Das Kollektiv Casual Gabberz ist die nächste Evolutionsstufe von Gabber

Das Kollektiv Casual Gabberz ist die nächste Evolutionsstufe von Gabber

Diese Gruppe junger Produzenten macht Gabber wieder clubtauglich. Ein neuer Film setzt ihnen jetzt ein erstes Denkmal.
28.3.17

Alle Screenshots aus Kevin El Amrani-Lince' Inutile de Fuir

"Was willst du von mir hören?! Dass ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe? Dass ich aufgestanden bin und nicht weiß, wohin ich gehe? (…) Dass ich da bin, aber auch nicht bin, nicht mehr bin. (…) Alles ist Bullshit und bedeutet nichts."

Ein Typ, jung, kurze Haare, Pulli, starrt eine Wand hinauf. Da läuft der Film Inutile de Fuir gerade mal acht Minuten. Schon wieder so ein Ding über Jugendliche auf Sinnsuche? Die alte Leier? Ja und nein. Mit den Aufnahmen setzt der Regisseur Kevin El Amarin-Lincedem Pariser Kollektiv Casual Gabberz ein kaum versiegeltes Denkmal – und dokumentiert eine Bewegung, die gerade dabei ist, Hardcore und Gabber wieder in der Clubszene, und ja, sogar bei Cloud Rap-Fans wieder populär zu machen.

Seit vier Jahren gibt es die Casual Gabberz. Inutile de Fuir heißt ihre im Februar erschiene Compilation, auf der sie über 40 Künstler versammelt haben. Der gleichnamige Film ist das visuelle Pendant zur Musik; ein Lebensgefühl, eingefangen in 80 Minuten Schwarz-Weiß-Bilder. Ein "Hybridfilm" (El Amarin-Lince) für Hybridmusik, denn:

Casual Gabberz stehen für Trap- und Electronica-Interpretationen von "Hard"-Stilen wie Hardcore, Gabber, Doom, Trance, Hardstyle, Jumpstyle und mehr; für eine Vermischung der brachialen Beats und schrillen Synthieflächen mit gegenwärtigen Clubsounds zwischen Cloud Rap und Techno. "Wir bewegen uns an der Grenze … Was wir versuchen, ist eher, 'Hardcore' in die 'traditionelle' Clubszene zu bringen", schreibt Paul Seul per E-mail.

"Als wir mit unseren Partys anfingen, war das Pariser Nachtleben zu ernst und extrem langweilig", so Aprile. Er und Paul Seul bilden gemeinsam mit Claude Murder, Von Bikräv und Evil Grimace den Kern des Kollektivs. Die meisten stießen schon als Kinder über die Fernsehwerbungen für das Riesenfestival "Thunderdome" auf Hardcore. Und dennoch ist das Internet ihre Hauptbezugsquelle: Für Claude Murder etwa war es ein Gabber-GIF, das ihn nachhaltig faszinierte und zur Musik brachte.

"Wir bewegen uns an der Grenze … Was wir versuchen, ist eher, 'Hardcore' in die 'traditionelle' Clubszene zu bringen." – Paul Seul

"Unsere Szene sieht definitiv nicht mehr aus wie die vorherigen Gabbergenerationen", beschreibt es Paul Seul. "Da mischen sich verschiedene Gruppen. Sie ziehen sich nicht gleich an, tanzen anders und haben (Danke INTERNET!) einen viel weiteren Zugang zu Musik als frühere Generationen."

Kevin El Amrani-Lince besucht seit einiger Zeit regelmäßig die Casual Gabberz-Nächte. Der Produzent Krampf, ein Freund von ihm, brachte ihn dann mit der Crew zusammen: "Sie haben mir für diesen Film absolute Freiheit gegeben." Schon vor Inutile de Fuir hatte der Musikvideofilmer ein längeres Werk gedreht, nämlich für das Kollaborationsalbum "Ténébreuse Musique" der beiden Rap-Acts Alkpote und Butter Bullets. Letztere waren es auch, die den Regisseur erstmals mit Hardcore in Verbindung brachten: Für ihre Raptracks sampeln sie schon seit Zeit Jahren Hardcore, Hardstyle und Trance.

