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Funker530 ist der König des Kriegspornos

GoPro-Videos von Soldaten werden auf YouTube millionenfach angeschaut. Aber was macht die Allgegenwart dieser Bilder mit unserer Psyche?

von Christopher Looft
27 November 2015, 11:53am

Screenshot: Motherboard

Die GoPro ist die beliebteste und meist verkaufte Videokamera der Welt. Du als Zuschauer tauchst durch eine Kamera in die Welt eines Anderen ein: In die eines Fallschirmspringers. Eines Wingsuit-Sportlers. Und wenn du wirklich willst, auch in das Leben eines Soldaten, die mit der Waffe in der Hand gerade ums Überleben kämpft, auf seine Gegner schießen und Menschen töten muss.

Seit im Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts das erste Mal ein Brite mit seiner Kamera auf dem Schlachtfeld auftauchte, hat die Fotografie unser Bild vom Krieg verändert. Die Kriegsschauplätze im Irak und Afghanistan kann heute jeder, der Bilder von Mord und Überlebenskampf sehen will, als First-Person-Material streamen. GoPros machen die Soldaten selbst zu den Chronisten moderner Kriege. Es sind nicht mehr nur Journalisten, die der Öffentlichkeit die Realität des Krieges zeigen—dank der Helmkameras sind die Bilder des Schlachtfelds nur noch einen Klick auf YouTube entfernt. Ein Paradigmenwechsel in der Kriegsberichterstattung.

Der US-Veteran T.M. Gibbons-Neff sieht GoPro-Soldatenaufnahmen dagegen nüchtern: „Das ist einfach nur War Porn—das ist das richtige Wort dafür", urteilte er, als ich mit dem ehemaligen Marine-Soldaten und heutigen Washington Post-Journalisten über die Folgen der Allgegenwart der Kriegsbilder diskutierte.

Unter all den Soldatenaufnahmen vom Schlachtfeld sticht ein YouTube-Kanal hervor: Funker530 ist der König des Kriegspornos.

Funker530 bezeichnet sich selbst als „Veteranen-Community", betreibt eine Website und einen YouTube-Account. Der Kanal ist voll von drastischem Einsatz-Filmmaterial von Luftangriffen, Spezialeinheiten und Bombenanschläge, bei denen die Soldaten nur knapp dem Tod entkommen sind. Typische Videos tragen Titel wie „IED Explosion Flips MRAP[Truck] in Afghanistan - Failed Attack" oder „US Soldiers Eliminate Three Taliban Firefighters During Ambush"—nahezu jedes der vielen hundert Videos hat weit über 100.000 Aufrufe.

Das wohl meist beachtete Video wurde sogar über 30 Millionen angeschaut: Tief in den Bergen Afghanistans wird ein US-Soldat von scheinbar weit entfernten bewaffneten Aufständischen mehrfach getroffen. Das Video hat alle typischen Elemente eines Funker530-Videos: Das Gesicht des Soldaten ist nie zu sehen, nur seine Waffe dient am unteren Bildrand als konstanter Begleiter. Dazu fängt die 170-Grad-Umsicht der GoPro die Blickwelt des Soldaten mit der Verzerrung eines leichten Fischaugen-Effekts ein.

„Für jemanden, der nicht gedient hat, sieht das alles sicher ziemlich eigenartig und verstörend aus", sagt Gibbons-Neff über das Phänomen des War Porn. „Aber für einen Veteranen ist das nichts besonderes. Und für alle, die in dem Geschäft noch heute unterwegs sind, sind solche Bilder Alltag. Aber ich habe keine Ahnung, was die Aufnahmen mit unserer Psyche machen."

Manche Mediziner sehen in den Clips weniger die Gefahr der Abstumpfung, sondern eine Therapiemöglichkeit: Die Neurowissenschaftlerin Rachel Yehuda glaubt, dass die Videos für Veteranen ein erster Schritt für eine sogenannte Prolonged-Exposure-Therapie (PE) sein können. Bei einer solchen Behandlung konfrontieren sich Ex-Soldaten mit ihren Traumata, statt die Hintergründe einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu verdrängen. Die Ursachen sollen bewältigt, nicht verdrängt werden.

