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„brutalo-horror-foul"

Fußballfans sind so abgestumpft, dass sie das Horror-Foul an Kohr verharmlosen

Der Augsburger Dominik Kohr wurde von Mainz-Profi Rodriguez blutig gegrätscht. Während sich die Medien mit Brutalo-Superlativen überbieten, sehen gelangweilte Facebook-User gar kein Foul.
19.9.16

„Augsburgs Kohr schwer verletzt—Brutalo-Foul schockt die Bundesliga", haute die Bild in ihre Titelzeile. Das Foul des Mainzer Mittelfeldspielers José Rodriguez am Augsburger Dominik Kohr in der Nachspielzeit führte nicht nur zu einer Roten Karte, sondern zu einem Aufschrei in der Sportmedienwelt. Spieler, Fans und auch TV-Zuschauer hörten den lauten Knall, als Rodriguez unnötig in der Nachspielzeit des schon sicheren Sieges in Kohrs Bein reinrauschte. Anschließend blutete Kohr so schlimm, dass es neben aufgebrachten Augsburgern auch durchweg wütende Mainzer gab.

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Der 05-Profi Giulio Donati hatte auf dem Platz Tränen in den Augen: „Ich wollte erst den Schiedsrichter um eine Gelbe statt Rote Karte bitten. Dann habe ich den Fuß gesehen, das war ein Schock. Ich kann nur um Verzeihung für meinen Mitspieler bitten." Und auch die anderen Mainzer rügten eher ihren Mitspieler, statt ihn—wie das sonst so passiert—subjektiv mit Vereinsbrille zu schützen. „Es war eine sehr dumme Aktion von unserem Spieler, der war total übermotiviert", fasste Daniel Brosinski zusammen. Der FSV-Trainer fand noch harschere Worte für seinen Spieler: „Er hat uns die Freude genommen", erklärte Martin Schmidt und drohte mit einer Geldstrafe. „Dieses böse Gesicht ist nicht das Gesicht von Mainz 05. Wir werden das sanktionieren."

Ich wollte erst den Schiedsrichter um eine Gelbe statt Rote Karte bitten. Dann habe ich den Fuß gesehen, das war ein Schock.

Bei Kohr gibt es Entwarnung: Trotz des lautem Knall soll er sich laut Kicker keine Knochenbrüche zugezogen, sondern nur eine Fleischwunde erlitten haben. Dennoch war das Foul—wie es auch alle Beteiligten sahen—ein übles. Rodriguez rauschte mit vollem Tempo und offener Sohle von hinten in den gerade passenden Kohr rein. Der 21-jährige Spanier traf das Bein zwar nicht frontal, sodass der Knochen nicht brach, sondern fräste ihm mit seinen Stollen eine blutende Fleischwunde ins Bein. In den sozialen Netzwerken wurde das Foul daher kleiner geredet, als es war.

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Neben den klassischen Forderungen vieler Fußballfans für eine Sperre in der Länge der Verletzungszeit, sahen einige Beobachter das Foul als normalen Zweikampf an. „Normales Foul in der Kreisliga", schrieben die Einen. Andere fanden: „Brutal ist was anderes" oder „Gibt's jedes Wochenende solche Fouls". Eine Userin offenbarte schließlich mit ihrem Kommentar die Abstumpfung und den verbreiteten Irrglauben vieler Fans: „…so krass sieht das in dem Video mal gar nicht aus".

Beinahe wöchentlich rauschen Videos rechtwinkliger Wadenbeinbrüche oder um 360-Grad verdrehte Sportler-Knie über unsere Timelines. Kein Wunder, dass bei einem solchen medialen Aufschrei samt hochgebauschter Superlative die Ernüchterung bei einigen Fans einsetzt. Ein Bein, das nicht bricht, schockt nicht mehr—zumindest wenn in HD keine Blutfontäne aus dem Fuß spritzt. Für den TV-Zuschauer waren das Blut und auch Kohrs Schmerzen weniger zu fassen, als für die durchweg schockierten Mit- und Gegenspieler. Aber jeder, der schon mal selbst in einem Zweikampf gefoult wurde, weiß um die Härte dieser Aktion und kann sich ungefähr die Schmerzen ausmalen. Selbst wenn solche Fouls in unteren Ligen ebenfalls häufig vorkommen, relativiert es das unnötig-brutale Foul von Rodriguez an Kohr? Eine böse Absicht sollte man Rodriguez nicht unterstellen, doch solche Fouls müssen bestraft werden—sonst haben wir bald keine Spieler mehr.

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