, die ich liebte, dass sie es mir erlaubt hätte, ihr einen Teil ihres Lebens wegzunehmen – und deswegen mit schuld wäre.

Man kann eine Sache über Depressionen sagen: Die Krankheit hat einen universellen Charakter, ist gleichzeitig aber auch total solipsistisch. Was uns immer als neurochemische Erfahrung erklärt wird, fühlt sich hartnäckig und einzigartig an. Diese Charakteristiken kommen dir manchmal so real vor, dass du selbst die dir nahestehenden Menschen davon überzeugen kannst. Und dann wirst du plötzlich als hoffnungsloser Fall abgestempelt.

In Kampagnen für mentale Gesundheit heißt es immer, dass du dir Hilfe suchen und auch selbst helfen sollst. Ich halte das für den richtigen Ansatz, aber die meisten Menschen besitzen dafür nicht das nötige Wissen. Das Schuldgefühl, das aufgrund dieses Defizits aufkommt, kann viel Schaden anrichten.

Genau das machte ich durch, als ich meinem Freund nicht helfen konnte. Und ich mache es heute wieder durch, wenn ich es nicht schaffe, mir selbst Hilfe zu suchen.

Die unbequeme Wahrheit sieht so aus, dass Depressionen alleine niemanden verschwinden lassen. Der Freundeskreis spielt bei diesem Verschwinden ebenfalls eine Rolle. Wegen dieser unbequemen Wahrheit vermeiden wir diese Konversation. Und weil das Mitgefühl irgendwann aufgebraucht ist.

Wenn wir einsehen, dass weder den Leidenden noch das dazugehörige soziale Umfeld irgendeine Schuld trifft, dann finden wir mit Sicherheit etwas Frieden. Durch dieses Eingeständnis verwandeln sich die Depressionen endlich in den aufdringlichen Dieb, die sie in Wahrheit sind. Und uns ist es möglich, das Leid und den Wahnsinn aus unserem Leben zu verbannen.

Falls du dir um deine eigene psychische Gesundheit oder um die eines geliebten Menschen Sorgen machst, dann findest du hier Hilfe sowie weiterführende Informationen.

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