Könnte ein Veteran mit Hilfe des Kriegspornos beginnen, sein Trauma selbst zu behandeln?

„Wenn sich ein Soldat besser fühlt, nachdem er sich solche (Funker530-)Videos angeschaut hat, dann kann ihm eine PE-Therapie möglicherweise tatsächlich weiterhelfen. Besonders, wenn eine gewisse Besserung, aber keine Heilung durch diese Bilder auftritt. Viele psychotherapeutische Ansätze basieren darauf, sich den Auslösern auszusetzen."

Yehuda warnt allerdings auch, dass die Bilder auch alles nur noch schlimmer machen können. Selber an seinem Trauma zu arbeiten, kann nur der erste Schritt sein. Um eine richtige Behandlung zu erfahren, sollte man einen Therapeuten aufsuchen. „Ich bin immer dafür, dass es mehrere Möglichkeiten gibt", betonte Yehuda, die selbst am New Yorker Mount Sinai Krankenhaus arbeitet. „Wir brauchen eine große Bandbreite an Angeboten für Patienten mit PTBS; was dem einen hilft, kann bei anderen wirkungslos sein."

Die Macher hinter Funker530 verstehen ihre Arbeit nicht nur als Berichterstattung, sondern auch als Stütze für Veteranen, die traumatisiert aus dem modernen Krieg zurückkehren. In einem Essay mit dem Titel „Du bist nicht allein" schreibt ein Funker530-Blogger unter dem Alias „Josh" über den Alltag eines am Boden zerstörten Veteranen:

„You did your time and now you're left wondering. How did I get here? How was I capable of so much, yet now I am unable to do anything? Why am I at this dead end? One paycheck bleeds to the next. Your day starts at six, ends at six – wash, rinse, repeat. Nothing seems fulfilling, life's forward progress has halted. Staring into the mirror you look down those woeful thousand yards into your own soul and ask: "What has happened to me? What is wrong with me? Why do I feel like my life is the end of Rambo: First Blood? Why am I lying on the floor remembering every terrible second of my life?"

Was den Präsidenten von Funker530, Scott Funk, antreibt, ist schwer zu sagen. Funk spricht so gut wie nie mit Journalisten; zahlreiche meiner E-Mails und Telefonanrufe blieben unbeantwortet. Als ich ihn schließlich unter einer anderen Nummer erreichte und erklärte, dass ich an einer Reportage über seinen YouTube-Kanal arbeite, sagte er nur „Ja" und legte auf.

Scott Funk hat nur einmal einer Zeitung ein Interview gegeben und Statements von sich veröffentlichen lassen. 2013 sprach er unter der Bedingung, dass seine Anonymität gewahrt wird, mit der Washington Post. Warum Funk so vorsichtig gegenüber Medien ist, ist leicht zu verstehen. In einem Reddit-Kommentar beschreibt ein Nutzer mit dem Namen FunkerFiveThreeZero, dass er im kanadischen Militär in Afghanistan gedient habe und dass nach der Veröffentlichung des Videos mit den 30 Millionen Views plötzlich unzählige Medienanfragen reinkamen. Er sagte nur ein einziges Interview zu: Unter der Bedingung, dass es vor allem um seine wohltätige Arbeit gehen würde, die sich dem Thema PTBS widmet, sprach er mit ABC News. Stattdessen sei er mit angriffslustigen Fragen bombardiert und scharf kritisiert worden. Der Beitrag wurde nie veröffentlicht.

Paul Rubio, der lange zusammen mit Funk die Seite „Funker Tactical Media" betrieben hat, erklärte mir in einer E-Mail, dass die beiden seit dem vergangenen Jahr getrennte Wege gingen. Sie hätten sich aufgrund einer Meinungsverschiedenheit getrennt. „Es ging um das Monetarisieren des Soldatenmaterials und ob wir die Popularität der Aufnahmen nutzen, um Geld von Firmen zu nehmen.

