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Unterwegs in Brasiliens "Stadt der Kleinwüchsigen"

Die Fotografin Luisa Dorr hat die Einwohner von Itabaianinha in persönlichen Bildern festgehalten.

von Ellyn Kail
28 Januar 2017, 5:00am

Maria hatte es nicht leicht. Mit sieben Jahren starben ihre Eltern und sie musste bis zu ihrem 80. Lebensjahr mit ihren Geschwistern für die Familie sorgen. Sie arbeitet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf ihrer Maisplantage in der Nähe der Stadt Itabaianinha im brasilianischen Bundesstaat Sergipe.

Wie die brasilianische Fotojournalistin Luisa Dorr erzählt, wird Itabaianinha manchmal als "Stadt der Kleinwüchsigen" bezeichnet. Das liegt an den ungewöhnlich vielen erwachsenen Einwohnern, die – wie Maria – keine 1,45 Meter groß sind. Bei insgesamt knapp 40.000 Einwohnern leben dort zwischen 70 und 150 Kleinwüchsige – das bedeutet, im Höchstfall hat einer von 266 Menschen Kleinwuchs. Nur zum Vergleich: Im Rest Brasiliens ist es einer auf 10.000.

Die Art des Kleinwuchses, die die Einwohner Itabaianinhas haben, ist anders: Ihnen allen wohnt eine genetische Mutation inne, wegen der sie kleiner sind. Trotzdem besitzen sie die gleichen Proportionen wie durchschnittlich große Menschen. Die Kleinwüchsigen-Community Itabaianinha nimmt jedoch ab. Das liegt wohl daran, dass immer mehr Mitglieder durchschnittlich große Menschen heiraten. Und der Rest gehört schon zum älteren Semester.

Dorr hat drei Tage mit den kleinwüchsigen Menschen von Itabaianinha verbracht. Anfangs hatte sie noch Probleme, der Community ihr Vorhaben zu erklären. Viele gingen nämlich davon aus, dass sie nur eine weitere Fernsehproduzentin wäre, die sie ins Lächerliche ziehen will. Dabei fühlen sich diese Menschen in ihren Körpern wohl. Auch Maria trat immer selbstbewusst auf und wünschte sich nie, größer zu sein. 

Die Fotojournalistin kam schließlich mit einem Menschen mit Kleinwuchs ins Gespräch, von dem sie einen Hotdog kaufte. Und per Facebook lernte sie einen Mann namens Sergio kennen. Der führte sie zusammen mit einem Freund durch die Stadt und lud sie zu einem Fußballspiel zwischen Menschen mit Kleinwuchs ein.

Vor ein paar Monaten erreichte Dorr die Nachricht, dass Maria im Alter von 101 Jahren gestorben ist. Rückblickend auf den Tag, den die Fotojournalistin mit ihr verbracht hat, schreibt sie: "Sie sind eine Familie mit einer schönen Geschichte. Obwohl sie ihr ganzes Leben lang hart arbeiten mussten, waren sie alle glücklich und dankbar."

Früher arbeitete der 65-jährige Valerio Fonseca Melo als Bauer und spielte Fußball. Inzwischen ist er im Ruhestand

Die 75 Jahre alte Beatriz Nascimento da Cruz besitzt einen beliebten Laden, in dem sie Süßigkeiten, Eiscreme, Wasser und so weiter verkauft. Ihr 71-jähriger Bruder Joao betrieb früher eine Bar, hat sich inzwischen aber zur Ruhe gesetzt. Beatriz ist noch Jungfrau. Ihrer Aussage nach hatte sie nie einen Freund und damals haben Kleinwüchsige nicht geheiratet. Diese Tradition führt sie heute noch fort

Der als "Dodinha" bekannte Fransico Jose dos Santos ist mit 91 Jahren der älteste Kleinwüchsige Itabaianinhas. Vor zwei Jahre stürzte er schwer, als er auf sein Pferd steigen wollte, und erlag fast seinen Verletzungen. Seine Leidenschaft für die Vierbeiner hat er jedoch nicht verloren

Bis vor drei Jahren arbeitete die 65-jährige Juvencia Maria de Melo noch auf einer Farm, wo sie Zitronen und Orangen pflückte

Die Kleinwüchsigen-Fußballmannschaft von Itabaianinha

Der 18-jährige Manuel

Maria das Piaba ist auf diesem Foto 101 Jahre alt. Sie verstarb letztes Jahr und hatte vorher in einem Haus gelebt, das ihre Familie dank kleiner Spenden bauen konnte

Der 52 Jahre alte Cruz Juárez hatte ein Alkoholproblem, sagte sich vor drei Monaten aber von der Flasche los. Auslöser war ein Unfall, durch den er in ein dreitägiges Koma gefallen war

Der 26-jährige Joaldo und seine Freundin

Die 30 Jahre alte Aldileide Francisaca da de Santana

Die 86-jährige Aninha

Der 35 Jahre alte Clecio Ribeiro arbeitet in einem Supermarkt. In seiner Freizeit macht er zusammen mit seinem Bruder Musik

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