Dschungelcamp

Wir haben Ex-Dschungelcamper gefragt, wie die Show ihr Leben verändert hat

"Reingegangen bin ich als arrogantes Fernseh-Arschloch. Rausgegangen bin ich als der Mensch, der ich war, bevor ich mit Fernsehen angefangen habe."

von VICE Staff
25 Januar 2017, 5:00am

Titelcollage: Lisa Ziegler | Carsten Spengemann: bam | Antonia Langsdorf: Marilen de Schrevel

Als die erste Staffel von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! lief, war Gerhard Schröder Bundeskanzler, weder Polen noch Ungarn gehörten zur EU und im Radio liefen Lieder wie "Augen auf" von Oomph! (Den Ohrwurm gibt's gratis zum Text. Gern geschehen.) Das war 2004, seitdem ist das Dschungelcamp im deutschen Fernsehen so beharrlich kleben geblieben wie das Grinsen in Alexander "Honey" Keens Gesicht. Nachdem die erste Staffel der Show mit acht Millionen Zuschauern die feuchtesten Träume aller RTL-Showredakteure erfüllte, jagte der Sender noch im selben Jahr gleich die zweite Staffel hinterher. Auch 13 Jahre später ist das Verspeisen von wabbelnden Maden durch deutsche C-Prominenz fester Bestandteil des deutschen Trash-TV-Kalenders. Zur Eröffnungsfolge der aktuellen Staffel hingen wieder über sieben Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen, um den Kandidaten beim Überlebenskampf um ihre Würde zuzusehen. Nach gut zwei Wochen ist das Ganze dann vorbei, die Zuschauer befriedigt und die Kandidaten – ja, was ist eigentlich mit denen? Wie geht das Leben weiter, nachdem man buchstäblich vor der ganzen Nation durch den Dreck gezogen wurde? Folgt auf das Dschungelcamp der gewünschte Karriereschub? Reichtum? Spirituelle Erleuchtung?

13 Jahre sind seit den ersten beiden Staffeln vergangen. Wir haben zwei Kandidaten gefragt, wie sie die Show mit über einem Jahrzehnt Abstand sehen. Und was die Teilnahme mit ihrem Leben gemacht hat.

Antonia Langsdorf, 54, Astrologin, Moderatorin und Buchautorin, Teilnehmerin der ersten Staffel 2004

"Ich war bei RTL Wetterfee und TV-Astrologin, als ich vom Sender angefragt wurde, ob ich Lust hätte, bei einer neuen Show mitzumachen. Als Beispiel wurden mir Ausschnitte aus der britischen Version von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus gezeigt. In den kurzen Clips sah man Promis, die gemeinsam durch den Matsch robben oder längere Zeit im Dunkeln eingesperrt sind. 'Bisschen fies, aber noch machbar', dachte ich mir damals. RTL machte mir außerdem das Angebot, mich durch die Show als Astrologin bekannter zu machen. Ich sollte den anderen Teilnehmern im Camp die Sterne deuten und mit ihnen über astrologische Themen sprechen. Also sagte ich zu, allerdings für eine Gage im unteren fünfstelligen Bereich, absolut nicht zu vergleichen mit den Honoraren von heute.

Wir Kandidaten der ersten Staffel sind fast alle zu naiv in die Show gegangen. Von irgendwelchen ekligen Dschungelprüfungen, bei denen man Maden essen muss, hat keiner von uns gewusst. Nach ein paar Tagen waren wir alle vollkommen fertig mit den Nerven. Das australische Klima hat schon gereicht, aber es waren auch die Psychofallen. Zum Beispiel musste man jedes Mal, wenn man nachts mal raus musste, jemanden wecken, der einen begleitet – das war hart. Mich hat es gerettet, dass ich in den acht Tagen, in denen ich im Camp war, in keine einzige Dschungelprüfung musste. Der Kakerlakensarg, in den Daniel Küblböck musste, hätte mich vollkommen traumatisiert. Oder irgendwelche Tiere zu verspeisen – ich kann nicht mal Tabletten ohne Flüssigkeit schlucken! Aber immerhin hatten wir einen starken Zusammenhalt in unserer Truppe. Wir waren ein Team mit Niveau, weil wir alle noch ein Leben außerhalb des Reality-TVs hatten. Das war auch ursprünglich das Konzept der Sendung: Wie schlägt sich der Nachrichtensprecher oder der Schlagersänger im Dschungel? Aber die Teilnehmer der jetzigen Staffeln kennt man nur noch, weil sie vorher schon mal in irgendeiner Reality-Show dabei waren. Ganz im Ernst: Wer bitte ist Gina-Lisa Lohfink?

