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Hätte die Star Wars-Republik durch einen Besuch beim Frauenarzt gerettet werden können?

Vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis scheint Frauenheilkunde ein Fremdwort zu sein. Wie die irrationale Angst vor einer Geburt die gesamte Galaktische Demokratie zerstörte.

von Sarah Jeong
02 Februar 2017, 1:42pm

Den ersten sechs Star Wars-Filmen liegt ein zentraler, allumfassender Konflikt zugrunde: der Sturz einer demokratischen Republik in eine autoritäre Diktatur. Ein Schlüsselelement dieses politischen Umbruchs ist Anakin Skywalkers Übertritt zur Dunklen Seite der Macht und seine Verwandlung in Darth Vader. Die Erzählweise des galaktischen Epos legt nahe, dass der Zerfall der Republik und der Niedergang von Anakin Skywalker eng miteinander verknüpft sind – schließlich wurde einst prophezeit, dass der junge Anakin die Macht wieder ins Gleichgewicht bringen würde. Tatsächlich fallen auch Darth Vaders spätere Läuterung und sein Tod mit dem Untergang des Imperiums und dem Beginn der Neuen Republik zusammen.

Anakins Annäherung an die Dunkle Seite der Macht beginnt bereits in Episode II mit dem Tod seiner Mutter, doch erst die Geschehnisse in Episode III sind für seine Verwandlung in den dunklen Sith-Lord verantwortlich. Vereinfacht ausgedrückt, verbündet sich Anakin Skywalker mit Palpatine, weil er hofft, mit Hilfe der Dunklen Seite das Leben seiner geliebten Padmé retten zu können. Bei genauerer Betrachtung wirken die Gründe für seine Metamorphose jedoch extrem merkwürdig.

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Kurz nachdem Padmé ihm von der Schwangerschaft erzählt, träumt Anakin, dass sie während der Entbindung stirbt. Da er bereits kurz vor dem Tod seiner Mutter einen ähnlich prophetischen Traum hatte, lässt sich Anakin auch nicht von Padmés beruhigenden Worten („Das war doch nur ein Traum!") am nächsten Morgen beschwichtigen. Nach diesem Albtraum ist es bei dem jungen Jedi endgültig vorbei mit der Lässigkeit.

Anakin erwacht schweißgebadet nach der Todesvision | Bild: imago

Im Verlauf des Films steigert der Jedi sich so sehr in seine Panik um die Gebärmutter seiner Frau hinein, dass er sogar unschuldige Jedi-Schüler abschlachtet – weil ihm einfach kein anderer Weg einfällt, um Padmé vor den gefürchteten Schwangerschafts- und Geburtsrisiken zu schützen. Wäre es nicht einfacher gewesen, wenigstens erst einmal zum Gynäkologen zu gehen?

Padmé hat keinen Schimmer, wie viele Kinder sie zur Welt bringt

In Episode III gibt es keine einzige Vorsorgeuntersuchung. Trotz Anakins rasant wachsender Paranoia über Padmés Gesundheitszustand werden Ärzte oder Krankenhäuser nicht einmal erwähnt.

Dass Padmé während ihrer Schwangerschaft kein einziges Mal beim Arzt war, ist offensichtlich: Als sie Anakin gegen Ende des Films – wenige Stunden vor der Entbindung – ein letztes Mal konfrontiert, spricht sie von „unserem Kind" statt von „unseren Kindern". Die Mehrlingsschwangerschaft absichtlich zu verschweigen, macht an dieser Stelle absolut keinen Sinn. Schließlich versucht Padme durch ihren emotionalen Appell, den Vater ihrer ungeborenen Kinder auf die Helle Seite der Macht zurückzuziehen. Padme weiß schlicht und ergreifend nicht, dass sie kurz davor ist, Zwillinge auf die Welt zu bringen. Selbst die ansonsten sehr weitsichtigen Jedi-Meister Joda und Obi-Wan Kenobi sind von diesem Plot-Twist sichtlich überrascht.

Somit ist es sehr naheliegend, dass Padmé während der gesamten Schwangerschaft weder einen Ultraschall- noch eine andere Vorsorgeuntersuchung hatte.

Wahrscheinlich gibt es im Star Wars-Universum gar keine Frauenärzte

Falls es in ihrer Galaxie irgendeine Art von Schwangerenversorgung geben sollte, gibt es keinen plausiblen Grund, warum Padmé diese nicht auch in Anspruch nehmen sollte. Schließlich wird ihr Mann gerade von der Vorstellung, dass sie bei der Geburt sterben könnte, vor ihren Augen in den Wahnsinn getrieben. Warum sollte sie dann nicht einmal versuchen, seine Ängste durch einen einfachen Arztbesuch zu beschwichtigen?

