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Sich mutwillig nach dem Trinken zu übergeben, ergibt überhaupt keinen Sinn

Nein, kotzen vermindert nicht deinen Kater. Nein, es nüchtert dich nicht aus. Lass es einfach. Ein trockener Hinweis für mehr Körperbeherrschung.
19.12.14
Alte Malerei, die jemand beim Kotzen zeigt
​Kotzen nach zu viel Alkohol—eine liebgewonnene und doch so sinnlose Tradition. Bild: ​Wikimedia Commons​Sailko​Gemeinfrei 

Kotzen ist ekelhaft und ungesund. Ich hasse es. Es ist einfach ein widerliches Gefühl, wenn sich die brennende Magensäure in den Hals schiebt und aus dem Mund heraus schwappt.

Zu meinem Unglück leide ich seit meinem siebzehnten Geburtstag, als ich nach einer diffusen Nacht beschloss, mit meinem Mageninhalt voller Alkohol ins Bett zu gehen, und dann in einem Bett voller Kotze aufzuwachen, an einem chronischen Kontrollverlust über meine Magensäure.

Da ich auch einige Jahre später nur unwesentlich besser in der Vermeidung alkoholbeförderter Verdauungsunfälle bin, habe ich mich entschieden, die Realität so zu akzeptieren, wie sie ist—und wenigstens zu versuchen, mir mein Problem schön zu theoretisieren. Gibt es also wenigstens eine wissenschaftliche Erklärung dafür, dass irgendwie vorteilhaft ist, z.B. das Kotzen meinen Kater minimiert?

Ich habe diese wichtigen Fragen meines Lebens kürzlich an die einzige Person in meinem Umfeld gerichtet, die sowohl jahrelang meine Exzesse ertragen durfte und gleichzeitig mit fundierten wissenschaftlichen Kenntnissen aufwarten kann: Mein 53-jähriger Vater, ein erfahrener Chirurg.

Ich rief ihn also an und hoffte auf das vielleicht sinnvollste Vater-Sohn-Gespräch meines bisherigen Lebens: Eine Unterhaltung über das Erbrechen. „Kotzen gegen den Kater bringt's überhaupt nicht", erklärte mir mein Erzeuger nüchtern. „Du erbrichst ja auch nicht den Alkohol, der schon im Blut ist. Der wird ganz schnell absorbiert. Ob du jetzt im Bett liegst oder nicht, dein Körper muss ja immer noch das Blut säubern."

Selbst wenn du dir also nach jedem Drink den Finger in den Hals steckst, wirst du dich nicht weniger scheiße fühlen. Nur wenn du dich richtig fettig überfrisst und dazu Bier trinkst, kannst du deine Alkoholaufnahme auf bis zu einer Stunde verlängern. Aber bis du zu Hause bist, ist von der bremsenden Masse dann auch nichts mehr übrig. Außerdem ist der Alkohol dann ohnehin im Blut und lediglich 20 Prozent des Alkohols befinden sich in deiner Speiseröhre. Und eine Alkoholvergiftung kannst du leider auch nicht auskotzen.

Die Alkoholaufnahme im Blut. Nach 15 Minuten ist die Hälfte schon in der Blutbahn.

„Außerdem ist Kotzen sehr schlecht für deinen Körper", teilte mir meine persönliche Quelle der Weisheit trocken mit. Es ist also nicht nur total sinnlos, für einen sanfteren Kater zu reihern, es ist sogar ungesund. Niemand, noch nicht mal dein Körper, sitzt rum und wartet nur darauf, dass sich endlich ein Schwall Mageninhalt aus deinem Mund ergießt.

Die Magensäure in deinem Erbrochenen ist (Überraschung!) extrem sauer. Wer also viel kotzt, dem frisst es den Zahnschmelz weg, dein Zahnfleisch entzündet sich, genauso der Magen. Und wenn du es richtig übertreibst, dann kannst du dir vielleicht sogar ein paar Löcher in deine Magenschleimhaut ätzen. Ach ja, und wenn du eine Frau bist, kann dich vermehrtes Kotzen möglicherweise sogar unfruchtbar machen. Es gibt allerdings noch ​zu wenig wissensc​haftliche Untersuchungen zu diesem Thema, als dass du das als Freifahrtsschein für verantwortungslos besoffene One-Night-Stands ohne Kondom deuten könntest.

Barbiepuppe mit Kotze

Es ist nie nur der fettige Döner, sondern immer auch en Haufen Elektrolyte. Bild: ​Flic​kr, ​​​Alexandre Dulaunoy | ​CC-BY 2.0

Alles in allem echt beschissen, aber auch nicht tödlicher als eine durchschnittliche Freitagnacht, denkst du dir jetzt vielleicht. Damit hast du möglicherweise recht, aber dennoch musst du jetzt immer noch aufpassen, dass du dir nicht in die Lunge reiherst. Aspiration, so nennt sich diese körperliche Leistung nämlich, ist eigentlich nicht möglich, weil deine Lunge und deine Kotze normalerweise durch den Kehldeckel abgetrennt sind. Sollte aber doch etwas durch einen ungünstigen Shortcut in die Atemwege gelangen, wird es normalerweise wieder ausgekotzt—eine Körperbeherrschung die deinem Körper deutlich schwerer fällt, wenn du völlig hacke und bereits ohnmächtig bist.

Die Kotze kann deine empfindlichen Lungen unangenehm schnell kaputt machen, und das führt schlimmstenfalls zu Atemversagen und Ersticken. Ich habe einmal einen komatös besoffenen Jungen gesehen, der von seinen Freunden immer wieder in den Bauch getreten wurde, in der Hoffnung, dass er kotzen würde, statt im Schlaf an seinem Erbrochenen zu ersticken. Also, bevor du an Aspiration stirbst, treten dich deine Freunde hoffentlich einfach halbtot.

Mein Vater wies mich freundlicherweise daraufhin, dass es noch geht noch weiter geht! Wenn zu viel rauskommt, wird dein Körper müde und irgendwann hört auch dein Herz auf zu schlagen. Du kotzt nämlich nicht nur den fettigen Döner aus, sondern auch eine beträchtliche Menge Mineralien und Elektrolyte wie zum Beispiel Kalium. Diese Substanzen sind jedoch essentiell für die elektrische Aktivität in deinen Zellen, beispielsweise in den Muskeln. Zu wenig davon und dein Elektrolythaushalt wird so durcheinander geworfen, dass es erst zu Herzrythmusstörungen und schließlich zum Herzstillstand kommt. Alter Verwalter, dein Herz kann aufhören zu schlagen, wenn du zu viel kotzt!

Erbrechen ist eigentlich nur sinnvoll, wenn du etwas Falsches gegessen hast oder dein Wein vergiftet ist, weil jemand nach deinem Platz auf dem Thron trachtet.

„Manchmal kann es aber irgendwie auch ganz schön sein, zu kotzen," sinnierte mein Vater. „Stell dir mal vor, du lässt dich total volllaufen und dehnst deinen Magen mit der ganzen Flüssigkeit richtig aus. Da kann Kotzen schon gut tun. So als Akt der Befreiung." Klingt nach einer diffusen Legitimation für Überflüssiges übergeben: So lange du es nicht zu oft tust, kann Kotzen also irgendwie sogar in Ordnung sein.

Als abschließende Weisheit werden mir aber wohl für immer die Worte meines lieben Vaters im Kopf hängen bleiben:

„Es ist echt nicht gut für dich, Joost."