Die Washington Post schätzte im Jahr 2013, dass ein Kanal mit der Reichweite von Funker530 rund 150.000 Dollar pro Jahr verdienen könne. Laut den Zahlen von VidlIQ, einem Analyse-Tool für YouTube-Werbung, kann heute ein Video mit einer Million Aufrufen rund 1,500 Dollar einbringen. Funker530 hat 353 Videos hochgeladen, die insgesamt 278 Millionen Views verzeichnen.

Edna Foa hat die PE-Therapie in den 1970er Jahren entwickelt und damit auch die Behandlung von PTBS revolutioniert. Sie glaubt nicht an die therapeutische der Funker530-Videos und widerspricht damit der Neurowissenschaftlerin Yehuda. Sie erklärte mir, dass die GoPro-Clips aus dem Kampf zwar entfernt an die Bilder erinnern, die auch im Zuge einer PE-Therapie gezeigt werden, aber die YouTube-Clips könnten niemals wirklich ein Trauma mindern—das ginge nur gemeinsam mit einem professionellen Arzt oder Therapeuten.

Ich warf gegenüber Foa ein, dass Soldaten ihre Zeit im Kampf nicht nur mit dem Schrecken des Krieges verbinden—viele Veteranen haben auch positive Erinnerungen an ihren Dienst im Einsatz. Yehuda selbst betonte diesen Aspekt gegenüber Sebastian Junger in einem Interview mit der Vanity Fair: „Für viele Soldaten es das wichtigste, dass sie je in ihrem Leben getan haben. Viele von ihnen sind so jung, wenn sie dienen—oft ist es das erste Mal, dass sie sich komplett frei fühlen können, frei von den sozialen Zwängen daheim. Viele vermissen diese Welt."

Die Psychologin Foa widerspricht Yehuda auch in diesem Punkt: „Wir reden hier nicht von schönen Urlaubsaufnahmen. Wir reden vom Schlachtfeld. Das sind grausame, zumindest schlimme und negative Situationen. Als Psychologin und als Mensch kann ich das nicht verstehen. Es erinnert mich an das Phänomen der Menschen, die an 9/11 stundenlang vor dem Fernseher saßen und wieder und wieder die Türme fallen sahen. Ich wüsste nicht, inwiefern das irgendwie hilfreich gewesen sein soll."

Was auch immer der Grund sein mag, diese drastischen GoPro-Aufnahmen direkt vom Schlachtfeld anzuschauen; fest steht, dass sie nur ein unvollständiges Bild vom Krieg zeigen: Die meisten der Clips von Funker530 sind nur wenige Minuten lang und können so nicht viel mehr als einen kurzen, wenn auch äußerst emotionalen und drastischen Ausschnitt des Soldatenlebens abbilden. Die Realität des Krieges jedoch besteht aus so vielen weiteren Facetten und Erfahren. Auch der Veteran Gibbons-Neff betonte mir gegenüber:

„Du siehst nur ein Prozent von dem, was diesen Moment ausmacht und was zu ihm geführt hat: Der ewige, angespannte Patrouillengang durch unsicheres Terrain mit einem 50 Kilo-Rucksack auf dem Rücken und neun Kameraden neben dir; die Tatsache, dass dein Wasser alle ist und du plötzlich in einem komplexen Hinterhalt gelandet bist. Diese Wirklichkeit können diese Videos niemals vermitteln."

Vor allem die Tatsache, dass die Funker530-Macher ihren millionenfach aufgerufenen GoPro-Aufnahmen einen therapeutischen Wert zuschreiben, stört die Psychologin Edna Foa: „Ohne irgendeine Studie zu behaupten, dass diese Videos hilfreich sein können? Ich bin damals mit der PE-Therapie erst an eine breite Öffentlichkeit gegangen, nachdem ich verschiedene Studien durchgeführt hatte, die zeigten, dass es funktioniert. Das alles einfach so zu verkaufen…" sagte sie mir, um sich nach einer kurzen Pause wieder zu sammeln:

„Mich macht das krank."