Und selbst wenn Gesundheitsleistungen in dieser Galaxie – so wie in unserer Welt – nicht für jeden zugänglich wären, sollte das für Padmé kein Problem darstellen. Schließlich ist sie eine angesehene Senatorin in Coruscant, der Hauptstadt der Galaktischen Republik. Allein ihre ständig wechselnden Outfits sind ein sicheres Indiz dafür, dass sie eine wohlhabende Frau ist. Padmé wohnt in einem schicken Penthouse in der am dichtesten besiedelten Stadt der Galaxie – falls es in hier für irgendwen medizinische Betreuung gibt, dann für Frauen wie Padmé.

Bild: imago

Auch gibt es keinen Grund, warum Padmé und Anakin nicht gemeinsam zu einem Frauenarzttermin gehen sollten. Im Gegensatz zu ihrer Ehe macht Padmé aus ihrer Schwangerschaft kein Geheimnis. Sie nimmt nach wie vor an den Senatssitzungen teil und als Obi-Wan sie besucht, ist ihr Babybauch gut sichtbar und wird sogar vom Jedi-Ritter kommentiert. Es gibt zahllose Vorwände, unter denen Anakin Zeit mit Padmé verbringen und sie sogar zu einem Arztbesuch begleiten könnte. Schließlich ist sie eine Senatorin und er wird als Jedi ständig als Bodyguard mit Superkräften für Politiker eingesetzt (so auch für Padmé in Episode II).

Sollte das Paar immer noch vor einem gemeinsamen Arztterminh zurückschrecken, könnte sie auch einfach alleine hingehen. Schließlich steht ihr nicht mit Leuchtbuchstaben „ANAKIN SKYWALKER IST DER HEIMLICHE VATER MEINES KINDES" auf der Gebärmutter geschrieben.

Die fehlende medizinische Versorgung treibt Anakin in den Wahnsinn

Selbst wenn man fürchtet, dass die eigene Ehefrau in naher Zukunft an Geburtskomplikationen sterben könnte, ist die logische Schlussfolgerung für die meisten Menschen nicht: „Um sie zu retten,  sollte ich beim Aufbau einer Diktatur mithelfen und dann kleine Kinder ermorden." Doch genau zu diesem Schluss kommt Anakin.

Möglicherweise ist Anakin einfach grenzenlos dumm – auch diese Theorie ist nicht völlig abseitig. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass dem jungen Paar in ihrer Hightech-Welt keine medizinischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um die Ängste des werdenden Vaters angemessen aus dem Weg zu räumen. Und so geht Anakin in seiner Verzweiflung eben direkt dazu über, den Jedi-Orden und alle seine Wertvorstellungen zu verraten.

Im Star Wars-Universum scheint alles, was mit der Geburt und dem weiblichen Körper zusammenhängt, mit einem großen Fragezeichen versehen zu sein.

In einer Galaxie, in der man tödliche Wunden in hochentwickelten Bacta-Tanks heilen und abgeschlagene Gliedmaßen mit hochentwickelten Cyborg-Prothesen ersetzen kann, ist die Frauenheilkunde offensichtlich im Mittelalter stecken geblieben.

Zum Vergleich: Am Ende von Episode III werden Anakin drei Gliedmaße abgehackt und er fällt in brodelnde Lava – er überlebt.

Seine Frau bringt unter ärztlicher Aufsicht zwei Kinder zur Welt – sie stirbt.

Padmés „Lebenswille"

Seit meinem ersten Tweet zur Frauenarzt-Handlungslücke habe ich unzählige Nachrichten von Männern erhalten, die mir vorwerfen, ich würde mit meinem „Feminismus" Die Rache der Sith ruinieren. An und für sich ein historischer Moment, denn das ist wohl das erste Mal in der Filmgeschichte, dass irgendwer die Star Wars-Prequels gegen Kritiker verteidigt. Besonders häufig wurde mir auf Twitter entgegen geschleudert, dass Padmé gar nicht an medizinischen Komplikationen gestorben sei, sondern dass sie lediglich ihren „Lebenswillen" verloren habe.