El Amrani-Lince wollte "eine Welt abbilden, die für Parties gemacht wurde." Also begleitete er das Kollektiv monatelang, drehte von Oktober bis Dezember letzten Jahres, zwischen dem Großraum Paris und den Niederlanden sowie im polnischen Warschau. Für den fertigen Film verwendete er dann auch Archivmaterial.

Dass Inutile de Fuir allerdings diese fast schon ikonographische Schwarz-Weiß-Optik bekam, entschied El Amrani-Lince erst im Schneideraum. Mit dem legendären französischen 90er-Film Hass hatte das nichts zu tun, vielmehr mit der Nouvelle Vague und italienischem Neorealismus – und damit, die unterschiedlichen Aufnahmen zu vereinheitlichen.

Der Film entschleunigt die schnellen Tänze, nimmt mit mehreren Zeitlupen und vielen ruhigen Standaufnahmen das Tempo raus. Anders, als du es bei diesem Thema vielleicht erwarten würdest. Das verhält sich mit der Compilationmusik ähnlich: Zwar gibt es auch hier Tracks, die munter die BPM-Zahlen nach oben treiben, generell herrscht aber eine große Vielfalt.

"Wir kommen alle aus unterschiedlichen musikalischen Ecken", fasst es Von Bikräv zusammen. "Hardcore mit HipHop zu mixen, ist da nur eine natürliche Evolution für uns."

Gerade wenn du zu den Menschen gehörst, die Hardcore bislang zwar ganz interessant, dauerhaft aber zu eintönig fanden, dann tut sich hier eine neue Möglichkeit auf, dich in der Musik zu verlieren. Evil Grimace' "Bim Bim" etwa ist zwar der stumpfste Hit des Frühjahres, Krampf überzeugt derweil aber mit einer Schranzvermählung von Justin Bieber und Selena Gomez sowie verträumt-introvertierten Synthiearbeiten. Währenddessen kommen Dr Drakken und sein Track "1200 Kilograms" als anfänglich als Eurodance getarnter Oldschool-Techno-Spaß mit Hardcore-Reminiszenzen um die Ecke, bei dem du dir ein überraschtes Lachen kaum verkneifen kannst.

Die meisten Acts sind Freunde und haben schon auf den Casual Gabberz-Partys gespielt. Andere fand man übers Netz. "Es ist einfach alles Liebe", schreibt Evil Grimace dazu. Paul Seul: "Lange Zeit und gerade in Paris war Hardcore der 'arme Cousin' der französischen Electro-Szene. Seit den letzten drei, vier Jahren ändert sich das aber – wegen der Arbeit von Oldschool-Crews wie Party Uniq oder Audiogenic, und dem Entstehen von neuen Kollektiven wie unserem, die die Grenzen verwischen."

Für Inutile de Fuir-Regisseur El Amrani-Lince beinhaltet Gabber alle Komponenten einer Subkultur: "Musik, Tanz, Mode und soziale Repräsentation." Sein Blick auf die Szene ist durchaus romantisch verklärt, schweift aber auch ab auf Landschafts- und Stadtszenen, Computerspiele und, klar, Fußball. Schließlich ist zumindest die niederländische Hardcoreszene ja auch eng mit dem Fußballclub Feyenoord Rotterdam verbunden, zu dessen Fans u.a. auch Rotterdam Terror Corps gehören.

Am Ende ist Inutile de Fuir dadurch viel mehr, als "nur" ein Musikfilm: "Kevin hat zwar hier ein Nischenphänomen porträtiert", mein Paul Seul, "aber es ist ihm auch gelungen, Dinge hervorzuheben, die jeden Jugendlichen betreffen: Liebe, Reisen, Musik, Freunde, Inspirationen …" Seine Kamera hat die Crew dabei ein Stück weit auf einem Weg begleitet, den Seul "als einen neuen Weg für Hardcore an sich" sieht.

Dabei bleibe Hardcore immer "etwas so Radikales, dass man es nicht verstehen kann", schiebt er hinterher.

"Diese Wand ist schön", schließt der Junge vom Anfang seinen Monolog im Film. "Sie ist wie ich: im Schatten, unbefleckt."

Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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