revier-rivalität

Wir haben Schalke-Fans gefragt, warum sie Dortmund hassen

Schalker und Dortmunder können sich nicht leiden. Doch gibt es überhaupt einen Grund dafür, oder braucht es nur jemanden, den man als Fan hassen kann? Wir haben versucht, dieses Rivalität zu entschlüsseln.

von Leonie Hain
28 Oktober 2016, 10:55am

Alles Fotos: Leonie Hain

Kevin Großkreutz sagte mal: „Für kein Geld der Welt würde ich dort spielen. Schalker hasse ich wie die Pest!" Ein Satz, so drastisch und bezeichnend für die tiefe, tiefe Abneigung, die ein Vollblut-Borusse nun mal gegenüber seinem Erzrivalen aus Gelsenkirchen empfindet. Und er kann sich sicher sein, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Das Vokabular der Hassrhetorik zwischen den beiden größten Fußballrivalen aus dem Ruhrgebiet ist gefühlt unendlich. Dabei fragt man sich als Außenstehender, wo diese Antipathie herkommt. Klar, man ist faktisch Nachbar, aber ideologische Grabenkämpfe gibt es nicht wirklich. Liegt es an der Notwendigkeit, dass man jemanden auf der anderen Seite braucht? Ein gemeinsamer Feind schweißt schließlich zusammen und fördert die Identität. Oder gibt es vielleicht doch einen mehr als plausiblen Grund für die Rivalität? Wird sie anno 2016 heftiger ausgelebt oder wird das Augenzwinkern immer unausweichlicher? Wir waren am letzten Wochenende unterwegs und haben Schalker gefragt, was sie eigentlich gegen Dortmund haben.

Kai & Vitor

VICE Sports: Ihr habt mir gerade gezwitschert, dass ihr den BVB „einfach scheiße" findet. Warum eigentlich?
Kai: Erstens weil die Schwarz-Gelb tragen, zweitens weil das „der Feind" ist und drittens, weil man das schon mit in die Wiege gelegt bekommt.
Vitor: Ich finde den Dortmunder Sportverein scheiße, weil er keine Tradition hat. Als der Erfolg nicht da war, war das Stadion leer. Dat gibbet auf Schalke nicht. Schalke ist immer voll. Selbst als Tabellenletzter sind alle hier und alle fiebern mit. Das ist auf Dortmund anders. Sobald die hinten liegen, hält die Kurve ihre Fresse.

Könnt ihr uns unwissenden Menschen da draußen mal kurz erklären, wie diese Rivalität eigentlich zustande kam?
Kai: Nein, kann ich nicht, die sind einfach scheiße.
Vitor: Das war ja mal so, dass Dortmund Schalke um Hilfe gebeten hat. Das ist jetzt auch schon Jahre her. Die Dortmunder haben sich dafür nicht bedankt. So kam das.
Kai: Ich sage ja, die sind einfach scheiße.

Okay, ich habe verstanden: Dortmund ist ein schwarz-gelbes Tuch für euch. Was waren denn eure bisher schlimmsten Erfahrungen mit Dortmundern?
Kai: Das Schlimmste war vor zwei Jahren, wo der Wellenreuther diesen Scheiß gegen Reus gemacht hat. So einen Kack kannst du im Derby nicht bringen. Das war ein Spielfehler vom Torwart und das geht bei so einem Spiel einfach nicht.

Und mit Dortmunder Fans? Gab es da schon problematische Situationen? Wurdet ihr schon mal geschubst, angespuckt,...?
Kai: Das nicht, wir können uns ja wehren.

Stefan

VICE Sports: Hand aufs Herz...äh Schalke-Wappen...kannst du mir verraten, woher die tiefe Abneigung gegen den Erzrivalen aus dem Ruhrgebiet kommt?
Stefan: Ja, das ist ganz einfach aus jahrzehntelanger Nicht-Leidenschaft erwachsen. Man kann und muss es vielleicht nicht mal richtig erklären können. Es gab immer einen Verein, den man nicht gemocht hat. Und ja, als Schalker mag man Dortmund eben nicht. Das ist einfach so.