Doch das ist eigentlich völlig irrelevant. Ich behaupte schließlich nicht, dass Padmé an starken Blutungen oder Eklampsie gestorben ist. Mein Argument ist, dass Anakins Verwandlung in Darth Vader durch seine Angst ausgelöst wurde, Padmé könne bei der Geburt sterben. Padme stirbt jedoch, nachdem er zur Dunklen Seite übergelaufen ist: somit ist ihre tatsächliche Todesursache irrelevant.

Abgesehen davon ist die Diagnose, dass Padmé ihren „Lebenswillen" verloren hat, ziemlich schwachsinnig: Ein kleiner Medizindroide überbringt Obi-Wan und Yoda, die Padmé durch eine Glasscheibe beobachten, die Nachricht, dass niemand den medizinischen Grund für die rapide Verschlechterung ihres Zustands kenne.

Nachdem der Droide erklärt, dass niemand weiß, was Padmé fehlt, verkündet er, sie habe ihren „Lebenswillen" verloren. Wo liegt denn da die Logik? Warum sollte ein Droide überhaupt darauf programmiert sein, „Lebenswillen" festzustellen? Ich zweifle die fachliche Kompetenz dieses Droiden stark an.

Natürlich darf man postnatale Depressionen nicht unterschätzen. Auch kann ein emotionaler Schock tatsächlich zum Tode führen. Allerdings sind das echte medizinische Diagnosen, deren Symptome erkannt und behandelt werden können. Dasselbe gilt für den Würgegriff, den Anakin mithilfe der Macht bei Padmé anwendet, als sie ihn konfrontiert. Ein Würgegriff – Macht hin oder her –  ist eine körperliche Ursache für eine Verletzung. Falls Padmé also an postnatalen Depressionen, emotionalem Schock oder einem zerquetschten Kehlkopf gestorben sein sollte, beweist das einfach nur die komplette Inkompetenz des Droiden-ER-Teams.

Menschen können tatsächlich an gebrochenem Herzen sterben
 
Die Trauer um einen geliebten Menschen kann auch abseits der Kinoleinwand zum Tod führen. In der Medizin ist dieses Phänomen unter dem Namen Stress-Kardiomyopathie oder Gebrochenes-Herz-Syndrom bekannt.

Eine Studie des New England Journal of Medicine aus dem Jahre 2005 stellte fest, dass Stresshormone zu einer schwerwiegenden Funktionsstörung des Herzmuskels führen können. Die Symptome kommen einem Herzinfarkt gleich und auch wenn die meisten Leute sich wieder vom Anfall erholen, kann er dennoch tödlich verlaufen.

Im Endeffekt wirkt sich das Gebrochene-Herz-Syndrom ebenso aus wie herkömmliches Herzversagen: Die linke Herzkammer verkrampft sich wie bei einem Herzinfarkt, der durch blockierte Arterien verursacht wird. Dennoch werden Herzprobleme von dem Medizin-Droiden mit keiner Silbe erwähnt.

Auch postnatale Depressionen gibt es wirklich

Schwere Depressionen nach der Entbindung sind keine Seltenheit und sind ein ernstzunehmender Gesundheitszustand, der behandelt werden sollte. Doch im echten Leben sind postnatale Depressionen glücklicherweise noch lange kein Grund, unmittelbar den Löffel abzugeben. Sollte Padmés Tod tatsächlich auf unerträgliche Trauer zurückzuführen sein, könnte man doch annehmen, dass die Medizin-Droiden Depressionen wenigstens einmal als mögliche Ursache in Betracht ziehen könnte. Doch auch postnatale Depressionen scheinen bei der Diagnose keine Rolle zu spielen. Im Star Wars-Universum scheint alles, was mit der Geburt und dem weiblichen Körper zusammenhängt, mit einem großen Fragezeichen versehen zu sein.

Palpatine hat Padmé nicht umgebracht

Nach meinem Tweet versuchten mich Männer reihenweise davon zu überzeugen, dass Palpatine Padmés Lebenswillen zerstört habe. Doch dieses Argument entbehrt jeder Logik.

Erstens wird Palpatines Schuld an Padmés Tod im Film mit keinem Wort erwähnt oder angedeutet.

Zweitens gibt es in keinem der Star Wars-Filme Hinweise darauf, dass ein Jedi oder Sith jemandem aus großer Entfernung Schaden zufügen kann. Zugegeben, Jedi und andere Macht-sensible Wesen können den Tod von Menschen auch aus der Entfernung spüren. So fühlt Obi-Wan beispielsweise die Zerstörung von Alderaan ( Eine neue Hoffnung), Joda fühlt den Tod verschiedener Jedi in der ganzen Galaxie ( Die Rache der Sith), und Leia spürt Han Solos Tod ( Das Erwachen der Macht). Doch Menschen körperlich anzugreifen ist eine ganz andere Hausnummer.

