Popkultur

Über die Flucht aus Ägypten und das Filmemachen in Frankreich

Die brutale Unterdrückung von Homosexuellen hat mich dazu gebracht, Kairo für immer hinter mir zu lassen und ein neues Leben in Paris anzufangen.

von Ahmed Sleiman; aufgeschrieben von Aymeric Le Gall
29 Mai 2017, 7:00am

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie 'Neue Nachbarn', in der junge Geflüchtete aus ganz Europa für VICE.com schreiben. Lies hier das Editorial dazu.


Ahmed Sleiman* ist 31 Jahre alt und kommt aus Ägypten. Er lebt in einer WG in Paris.

Als junger Homosexueller konnte ich in meiner Heimat Ägypten kein normales Leben führen. Weder das Militärregime noch die Muslimbruderschaft haben je einen Hehl aus ihrem Hass auf Homosexuelle gemacht. Auch wenn es kein Gesetz gibt, das Homosexualität direkt verbietet, sind seit dem Militärputsch 2013 mindestens 250 Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender verhaftet und wegen "regelmäßiger Ausschweifungen" verurteilet worden. Die Strafen für Homosexuelle sind völlig absurd, es gab Haftstrafen zwischen zwei und 12 Jahren. Weil ich nicht im Gefängnis enden wollte, bin ich vor vier Jahren mit 27 über Saudi-Arabien aus Ägypten geflohen. Zuerst lebte ich eine Zeit in Südengland, dann zog ich nach Paris.

Anfangs konnte ich noch kein Wort Französisch. Ich wohnte bei einem Freund aus Palästina und mein Ziel war es, an der Uni die Landessprache zu lernen. Leider wurde ich nirgendwo angenommen. Ich hatte aber sowieso nicht genug Geld, um mir ein Studium leisten zu können.

Die Regierung zensiert alles, was das ägyptische Volk ihrer Meinung nach nicht sehen darf.

Am Ende bekam ich eine Zusage von einer Universität im Norden von Paris. Da herrscht eine relativ linke und offene Denkweise und ich bin wirklich froh, dort studieren zu können. Am Anfang belegte ich noch spezielle Französischkurse für Ausländer. Später wechselte ich ins Studienfach Film. Dort bin ich auch heute noch.

Seit ich klein bin, sind Filme meine Leidenschaft. Leider ist es in Ägypten sehr schwer, aus so einer Leidenschaft einen Job zu machen. Kunst oder Film kann man dort nämlich nur an Privatuniversitäten studieren – und die sind extrem teuer. Außerdem ist das Regime extrem wachsam. Die Regierungsmitarbeiter haben bei Filmproduktionen das Sagen und sie zensieren alles, was das ägyptische Volk ihrer Meinung nach nicht sehen darf.


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In meinem Lieblingsfach geht es um die Geschichte von Politik und sozialen Problemen im Film. Besonders gefallen mir dabei die Dokumentationen über politische und gesellschaftliche Entwicklungen – sie bringen uns so viel über die Welt bei. Als wir unser erstes eigenes Werk produzieren sollten, wusste ich deswegen auch direkt, dass ich in die gleiche Richtung gehen wollte. Ich entschied mich für ein Thema, das gleichermaßen persönlich und politisch ist: die Völkerwanderungen der Nubier.

Die Nubier sind eine ägyptische Minderheit, die ursprünglich aus Nubien im Süden Ägyptens stammt. Sie liegen schon seit Jahrzehnten mit der ägyptischen Regierung im Clinch. Zuerst mussten sie umziehen, als im Jahr 1902 der erste Assuan-Staudamm in Betrieb ging. In den 60er Jahren geschah das Ganze aufgrund des Assuan-Hochdamms erneut. Insgesamt mussten mehr als 100.000 Nubier ihre Heimat verlassen und in andere Teile Ägyptens oder ins Ausland ziehen. Sie versuchen immer noch, ihr Land zurückzubekommen, aber die Regierung weigert sich vehement. Die Rückkehr in ihre Heimat ist für die Nubier ein wichtiges Thema. Und da meine Familie aus Nubien stammt, ist das auch für mich ein wichtiges Thema.

In Ägypten wäre es viel schwieriger und vielleicht sogar gefährlich, so eine Dokumentation zu produzieren.

So ist meine Dokumentation über Nubier, die in Paris leben, zustande gekommen. Zwei Kommilitonen helfen mir dabei. Der Syrer Tarek* ist für das Drehbuch verantwortlich. Er weiß viel über das Thema und hat selbst schon zwei Filme über den Bürgerkrieg in Syrien gedreht. Adeline* aus dem Libanon steht hinter der Kamera. Gemeinsam schaffen wir es auf jeden Fall, unsere Dokumentation fertigzustellen – selbst mit unserem geringen Budget. Es mag vielleicht teurer sein, in Frankreich zu filmen, aber immerhin eckt man mit dem Thema der Nubier hier nicht an. In Ägypten wäre es viel schwieriger und vielleicht sogar gefährlich, so eine Dokumentation zu produzieren.

Ich liebe mein Leben in Paris wegen der überschäumenden Kunst- und Kulturszene. Ich bin auch Teil eines Theater-Ensembles und spiele in einer Band. Wir sind schon ein paar Mal in einer Bar nahe des Place de la République aufgetreten. Aber eigentlich habe ich nicht so viel Freizeit, weil ich nebenbei noch an einem weiteren Projekt mit anderen ausländischen Studenten der Uni arbeite. Darin geht es um unsere Community und die Tatsache, dass wir zusammen so ziemlich jede Sprache dieser Welt sprechen. Wir beschäftigen uns damit, wie es ist als Auswärtige weit weg von der Heimat in Frankreich zu leben und zu studieren. Das wollen wir für den Rest der Welt dokumentieren.

Illustration von Ana Jaks

* Namen von der Redaktion geändert.

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