Worum geht es denn im Revierderby?
Stefan: Es geht darum, dass man sich hier in der Region behauptet. Wenn wir gewinnen, ist gegenüber allen Dortmund-Fans klar, dass wir die Besten hier im Pott sind. Das ist auch nützlich. Im Freundeskreis kann man immer einen lockeren Spruch bringen.

Was war dein schönstes Derby?
Stefan: Das war natürlich das 4:0 damals in der Saison 2000/01, als wir die Dortmunder schön im Westfalenstadion mit vier Toren platt gemacht haben. Das war noch mit Mpenza und Sand. Da hat man sich gefühlt wie der König von Schalke.

Wo viel Licht ist, ist bekanntlich auch viel Schatten. Was waren deine düstersten Revier-Derby-Stunden?
Stefan: Das war aus sportlicher Sicht ganz klar das Derby in Dortmund in der Saison 2006/07. Wir waren Tabellenführer und haben noch am vorletzten Spieltag 2:0 in Dortmund verloren. Trotz eines Heimsiegs gegen Bielefeld am letzten Spieltag hat uns das BVB-Spiel am Ende den Titel gekostet. Das war schlimm. Schlimmer ging nur noch, als wir ein paar Jahre davor am letzten Spieltag der Saison 2000/01 dachten, wir wären schon Meister und dann auf einmal doch nicht.

Willy

VICE Sports: Wieso magst du den BVB nicht?
Willy: Früher war der Hass viel größer. Da bedeutete BVB gegen Schalke Krieg und Hass. Heutzutage ist das anders. Ich sehe das so: Der BVB ist der ungeliebte Bruder, den man nicht braucht. Jeder hat in der Familie ein schwarzes Schaf.

Würdest du also trotzdem sagen, dass zwischen dem BVB und S04 Hass gelebt wird?
Es gibt Leute, die hassen. Aber Hass ist ein sehr großes Wort. Wir können ohne die nicht und die können ohne uns nicht, das muss man erst mal verstehen. Was wäre Fußball ohne das Derby?

Kannst du mir vielleicht kurz erklären, wo diese Rivalität herkommt?
Wodurch die Rivalität geboren worden ist, das kann ich nicht sagen. Die war auf einmal da und es gab sie schon damals, als ich angefangen habe, zum Fußball zu gehen. Das war 1979. Man konnte sich nicht leiden. Das wurde einem direkt mit in die Wiege gelegt. Wenn du hier ins Stadion gekommen bist, hat man dir gesagt: „Egal, was du machst, Schwarz-Gelb kannst du nicht leiden". Das ist geblieben.

Worin äußert sich der Hass/die Rivalität?
Das äußert sich in Liedern, in Sprüchen, im Diebstahl gegenseitiger Fanartikel und leider auch in Ausschreitungen. In der heutigen Zeit ist außerdem das Internet als neue Dimension dazugekommen. Schon eine Woche vor dem Derby geht es richtig los. Meine BVB-Freunde und ich hauen uns dann richtig schön eins vor die Fresse. Da ist auch alle Wortwahl erlaubt und danach hat man sich wieder lieb. Zumindest bis zum nächsten Derby.

Du hast gerade von Ausschreitungen gesprochen. Was hältst du von Gewalt beim Revierderby?
Gewalt ist eigentlich nie gerechtfertigt. Gewalt ändert nichts und erzeugt nur Gegengewalt. Das ist der falsche Weg. Man sollte es mit Worten versuchen. Wir können singen, wir können tun und machen, worauf wir Lust haben. Von mir aus können wir uns im Kampfsaufen messen oder im Armdrücken, aber man muss sich nicht unbedingt prügeln. Sobald Unbeteiligte, wie Frauen und Kinder, Opas oder Omas, mit reingezogen werden, hört es für mich auf.