Lucas kommt mit diesem erzählerischen Kunstgriff durch, weil sein Publikum akzeptiert, dass Entbindungen unendlich mysteriös sind

Es gibt mehrere Szenen, in denen Darth Vader andere Menschen mithilfe der Macht erwürgt. Diese Leute befinden sich jedoch normalerweise im selben Raum wie er. Die einzige Ausnahme bildet Admiral Ozzel in Das Imperium schlägt zurück, der per Konferenzschaltung von Vader getötet wird. Allerdings befinden sich sowohl Admiral Ozzel und Darth Vader zu dieser Zeit in der Umlaufbahn des Planeten Hoth. Daher ist es naheliegend, dass sich beide Parteien für einen erfolgreichen Macht-Würgegriff zumindest im selben Sternesystem aufhalten müssen.

Selbst wenn Palpatine dazu in der Lage wäre, jemanden am anderen Ende des Universums mithilfe der Macht zu töten oder auch nur aufzuspüren, dann wäre Padmé wohl nicht ganz oben auf seiner Liste. Man könnte erwarten, dass er sich dann mindestens auch Obi-Wan vorknöpft, der Padme zum Zeitpunkt ihres Todes begleitet.

Selbst wenn Padmé an ihrer Trauer stirbt, ist Anakins Angst vor der Geburt eine direkte Ursache für ihren Tod

Wie bereits erwähnt, ist Padmés konkrete Todesursache letztlich irrelevant. Selbst wenn wir die schwache Argumentationskette akzeptieren, dass Padmé ihren Lebenswillen verloren hat und vor Trauer um Anakin stirbt, so wird diese Trauer durch Anakins völlig überzogene Paranoia vor ihrem möglichen Tod ausgelöst. Wenn Anakin sich nicht über alle Maßen wegen des tödlichen Potenzials von Padmas Gebärmutter verrückt gemacht hätte, hätte er sich der Dunklen Seite gar nicht erst angeschlossen.

Für George Lucas zählt das scheinbar als Ironie des Schicksals. Überhaupt scheint Lucas die allgemeine Unwissenheit zum Thema Geburt als Joker zu nutzen, um alle möglichen Phänomene zu erklären. Beispielsweise, warum Anakin von heute auf morgen alle Prinzipien über Bord werfen kann und sich gegen alles stellt, was ihm wichtig ist. Oder warum Padmé von einem Moment auf den anderen ohne sichtbaren Grund stirbt.

Und das alles wegen Gebärmutter-Paranoia? Bild: imago

Lucas kommt mit diesem erzählerischen Kunstgriff durch, weil sein Publikum akzeptiert, dass Entbindungen unendlich mysteriös sind. Geburtskomplikationen sind eben nicht so einfach behandelbar wie der Verlust von Körperteilen – denn diese können problemlos durch Cyborg-Prothesen ersetzt werden. Kinder zu bekommen ist schließlich sehr viel krasser, als von einem Wampa-Schneemonster zerfleischt zu werden oder von Lichtschwertern verstümmelt in einen reißenden Lavastrom zu fallen. Lucas kann sich eine solche Welt ausdenken und – schlimmer noch –  das Publikum akzeptiert es einfach.

Doch Gebärmütter sind gar kein bösartiges Hexenwerk. Und im Gegensatz zu Lichtschwertern sind weibliche Körper echt. Sie können studiert, verstanden und, wenn nötig, auch geheilt werden. Insgesamt sollte die Öffentlichkeit viel besser über reproduktive Gesundheit aufgeklärt werden. Reproduktionsgesundheit sollte genauso ins Allgemeinwissen übergehen wie verstauchte Knöchel, Karies oder Herzinfarkte, von denen jeder wenigstens eine ungefähre Vorstellung hat. Es ist eine Schande, dass immer noch so viel Ignoranz zu eigentlich alltäglichen Themen wie Schwangerschaften und Geburten herrscht.

Und wenn der Galaktische Senat etwas mehr staatliche Mittel für Aufklärungsunterricht und Familienplanung zur Verfügung gestellt hätte, wäre die Republik vielleicht nicht einer faschistischen Diktatur zum Opfer gefallen.