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Umstrittener Kopftransplantationsarzt testet seine Methode jetzt auch an Hunden

Der Hund wurde von dem Arzt so verletzt, dass er vollständig gelähmt war, um dann seine neue Transplantationsmethode zu testen. Nach dem Eingriff konnte das Tier scheinbar wieder einwandfrei laufen.
21.9.16
Die Genese des gelähmten Hundes | Bild: C-Yoon Kim et al., 2016

Der italienische Arzt Sergio Canavero hält unbeirrt an seiner für 2017 geplanten kontroversen Operation fest, bei der er erstmals einem Menschen einen Kopf transplantieren will. Nun hat er mit der kompletten Heilung eines Rückgrats einen weiteren Schritt zum Erfolg seines revolutionären Vorhabens hingelegt. Sagt er. Allerdings war sein Versuchskaninchen, das sich unter sein Messer legen musste, diesmal ein Hund, der nach der angeblichen Wiederherstellung seines zertrümmerten Rückenmarks jetzt wieder laufen kann.

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Die Methode, die Canavero zur Wiederherstellung der Nervenbahnen verwendet, beruht auf einer Infusion mit dem nichttoxischen Polymer Polyethyleneglycol (PEG), bei der er den betroffenen Bereich mit der Chemikalie spülen und in den nachfolgenden Stunden mit weiteren Injektionen fortfahren will, wie er in seinen Papers erklärt. Helen Thompson vom New Scientist fasst die Technik folgendermaßen zusammen: „So wie heißes Wasster trockene Spaghetti miteinander verklebt, verklebt sich durch Polyethylenglycol das Fett in den Zellmembranen."

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Bisher hatte der italienische Neurowissenschaftler bereits an Ratten, Mäusen und sogar einem Affen Kopftransplantationen mit mehr oder weniger großem Erfolg durchgeführt und sich in Fachkreisen damit einen eher fragwürdigen Ruf erarbeitet—nicht nur, weil die Operationen auf den ersten Blick offensichtlich einen recht gruseligen Beigeschmack haben, sondern weil immer wieder Zweifel an Canaveros wissenschaftlicher Seriösität laut werden. Leider gibt es keine ausführlichen, datenintensiven Dokumentationen der Operationen und der Genese nach den Eingriffen in den von Canavero selbst verfassten Papers, die er in Surgical Neurology International veröffentlicht hat.

Der Affe wurde beispielsweise nur 20 Stunden nach der Transplantation am Leben gehalten, so dass eine weitere Beobachtung nicht möglich war. Eine der Ratten zeigte nach zwei Tagen winzige Bewegungen und konnte nach zwei Wochen selbständig stehen und fressen. Die restlichen vier Ratten sollen hingegen während eines Hochwassers im Labor ums Leben gekommen sein. Eine Vorgangsweise, die von anderen Neurowissenschaftlern kritisiert wird. „Solche Ergebnisse veröffentlicht man nicht, man fängt noch mal von vorne an und vergrößert die Stichprobe", so Jerry Silver von der Case Western Reserve University, Ohio.

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Ähnlich verlief es mit den 16 Mäusen. Canavero injizierte acht Mäusen PEG in die abgetrennten Enden des Rückenmarks und der Vergleichsgruppe eine Kochsalzlösung. Nach vier Wochen konnten sich fünf der PEG-Mäuse ein wenig bewegen. Die anderen Versuchsobjekte, wie auch die gesamte Vergleichsgruppe blieben gelähmt und starben kurze Zeit nach dem Eingriff.

Nun erschien Anfang dieser Woche das neuste Paper des Chirurgen, wie immer begleitet von einem kurzen Video der medizinischen Studie. Versuchsobjekt In diesem Fall war ein Hund, dem eine Rückenmarksverletzung im Halswirbelbereich zugefügt worden war. Wie eine Untersuchung zeigte, war sein Rückenmark zu 90 Prozent verletzt, es wird jedoch kritisiert, dass diese nahezu vollständige Verletzung nicht histologisch, also durch Gewebeanalysen, bewiesen wurde. Eine vergleichbare Schädigung lässt sich übrigens bei Menschen mit Stichwunden im Rückenmark beobachten.

Nach der Prozedur mit PEG war der Hund vorerst vollständig gelähmt, konnte jedoch nach drei Tagen bereits minimale Bewegungen vornehmen. Nach zwei Wochen konnte er bereits seine Vorderbeine bewegen und nach der dritten Woche erstmals selbständig laufen. Eine Kontrollgruppe gab es in diesem Fall nicht, was von Canaveros Fachkollegen kritisiert wird.

„Der Hund ist eine Fallstudie und man kann von einem einzigen Tier ohne Kontrollgruppe nicht besonders viel lernen", kommentierte der Neurowissenschaftler Silver auf Nachfrage des New Scientist. „Sie behaupten, dass sie das Rückenmark zu 90 Prozent durchgetrennt hätten, aber dafür gibt es in dem Paper keinen Beweis, lediglich ein paar ungenaue Bilder."

Auch wenn die Heilung des Hundes geglückt sein sollte, eine menschliche Kopftransplantation ist noch meilenweit von dieser Grundlagenforschung entfernt. Vorerst kann auf dieser Basis an der Wiederherstellung des menschlichen Rückenmarks weitergeforscht werden. „So etwas wie eine Kopftransplantation ist noch weitere sieben oder acht Jahre entfernt", so der Medizinethiker der New York University, Arthur Caplan.

Doch Canavero lässt sich von seinen Skeptikern nicht einschüchtern. Im nächsten Paper möchte er nun eine histologische Analyse präsentieren, die die enorme Schädigung des Rückenmarks des Hundes zeigt.