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Augmented Reality im KZ: Auschwitz Memorial wehrt sich gegen Pokémon Go

Pokémon Go-Entwickler Niantic geriet schon für die Spielbarkeit von Ingress in NS-Gedenkstätten in die Kritik—doch auch diesmal sind diese sensiblen Orte zunächst nicht ausgenommen.
12.7.16
Bild: Screenshot Twitter

Das Augmented-Reality-Spiel Pokémon Go lässt sich offenbar auch in der Gedenkstätte Auschwitz spielen, wie ein Besucher herausfand.

Der Spieler konnte direkt am Eingang der Gedenkstätte ein Rattata fangen, wovon er zum Beleg dem Online-Magazin selectall einen Screenshot mitschickte. Wieso ihm beim Lesen der Eingangsgedenktafel nicht Besseres einfiel, als mit seinem Smartphone nach Pokémon zu suchen, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

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Yes, You Can Catch Pokémon at Auschwitz (but please don't) https://t.co/2HdjYh7HHK pic.twitter.com/cOjDiSNNTh
— Pokemon Go Hysteria (@PokemonHysteria) July 12, 2016

Allerdings berichtete der Besucher auch, er habe in der Gedenkstätte Auschwitz ein „viereckiges, blaues Ding" entdeckt—was in den Symbolen des Spiels eigentlich nur einem PokéStop entsprechen kann. Bei PokéStops handelt es sich um Markierungen im Spiel, an denen man neben Süßigkeiten auch Munition für den Monsterfang gutgeschrieben bekommt—was an einem früheren Nazi-Konzentrationslager zumindest seltsam anmutet. In der Augmented-Reality-Welt von Pokémon Go ist ein PokéStop mit einem festen Ort in der echten Welt verbunden und wird nicht, wie die einzufangenden Pokémon, zufällig auf der Karte verteilt. Niantic hat sich bisher nicht zu dem Vorfall geäußert, weshalb die Echtheit der Screenshots auch noch nicht unabhängig bestätigt werden konnte.

Pokestop am Bahnhof #Dachau #PokemonGO pic.twitter.com/MTNuLlylqE
— Steffen Jost (@dermitdemDonut) July 13, 2016

Besonders überraschend ist das Ganze, weil Pokémon Go-Entwickler Niantic bereits in einem früheren Augmented-Reality-Spiel Erfahrungen mit historischen Stätten sammelte—im negativen Sinn. In Ingress treten die Spieler in Teams gegeneinander an und kämpfen um die Kontrolle über Orte in der echten Welt—darunter waren auch die Gedenkstätten Sachsenhausen, Auschwitz, Auschwitz-II-Birkenau und Dachau. In Sachsenhausen befanden sich zeitweise 74 solcher „Portale" genannten Markierungen, die es zu erobern galt.

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Update: Das Auschwitz Memorial hat Niantic inzwischen auf Twitter kritisiert. Gegenüber Motherboard bekräftigte ein Sprecher die Forderung und sagte, dass das Spiel in Gedenkstätten „nicht aktiv" sein dürfe: „Es ist den Opfern der Konzentrationslager gegenüber respektlos, dass es möglich ist, solche Spiele auf dem Gelände zu spielen. Das ist absolut unangebracht. Eine Gedenkstätte ist ein Ort des Gedenkens an all die Menschen, die [von den Nationalsozialisten] entmenschlicht, gequält und ermordet wurden." Man habe sich außerdem bereits mit der Bitte an Niantic gewendet, das Spielen auf dem Gelände der Gedenkstätte in Auschwitz zu verbieten, erklärte der Sprecher weiterhin. (Das ursprünglich auf englisch übersandte Statement findet sich in voller Länge am Ende des Textes.)

Nachdem mehrere Spieler in der Holocaust-Gedenkstätte in Washington Pokémon Go gespielt hatten und entsprechende Screenshots verbreiteten, hat sich auch das Holocaust Memorial Museum der US-Hauptstadt zu Wort gemeldet. „Das Spielen in unserem Museum, ist absolut nicht angebracht", erklärte der Museumssprecher Andrew Hollinger gegenüber der Washington Post. „Wir versuchen zu klären, wie wir das Museum aus dem Spiel ausschließen könnnen."

Woher kommen die Markierungen?