Als die erste Staffel ausgestrahlt wurde, war sie ein Riesenerfolg – das hatte ich übrigens vorhergesagt. Aber mein Beitrag als Astrologin wurde in der Ausstrahlung kaum gezeigt, obwohl ich mit den anderen Teilnehmern oft über ihre Sterne gesprochen habe. Trotzdem hat die Show meinen Bekanntheitsgrad um 500 Prozent gesteigert. Das Interesse der Medien an mir war riesig! Leider hat das meinen Status im Sender ganz merkwürdig verändert. Ich möchte mich nicht beklagen und das ist auch alles lange her, aber einige Kollegen haben den ganzen Rummel um das Dschungelcamp viel wichtiger genommen als ich – und ich habe mich ehrlich gesagt gemobbt gefühlt. Alles in allem war das Dschungelcamp also, im Nachhinein betrachtet, eine lehrreiche, aber nicht gerade angenehme Erfahrung.

Die Moral der ganzen Geschichte lautete darum für mich: Nie wieder Reality TV! Mich haben noch oft Reality-Shows angefragt, zum Beispiel Promi-Frauentausch oder Promi Big Brother, aber ich würde nie wieder an einer Sendung teilnehmen, die derart in meine Privatsphäre eingreift. Ich habe gerne mal bei Das perfekte Promi-Dinner gekocht oder war mit meinem Hund bei einem TV-Hundeprofi zu Besuch, denn das sind angenehme, zivilisierte Formate. Ins Dschungelcamp würde ich nie wieder gehen, egal, wie viel Geld RTL mir bieten würden. Als Astrologin bin ich mittlerweile erfolgreich mit meinem YouTube-Kanal. Dieses Medium ist perfekt für mich, niemand quatscht mir dazwischen oder erzählt mir, was die Zuschauer angeblich sehen wollen und was nicht."

Carsten Spengemann, 44, Moderator und Schauspieler, Teilnehmer der zweiten Staffel 2004

"Dass ich in der zweiten Staffel ins Dschungelcamp eingezogen bin, war ein Zufall – aber einer, der meinen Lebensweg ziemlich verändert hat. Dem Sender war jemand ausgefallen und mein damaliger Chef bei RTL meinte kurzerhand: 'Komm, du machst das jetzt.' Zu dieser Zeit hatte ich einen ziemlichen Höhenflug. Ich moderierte Deutschland sucht den Superstar vor bis zu 15 Millionen Zuschauern und war, wenn ich mal ehrlich bin, eine ziemlich arrogante Fernseh-Nase. Das Individuum wird durch sein Umfeld geprägt, das wusste schon Darwin. Ich habe mich fast nur mit Fernsehleuten umgeben und war manchmal ein ziemliches Arschloch. Dann saß ich im Dschungelcamp und hatte auf einmal Zeit. Viel Zeit. Im Fernsehen sieht es so aus, als sei für die Kandidaten ständig etwas los, aber eigentlich hast du am Tag nur eine Schatzsuche oder Dschungelprüfung. Und den Rest der Zeit konnte ich nachdenken. Ich saß vorm Feuer und habe mich gefragt: Was machst du eigentlich? Warum vernachlässigst du deine Freunde und deine Familie für diesen Job? Warum nehmen dich die Menschen so wahr, wie sie es tun? Was gefällt dir am Fernseh-Business überhaupt? Als ich nach rund zwei Wochen aus dem Dschungelcamp raus kam, habe ich mich wieder wie der Mensch gefühlt, der ich war, bevor ich mit Fernsehen angefangen habe. Ich habe dann den Reset-Knopf für mein Leben gedrückt und eine lange Pause gemacht. In dieser Zeit habe ich mich wieder mehr ums Theaterspielen gekümmert, um meine Familie und viel Sport getrieben. Danach habe ich einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Ich habe beschlossen, keine Fernsehsendungen nur um des Fernsehens willen mehr zu machen. Ich will nur noch bei TV-Formaten dabei sein, die ich mir selber mit einer Tüte Chips auf der Couch angucken würde. Im Dschungelcamp habe ich gelernt, dass ich Reality TV wirklich mag. Ich liebe sportliche Herausforderungen und Teamarbeit, aber vor allem mag ich es, dass die Zuschauer mich bei solchen Formaten wirklich kennenlernen können. Dann sehen sie mich nicht nur glamourös im Anzug auf der Bühne, sondern schwitzend im Dschungel, wie ich mir über genau die gleichen Probleme den Kopf zerbreche, wie sie zu Hause auch. Seit dem Dschungelcamp war ich in vielen Reality-Formaten mit dabei, zum Beispiel bei Die Alm, Die Pool Champions – Promis unter Wasser oder Ich bin ein Star – Lasst mich wieder rein. Je sportlicher eine Sendung ist desto besser. Formate wie Die Alm, wo es darum ging, richtig hart körperlich zu ackern, mochte ich darum auch lieber als das Dschungelcamp.

Ich sehe das Dschungelcamp immer noch gern, aber an die erste und zweite Staffel kommen die neuen Folgen nicht ran. Mir fehlen die Inbrunst und die echten Emotionen bei den Kandidaten. Es stört mich wirklich, dass die Teilnehmer so unmotiviert sind. Entweder man entscheidet sich für so eine Show, oder man lässt es. Darum würde ich auch jederzeit wieder ins Dschungelcamp gehen, wenn RTL mich fragen würde. Ich glaube, mit der Erfahrung, die ich mittlerweile gesammelt habe, könnte ich in der Show einiges bewegen." 

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