Jetzt hast du gesagt, man sollte es mit Worten versuchen...Was sind denn typische Anti-BVB Gesänge?
„Ladidadidadio BVB Hurensöhne", „Ihr seid nur ein Hurensohnverein", „Tod und Hass dem BVB".

Thema feindselige Inhalte: Kevin Großkreutz hat mal gesagt. „Schalker hasse ich wie die Pest." Was würdest du so jemandem gerne antworten?Ich habe sogar eine ganz direkte Antwort an ihn. Er hat nämlich damals glaube ich gesagt: „Wenn ich ein Kind kriege und das wird Schalker, dann kommt es ins Heim." Daraufhin habe ich diesen Schal hier machen lassen: „Lieber Schalker und im Heim als Großkreutz Sohn."

Was ist denn das größte Hassobjekt der Schalker im Bezug auf den BVB?
Wenn wir gerade schon von ihm sprechen: Großkreutz.

Du hast eben gesagt, du hast Freunde, die BVB-Fans sind. Kannst du das mit dir vereinbaren?
Mittlerweile geht das. Früher wäre das undenkbar gewesen, das gebe ich ganz ehrlich zu. Da hatte ich auch keine Doofmunder Freunde. Inzwischen hat sogar meine Tochter eine Zecke als Freund.

Und das kannst du heute so akzeptieren?
Das muss ich sogar akzeptieren. Die kriegen nämlich ein Kind. Was will man da auch machen? Das sind genauso Menschen, wenn auch zweiter Klasse. (lacht) Nein, Quatsch. Ich mache nur Spaß, es gibt natürlich keine Menschen zweiter Klasse. Aber es ist nun mal so: Jeder Mensch hat einen Fehler. Doofmunder haben eben einen großen.

Andi

VICE Sports: Kannst du mir verraten, ob du den BVB hasst?
Andi: Tue ich gar nicht.

Nervt dich nichts an den Dortmundern?
Andi: Naja, so viel nervt mich da nicht. Das sind halt „die Anderen". Die mag man nicht so, aber das gehört einfach dazu. Mit Hass hat das aber nichts zu tun.

Hass ist also das falsche Wort. Wie würdest du es eher beschreiben?
Andi: Rivalität.

Worin äußert sich die Rivalität denn am meisten?
Andi: In der jahrzehntelangen Rivalität. Dortmund gegen Schalke, das war schon immer so. Ich stand mit meinen Kumpels früher auch in der Kurve und wir haben „Tod und Hass dem BVB" gerufen. Aber das ist nun mal irgendwann durch. Wir sind ja keine 15 mehr. Solche Gesänge finde ich heute eher peinlich.

Wie wird denn die Rivalität unter den Fans gelebt?
Andi: Grundsätzlich wünscht man sich nichts Gutes. Man gönnt dem anderen keine Siege und freut sich, wenn sie ordentlich verlieren. Für die meisten ist es das, mehr aber auch nicht. Natürlich gibt es auch Leute, die ihren eigenen Bruder umbringen würden, wenn der Dortmunder wäre. Aber ich glaube, das sind Einzelfälle.

Wie weit darf diese Rivalität deiner Meinung nach gehen? Gehört Gewalt beim Revierderby in manchen Situationen dazu?
Grundsätzlich nicht. Das ist immer eine schwierige Frage. Wenn da eine Gruppe Dortmunder Nazis ist, klar kann man dann darüber nachdenken, ob Gewalt da nicht gerechtfertigt wäre. Aber nur aus purer Vereinsrivalität heraus nicht. Auf keinen Fall.

André

VICE Sports: Würdest du sagen, dass du Dortmund hasst?
André: Mhh, ja schon, aber das muss man differenzieren. Ich weiß nicht, ob „hassen" das richtige Wort ist. „Mögen" auf gar keinen Fall. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, würde ich schon sagen, dass es in Richtung Hass geht. Da wird man reingeboren.

