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Ernährung

Meine vegane Ernährung unterstützt mich im Kampf gegen ALS

Nachdem bei mir ALS diagnostiziert wurde, war ich bald vollkommen gelähmt. Meine vegane Ernährung hat mir aber dabei geholfen, langsam die Kontrolle über meinen Körper wieder zurückzugewinnen.
04 Juni 2015, 11:00am
Foto rgourley via Flickr

Anmerkung der Redaktion: Anthony C. Quan, a.k.a. TEMPT, ist ein Graffiti-Künstler aus Los Angeles und sein Leben ist das Thema der 2012 erschienenen Dokumentation Getting Up: The TEMPT ONE Story. Er leidet seit elf Jahren an ALS und ist fast komplett gelähmt. Um weiterhin künstlerisch aktiv zu sein, verwendet Quan EyeWriter, einen Open-Source-Device, das dem Benutzer ermöglicht, Bewegungen der Augen zu Bildern umzuwandeln. Wenn du mehr von seinen künstlerischen Arbeiten sehen möchtest, besuch seine Facebook-Fanpage und seinen Blog.

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Ich begann mit der Graffitikunst Anfang der 80er in der Innenstadt von Los Angeles. In L.A. hänge ich mit meinen Homies der K2S, STN, LOD, 213, WTM,und FB Crews ab, in New York mit WILDSTYLE und NCW. Ich war Schlagzeuger in mehreren Punk-Bands im Osten L.A.s, habe Graffiti-Ausstellungen kuratiert und in den USA, in Mexiko und in Kanada gemalt. Meine Arbeiten wurden in Galerien und Museen auf der ganzen Welt ausgestellt.

Deshalb war Februar 2003 besonders beschissen. In diesem Monat wurde bei mir ALS diagnostiziert.

Es hieß, der Grund sei unbekannt, es gebe kein Heilmittel und mir bliebe ungefähr ein Jahr zu leben. Die Ärzte prophezeiten mir auch, dass ich während meiner restlichen Zeit auf der Welt zwar voll und ganz bei Sinnen, aber in einem 100-prozentig gelähmten Körper gefangen sein werde. Ein Körper, der sich nicht bewegen kann, der nicht kommunizieren kann, der nicht alleine pissen gehen kann, der nicht kauen oder schlucken kann oder von alleine atmen.

Der medizinische Terminus für diesen Zustand lautet „Locked-in Syndrom", umgangssprachlich auch: „Du bist komplett am Arsch, Junge". Ich wollte mich aber keinesfalls kampflos ergeben. Wenn ich schon untergehen würde, dann zumindest mit wehenden Fahnen und der Veganismus hielt mir den Rücken frei.

Solange ich mich erinnern kann, war ich ein Fan von Bohnen- und Käseburritos—richtig schön fettige mit so viel Schmelzkäse, dass das Öl vom Käse am unteren Ende hinaus und am Arm entlang floss. Alles andere war nicht gut genug. Mit diesen Torpedos von flüssiger Wonne wuchs ich auf.

Was meine Ernährung anbelangte, war ich der typische amerikanische Junge: Ich aß doppelte Chili-Cheeseburger, riesige Portionen carne asada_-Nachos, stopfte mich mit _fettuccini alfredo voll, bis mir beim Aufstehen schwindlig wurde, mampfte frittiertes Hähnchen und Fisch, holte bei All You Can Eat-Buffets so oft Nachschlag, bis sich das bezahlte Geld auch wirklich ausgezahlt hatte, und rannte um drei Uhr morgens zum besten Taco-Truck in der Nachbarschaft. Ich lebte eben in Südkalifornien, wo Fast Food und Drive-Ins erfunden wurden und wo man im warmen Schein der Hollywood-Fantasien nie an ein Morgen denken muss.

Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass ALS vor 100 Jahren noch nicht existierte. Wieso war das so? Wurde es falsch diagnostiziert oder kannte man ALS vor dem 20. Jahrhundert einfach nicht? Und wenn ALS vor 100 Jahre nicht existierte, was hat sich in diesen 100 geändert, dass diese Krankheit entstehen konnte? Der Hausverstand reicht aus, um zu kapieren, dass Dinge nicht einfach so passieren.

Ich beschloss, mich richtig ins Zeug zu legen und alles anzuwenden, was ich in meiner Punk Rock-Jugend gelernt hatte. Ich wollte alles über den Zusammenhang zwischen Gesundheit, Ernährung und ALS herausfinden. Mir war klar, dass mir nur noch wenig produktive Zeit blieb, weil sich der Zustand meines Körper ständig verschlechterte und ich mich immer weniger bewegen konnte. Ich verbrachte stundenlang in der Bibliothek und ganze Nächte im Internet. Die Leute um mich herum glaubten, dass ich verrückt würde und dass ich meine wenige Energie, die ich noch hatte, aufsparen sollte. Aber für was eigentlich? Meine Motivation war nicht von Angst geprägt, sondern von Überzeugung, Entschlossenheit, Zielstrebigkeit, der Krankheit Paroli zu bieten.