Wie Pokémon-Spieler herausgefunden haben, stößt man als Spieler regelmäßig auf PokéStops-Kartenmarkierungen, die denen von Ingress-Portalen entsprechen. Beobachter vermuten daher, dass Niantic zumindest einige Daten aus Ingress für Pokémon Go übernommen hat. Technisch dürfte es tatächlich recht einfach sein, diese umstrittenen Orte aus der Anwendung herauszueditieren. Anders als bei Ingress, wo die Portale von den Nutzern selbst angelegt wurden, handelt es sich bei PokéStops um feste, durch die Spielemacher vorgegeben Orte. Es ist allerdings wichtig zu betonen, dass die Pokémon Go offiziell noch gar nicht in Europa erschienen ist—dennoch spielen zahlreiche Gamer bereits eine inoffizielle APK-Version des Spiels.

DIe Auschwitz-Dahlem-Connection: Wie Anthropologen den NS-Rassenwahn legitimierten

Der Einsatz von Augmented Reality ist an historisch beladenen Orten natürlich nicht per se gut oder schlecht, sondern es kommt viel mehr auf die Anwendung im historischen Kontext an. Tatsächlich kann es sogar hilfreich sein, die Erfahrung des Besuchs einer Gedenkstätte mit Hilfe von AR authentischer zu gestalten. Gerade das Gefühl der Immersion und des Eindrucks, sich dabei im echten Leben zu befinden, würde den Schrecken besser verständlich und erlebbar machen als eine verstaubte Tafel.

Das Aufklärungspotential der Augmented Reality

Ein pauschales Augmented Reality-Verbot in historischen Stätten wie ehemaligen Konzentrationslagern als Reaktion auf einen Fauxpas wie im Falle Ingress würde also offenstichtlich viel zu kurz greifen. Wieder einmal kommt es nicht auf die Technologie an, sondern auf ihren Einsatz. Eine historische Anwendung, die dem Besucher das Gedenken erleichtert und den Besuch dieses Ortes mit Respekt und Demut ermöglicht, wäre wichtig. Hopsende Cartoon-Monster fangen, während man durch die Gänge des Holocaust-Mahnmals oder die Barracken von Buchenwald läuft, dienen keineswegs der Sache; genauso, wie Selfies vor dem „Arbeit macht frei"-Tor oder Versteckspielen im Holocaust-Mahnmal von Mitarbeitern, Überlebenden und ihren Angehörigen als respektlos empfunden werden.

Und so muss man, abgesehen von einem Appell an das Taktgefühl und die Vernunft der Spieler, wohl auch auf die Entwickler bauen. Nach Berichten und vielen Beschwerden rund um die Spielbarkeit von Ingress an NS-Gedenkstätten löschte Niantic nur 24 Stunden später die Portale in den NS-Gedenkstätten und gab folgendes Statement heraus: „Nachdem wir darauf aufmerksam gemacht wurden, dass eine Reihe historischer Marker auf den Geländen früherer deutscher Konzentrationslager hinzugefügt wurden, haben wir entschieden, dass so etwas nicht dem Geist unserer Richtlinien entspricht—und wir haben begonnen, sie in Deutschland und Europa zu entfernen."

Wir haben Niantic angefragt, ob sie die Spielbarkeit von Pokémon Go in Gedenkstätten bestätigen können und ob eine Entfernung der Pokémon Go-Elemente auch in diesem Fall geplant ist. Sobald wir eine Antwort erhalten, werden wir den Text entsprechend aktualisieren.

Update 13. Juli: Inzwischen haben Spieler offenbar auch in Washington Pokemon Go in der Gedenkstätte des US Holocaust Memorial Museum gespielt. Wir haben den Text entsprechend ergänzt und auch eine Antwort mit aufgenommen, die uns ein Sprecher der Gedenkstätte in Auschwitz übersendet hat. Wir veröffentlichen das Statement hier noch einmal in voller Länge auf englisch:

„Allowing such games to be active on the site of Auschwitz Memorial is disrespectful to the memory of the victims of the German Nazi concentration and extermination camp on many levels and is absolutely inappropriate. It's should not be active at our Memorial but also at other memorials and Holocaust museums. The authentic grounds of the former camp is a place of commemoration of all the people who suffered, were dehumanised and murdered here – Jews, Poles, Roma, Soviet POWs and others. It should be also a site of education for the visitors who come from all around the world. We have already written to the producers of the game and asked them not to allow the site of Auschwitz Memorial and other similar sites to be included in the game."