Wie weit würdest du denn für deinen Verein gehen?
Es bleibt definitiv beim Anfeuern oder Singen. Ich persönlich würde definitiv keinen Schritt weitergehen in Richtung Gewalt.

Auch wenn es für dich selbst keine Option ist, inwiefern hast du allgemein ein Problem mit Ausschreitungen zwischen den Fanlagern?
Es kommt darauf an. Es gibt ja organisierte Treffen außerhalb, ohne dass Dritte mitreingezogen werden. Wenn die meinen, die müssen das machen, dann können die das gerne tun. Aber andere im Stadion oder auf dem Weg dorthin zu gefährden, geht gar nicht. Ich habe es selbst mal mitbekommen, dass Schalke-Fans im Zug zum Derby eine Mutter mit einem kleinen Kind, das ein Dortmund-Trikot anhatte, beschimpft haben. Da muss man schon differenzieren und vernünftig sein.

Was ist denn so das heftigste Erlebnis, das du mal mit Dortmundern hattest?
Das Schlimmste bei einem Derby war mal, als Pflastersteine geflogen sind. Wo dann jemand auch schon am Boden lag und noch reingetreten wurde. Das sind Situationen, in denen man natürlich selbst gucken muss: „Schützt du dich lieber selbst oder hilfst du da irgendwie?" Das ist bestimmt schon acht, neun Jahre her. In Dortmund damals. Ich finde im Übrigen auch, dass es bei uns ein bisschen organisierter beim Derby zugeht, dadurch dass der Auswärtsblock so eingekesselt ist. In Dortmund trifft man sich halt immer. Deshalb passiert da auch mehr als hier. So war es in der Vergangenheit zumindest.

Hast du wirklich schon mal die Erfahrung gemacht, dass dich ein Dortmunder angegriffen hat?
Ja, definitiv. Ich wurde schon oft beleidigt oder es flogen Flaschen. Was willst du auch machen, wenn du am Bahnsteig stehst? Du kannst ja nicht weg.

Was rufen die dann so?
Ist ja im Prinzip das Gleiche wie bei uns. Die rufen dann so Dinge wie „Schalker Scheiße, Hurensöhne" oder „Wir bringen euch um". Eine gesunde Rivalität gehört für mich aber auch dazu. Ich finde diese Gesänge gegeneinander cool und auch, dass man richtig heiß auf das Derby ist. Dieses ganze Geschreibe davor und danach mit deinen Dortmunder Freunden, das macht schon Spaß.

Die Dortmunder haben hier bei euch ja auch schon mal randaliert, das soll ziemlich heftig gewesen sein. Kannst du dich daran erinnern?
Ja, das müsste vor zwei Jahren hier in Gelsenkirchen gewesen sein. Da haben die Dortmunder Scheiben im Gästeblock eingeschlagen und mit Pyrotechnik etwas über die Stränge geschlagen, unter anderem auch eine Rakete in den Schalker Familienblock geschossen.

Was sagst du zu solchen Aktionen?
Das fand ich echt zu krass. So etwas habe ich in der Arena noch nie erlebt.

Bei all der Rivalität und der Antipathien, die S04 und der BVB hegen, gibt es auch etwas, was sie gemeinsam haben?
Definitiv. Es sind beides Traditionsvereine, beide aus dem Ruhrgebiet und sie haben sehr viele Anhänger und Mitglieder. Ich bin zum Beispiel auch großer Gladbach-Sympathisant, weil es da wirklich um Tradition geht. Das sind keine Retortenmannschaften wie Leverkusen, Hoffenheim oder Leipzig, die gemacht wurden, um Kohle zu machen. Wobei ich trotzdem zugeben muss, dass ich entgegen vieler anderer, die international immer zu den deutschen Teams halten würden, nie für Dortmund sein könnte. Nie.