Zuerst ernährte ich mich nur noch vegan, dann nur noch mit Bio-Produkten. Ich beschloss ganz am Anfang, dass ich meinen Körper mit allen Nährstoffen und Vitaminen vollstopfen werde, die er braucht, um wieder einen natürlichen Zustand der Gesundheit und der Ausgeglichenheit zu erreichen. Mein Verdauungssystem gab langsam den Geist auf, also wär es das Einfachste, einfach literweise rohe Smoothies und Säfte zu trinken.

DENKEN: Von Smoothies und spaßgebremstem Essen

Die vergangenen elf Jahre habe ich mich an eine simple, vegane Ernährung gehalten. Das Frühstück und das Mittagessen besteht aus rohem Bio-Obst, Nüssen, Samen, Kokosmilch und Getreide (meistens Quinoa, Hirse oder Leinsamen). Am Abend esse ich verschiedenes grünes Blattgemüse wie Grünkohl, Mangold und Pak Choi, dazu Avocado, Tomaten, Pilze, Sprossengemüse, gelegentlich Brokkoli oder Blumenkohl und noch mehr Nüsse und Samen. Mal abgesehen vom Getreide esse ich nichts Gekochtes oder Aufgewärmtes, ich ernähre mich also fast ausschließlich von Rohkost. Meiner Erfahrung nach reicht es, innerhalb dieser Nahrungsmittelgruppen eine Balance zu finden. Alles wird in einen Blender geworfen und so lange gemixt, bis es flüssig genug ist, um durch meine Magensonde zu passen. Nur so kann ich heute essen, aber für mich ist das völlig in Ordnung.

Ich bin auch ein riesiger Fan von Säften**.**

Jeden Morgen presst mir meine Pflegekraft einen großen grünen Saft aus Gurken, Zitronen, grünen Äpfeln, Petersilie, Grünkohl und Mangold. Wenn mir danach ist, fügt sie noch Knoblauch, Ingwer oder Cayenne-Pfeffer hinzu. Grüne Säfte helfen, den Körper zu entgiften und zu entschlacken und mein Körper absorbiert sie extrem schnell. In wenigen Minuten sind die Nährstoffe in meinem ganzen Körper verteilt und reichen für den ganzen Tag aus.

Was hat mir das alles gebracht? Zugegeben, die ersten acht Jahre ging meine Lähmung nicht zurück. Im neunten Jahr fühlte ich mich aber anders. Ich kann es nur so beschreiben.

Nach außen hin war ich immer noch komplett gelähmt, aber mein Körperinneres wachte auf. Kennst du das Geräusch, das dein Auto macht, wenn die Batterie leer ist und du versuchst, dein Auto zu starten? KLICK. KLICK. KLICK. Das war mein Körper während der ersten acht Jahre. Im neunten Jahr wandelte sich mein Körper von einem Auto mit leerer Batterie zu einem mit voller Batterie, aber ohne Treibstoff.

Wenn ich jetzt meinen Schlüssel umdrehe, höre ich, wie der Motor versucht, anzuspringen. „Endlich! Ein Hoffnungsschimmer!", sagte ich zu mir selbst. Ja! Am Ende des zehnten Jahres erlangte mein großer Zeh an meinem rechten Fuß wieder ein ganz klein wenig Bewegungsfähigkeit zurück. Man konnte es fast gar nicht sehen, sodass man glauben könnte, dass es gar nicht zählt. Für mich aber schon.

Irgendetwas passierte. Trotz aller medizinischer Literatur, die besagt, dass ALS irreversibel ist, bewies mein Zeh das Gegenteil. Mittlerweile bin ich seit elf Jahren gelähmt und nicht nur mein großer Zeh bewegt sich von Monat zu Monat mehr, auch ein paar andere Zehen haben ihre Bewegungsfähigkeit zurückgewonnen. Und meine rechte Wade, meine Unterlippe, meine Zunge und mein Kiefer.

Ich weiß nicht, wie viel noch möglich ist, aber der kleine Fortschritt, den mein Körper gemacht hat, ist für mich ein riesiger Segen und ich freue mich, weiterhin herauszufinden, was mein Körper noch zulässt. Heute arbeite ich doppelt so hart wie damals, als ich mich noch bewegen konnten.

Oder wie meine Graffiti-Kollegen sagen würden: CAN'T STOP, WON'T STOP.